Stefanie
Stallschus
Das Bewußtsein der Dinge
Die Moderne scheidet unerbittlich zwischen dem Lebendigen
und dem Toten, zwischen Menschen und Gegenständen, Subjekten
und Objekten, Sehen und Gesehenwerden. Gerade deshalb ist diese
Trennung in der Kunst und Literatur der Moderne bewußt und
auf vielfältige Weise unterlaufen worden, häufig im Rückgriff
auf sogenannte vormoderne oder primitive Vorstellungen und Konzepte.
Mit der Diskussion um Hybride, Cyborgs, digitale Maschinen usw.
hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die „Quasi-Objekt-Subjekte“
maßgeblich die gegenwärtige soziale Praxis begründen
und prägen.
Im Arbeitskreis menschenformen ist dieser Sachverhalt
in verschiedenen Zusammenhängen diskutiert worden, vgl. die
Texte von Latour 1994, Harraway 1995, Treusch-Dieter 1999. Das Interesse
an den lebendigen Dingen, ihrer Eigenständigkeit und Unzucht
steht in einem engen Zusammenhang mit der Reflexion von Wahrnehmung,
ihrer Historizität und ihrer medialen Bedingungen. Fotografie
und Film werden als Verfahren beschrieben, die zugleich ein entsubjektiviertes
Sehen und einen universellen Animismus forcieren. Bewußtsein
wird unter diesen Voraussetzungen zu einer nicht verortbaren, sich
jeweils neu konstituierenden Atmosphäre.
„Es sind die Dinge die aus sich selbst leuchten,
ohne daß irgendetwas sie beleuchten würde: alles Bewußtsein
ist etwas, es fällt mit der Sache zusammen, das heißt
mit dem Bild des Lichts. Dennoch handelt es sich um ein richtiges
Bewußtsein, das sich überall verteilt und nicht enthüllt;
es handelt sich wirklich um ein bereits aufgenommenes und entwickeltes
Foto in allen Dingen und für alle Punkte, wenngleich um ein
‚transluzides‘. Wenn es später dazu kommt, daß
sich im Universum ein faktisches Bewußtsein herausbildet,
an dieser oder jener Stelle im zwei-dimensinalen Raum der Immanenz,
dann deswegen, weil ganz besondere Bilder das Licht absorbieren
oder reflektieren und den ‚schwarzen Schichtträger‘
liefern, der der Plattenbeschich-tung fehlte. Kurz, nicht das Bewußtsein
ist Licht, sondern die Menge der Bilder – oder das Licht,
das der Materie immanent ist – ist Bewußtsein“
(Deleuze 1997, S. 90).
Leitfragen einer systematischen Vertiefung des Themas
könnten sein:
- welche theoretischen Fassungen eines „Bewußtseins
der Dinge“ lassen sich finden, in welchen Zusammenhängen
stehen sie, welche offenen Fragen hinterlassen sie?
- wo wird das „Bewußtsein der Dinge“
sichtbar?
- welche Strategien der (künstlerischen) Darstellung
lassen sich erkennen?
Auswahl an Texten:
Baudrillard, Jean: Das System der Dinge. Über unser Verhältnis
zu den alltäglichen Gegenständen, FFM u.a. 1991
Benjamin, Walter: Das Passagen-Werk. Gesammelte Schriften Bd.V,
FFM 1991
Crary, Jonathan: Aufmerksamkeit und moderne Kultur, FFM 2002
Deleuze, Gilles: Das Bewegungs-Bild. Kino 1, FFM 1997
Latour, Bruno: Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen
Anthropologie, Berlin 1994
Mitchell, W.J.T.: Romanticism and the Life of Things. Fossils, Totems
and Images, in: Critiqual Inquiry 28 (2001), S. 167-185
Reck, Hans Ulrich/ Szeemann, Harald (Hg.): Junggesellenmaschinen,
Wien 1999
Auswahl an künstlerischen Arbeiten:
der amerikanische Experimentalfilm (z.B. Brakhage, Snow u.a.)
Jacob Mattner (Wie die Bilder die Kamera sehen 1991)
Mark Manders (Self-Portrait as a Building 1986ff.)
Florian Kleinefenn / Fritz Rahmann (Reise in Camera 1984)
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