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Davor Löffler
ABSCHIED
DER RÄUME
(zur Tagung Chaosmatische
Anthropologie am 5. Juli 2003)
I Postmoderne
Raumkonstitutionsachsen | Expansivität, Extensionalität
| Ökologie des Raumes | Sperrigkeiten
der Schrift | Technoage | Prospekt:
Freiheitsgraduierung | Abschied der Räume
| Anmerkungen |
In den vergangenen
Jahren ist eine starke Zunahme an kultur- und sozialwissenschaftlichen
Publikationen zum Thema "Raum" zu beobachten. Alle weisen dieselbe
Selbstbegründung auf: die neuen Technologien der Vernetzung machen
die neuzeitliche Vorstellung des Raumes als einen apriorischen,
grenzenlosen Container der Wesen und Dinge obsolet. (1) Die plötzliche
Fragwürdigkeit des Raumes lässt sich aber nunmehr schlecht im Untersuchungsverhältnis
Wissenschaft/Raum bewältigen, ist doch die wissenschaftliche Theoriebildung
selbst dem eigentlichen Paradigma der Neuzeit, der institutionalisierten
Raumschaffung, Raumabsteckung, anhängig. Nur eine Neubewertung der
Relationen zwischen Mensch, Raum und Neuzeit kann eben im Aufzeigen
des Zustandekommens dieses wie zu zeigen sein wird auch für das
Menschsein folgenschweren Dilemmas eine Ausflucht daraus bieten.
Diese Arbeit versucht dies zu leisten, indem zunächst drei Achsen
aktueller Raumkodifizierungsversuche vorgestellt und umgehend reduziert
werden mit dem Ergebnis eines allgemeineren Raumbegriffes. Im Folgenden
wird sich zeigen, daß der Raum weniger als Definition gefasst fruchtbar
ist, sondern mehr dem Status einer Formel entsprechen muss. Diese
Formel soll an der Neuzeit durchexerziert werden und schließlich
zum Ausgangpunkt, dem Abschied der Räume, zurückführen.
Postmoderne
Raumkonstitutionsachsen
In Martina
Löws "Raumsoziologie" (2) werden nach Friedrich von Weizsäcker zwei
Raumvorstellungen unterschieden: der absolutistische Raum, der sich
als eine plane Fläche, als ein euklidisch eingerahmter Container
der Dinge darstellt und den relationalen Raum, der über die Verhältnisse
von Dingen eingespannt wird, praktisch Beziehungen manifestiert.
Beide Raumvorstellungen sind jedoch in Löws Augen unzureichend,
um die anstehenden großen Umwälzungen fassen zu können. Allein das
Telefon oder die Verinselung in Städten untergraben den absoluten
Raum, andererseits bilden ja gerade Orte wie das Zuhause oder der
Flughafen wiederum durchaus Container, die nicht allein relational
betrachtet werden können. Löws Angebot ist es, den Raum nun als
"eine relationale (An)Ordnung von Lebewesen und sozialen Gütern
und Menschen an Orten" (3) zu betrachten. Der Zugang zu sozialen
Ressourcen, d.h. zu Bourdieus Kapitalarten (kulturelles, ökonomisches,
soziales, plus Geschlechtszugehörigkeit), bestimmt die (An)Ordnung
von Dingen und Lebewesen, womit sich die Ressourcenverteilungsordnung
einer Gesellschaft auf die hermetisch geregelten Orte, habituell
entfalteten Atmosphären und damit den erlebbaren Raum überträgt
und sich darin konfirmiert.
Die Konstitution von Raum ist bei Löw also das Ergebnis von Handlungen
und Verhältnissen in kapitalhierarchisierter Klassengesellschaft.
Exemplarisch
für einen anderen Raumanschnitt lässt sich Pierre Levy anführen,
der "Internet und Sinnkrise" (4) nach wissenssoziologisch-medialogischen
Gesichtspunkten untersucht.
Jeglicher Sinn ist für Levy kulturgegeben, entsprechend ist die
Kultur ein Netz aus Symbolen, das Erfahrungen einstrukturiert. Kultur
beruht nun auf der ´Leere´, da ein letzter oder tiefster Sinn ja
wiederum durch ein Symbol markiert werden müsste und folglich kein
letzter Sinn wäre. Um diese Bodenlosigkeit zu überwinden bietet
Kultur den Individuen ein Terrain der Symbole. Kultur selbst wird
dann zur Schöpfung, wenn Individuen auf fremdes Symbolterrain gestoßen
werden, was eben in ausgeführter Globalisierung in exklusivster
Form geschieht. Damit wird Menschengemeinschaft zum erstenmal dazu
gedrängt, die Leere mit ins Kalkül zu nehmen und beginnt in einer
"Postkultur" die Offenheit jeglicher Symbolsysteme zu experimentieren.
(5)
Auf den ersten Blick scheint Levy noch den absolutistischen Raumbegriff
zu vertreten, der Raum ist ihm ein Container an Geschehnissen, ein
umgrenztes Erlebnishabitat, aus dem sich die Symbole rekrutieren.
Jedoch: Raum stellt sich erst in der Kommunikation der in Symbole
umgesetzten Erfahrungen heraus, im nachfolgenden Gebrauch von kulturellem
Sinn bekommt er erst seine Realität. Der Raum zieht sich gewissermaßen
selbst hervor - trifft der Mensch auf eine Erfahrung verschwindet
der Raum zwischen den Berührten und transzendiert sich ins Symbolsystem,
was ihn dann erst "sichtbar" macht. Raum erscheint hier quasi als
Außenhaut von Kommunikation.
Peter Sloterdijk
ist sich der Bodenlosigkeit jeglicher Symbolsysteme bewusst und
so schließt er diese Weisheit in "Anthropogonischer Exodus" (6)
mit harter Paläoanthropolgie kurz: der Mensch (als Aufgang zum Sein)
selbst sei ein Produkt vor-menschlicher Hordenzustände und deren
Raumausscheidungen. Nach Heidegger übersetzt er das Menschen-Wesen
in eine Sphäre von "Sein und Raum". Vier hordische Raumphasen durchdringen
die Menschwerdung.
In der Insulation gegen den Selektionsdruck werden in der
Horde Sicherheitsräume (beispielsweise Mutter-Kind-Raum, Raum unter
der Wache auf dem Ausguck) produziert mit dem Nebeneffekt der nun
mit einem höheren "Standard an luxurierender Kommunikativität zwischen
den Nutznießern" (7) zu besetzenden Selektionsdruckfreiräume.
Körperausschaltung mit Technik (8) wie dem Steinwurf oder
Astschwung distanziert das Menschwesen aus der Naturdrift und schafft
ein Raumgewölk um die sich einschanzenden Protohominen - und noch
mehr: "Der Blick, der hinter einem geworfenen Stein herschaut, ist
die erste Vorform von Theorie, und das Stimmigkeitsgefühl, das bei
einem Wurferfolg, einem Treffer, einem wirkungsvollen Schlag aufkommt,
ist die erste Stufe einer post-animalischen Wahrheitsfunktion."
(9)
Einen großen Schritt markiert die Neotenie: Im Schutzraum
ermöglicht, treibt die Infantilisierung, die Frühgeburtlichkeit
über die der Ausdehnung der Gegenwart auf die Zukunft des unausgewachsenen,
halbtauglichen Körpers entspringende Sorge um sich den entscheidenden
Moment der Verzeitigung, der Vergeschichtlichung aus. Es entsteht
Zeitraum als Bewußtsein für die Erwartbarkeit von auf-, von an-kommenden
Umständen und gibt damit dem Raum eine Explorationsqualität, belegt
ihn mit (Ein)Greifbarkeit, die wiederum Mythen zur Handlungssynchronisation,
zur Handlungssicherheit der Horde nach sich zieht.
Am Rande des eingehegten Raumes herrscht ein starkes Risikogefälle
gegen die Unwägbarkeiten der Umwelt, des Ankommenden, das über Strategien
der "Weltbefreundung" ausgeglichen wird: Sprache und Religion balsamieren
(10) als Übertragung des "Ge-Wohnten" neue, un-heimliche Situationen,
Territorien ein. Diese "Sphären der Einfühlung" eröffnen Kanäle
ins Ekstatische.
Unterm Strich ist Raum bei Sloterdijk eine Invertierung der Freiheitsgrade
vom Leben gedrängter, zum Sein gezogener Körper.
Während Martina
Löw den Raum als ein vom Ressourcenfluss und seiner Zuweisungshierarchien
strukturiertes Produkt sieht, ist er bei Pierre Levy eine Art zwar
an sich bodenloser, jedoch kulturell ein- bzw. kommunikativ ausgezäunter
Behälter an zu Symbolen und Sinn führender Reibung mit der Umwelt
und bei Peter Sloterdijk am Bios, an den Ausbreitungen von Mustern
des Lebens selbst anhängig. Allen gemeinsam ist die offensichtliche
Abkehr vom modernen Raumverständnis, vom newtonschen, euklidischen
Raum: die Konstitutionen des Raumes verflüchtigen sich in den Köpfen
arbeitender Bürger (Löw), zwischen sprechenden Köpfen (Levy) und
seinssüchtigen Körpern (Sloterdijk).
Expansivität,
Extensionalität
Allgemein gesprochen
markiert die Raumthematisierung das plötzliche Evidentwerden von
Begrenzungen des entgrenzten Menschenbildes, die im Aufzeigen ihrer
Regelhaftigkeiten wieder handhabbar zu machen versucht werden. (11)
Die wissenschaftliche Theoriebildung aber ist schlechterdings immer
Expansionseingrenzung bzw. Raumschaffung, da sie versucht, Böden
der Regelhaftigkeit abzustecken und Gewissheit einzuräumen mit dem
Ziel, Landkarten von dessem was "ist" herzustellen. Offenkundig
wird hier: jeder oben gezeigte Versuch über den Raum einzeln betrachtet
zeigt den Raum als eine Art Dimensionalität der Expansion, als Einmaß
der Ausbreitung, als ´Einform´, Grenzung der Expansion. Expansiv
bedeutet in diesem Zusammenhang, daß der wissenschaftliche Bestand
eines untersuchten Objektes, also der Befund an Wissen von Etwas,
eng an die Herangehensweise gekoppelt ist und in sich den kompletten
Weg, die kompletten unterliegenden Paradigmen enthält, die zu der
befundenen Unterscheidung geführt haben und diese somit nicht von
vorhergegangenen Denklinien (wenn sie auch kreativ kombiniert werden)
frei ist und wie auch immer "reines" Wissen darstellen könnte, sondern
eine kulturell distinkte Schiene ausagiert und damit ein Feld über
die Ausspielung seiner Möglichkeiten zur weiteren Expansion bringt,
das nun eben aufgrund des zu durchlaufenden Auswahlbestandes nicht
universell sein kann, sondern lediglich ein Expansivartefakt (in)
einer Medialmasse. Dieses bezogen auf den Fall der Räumekonzeptierung
zeigt, daß die jeweiligen von bestimmten Ebenen her konstituierten
Raumverständnisse darum von diesen Ebenen, ihren Konstituenten selbst
gegen die anderen Konzepte, Raumkonzepte, Raumkonstituenten eingegrenzt
sind. Es liegt der Schluss nahe, daß ein expansitär verstandener,
umfangener Raum in einem "anderen" Raum liegen muss.
Aus diesem Gedankengang
ergeben sich zwei Grundsätze zur Annäherung an den Raum:
- Raum kann
ohne eine Flexion der Wissenschaft, der Wahrheitsfindung nicht
gefasst werden. Flexion bedeutet eine Beugung der Wissenschaft
und der Wahrheitsfindung, eine Einbettung des Wahrheitsgehaltes
der Wahrheitsfindung selbst zu vollführen; nicht eine Reflektion
soll vonstatten gehen, da das Reflektionsmedium immer von etwas
Bestehendem reduziert oder referenziert und deshalb nur zu weiterer
Differenzierung führt ohne das Grundprogramm zu ändern. (12)
- Raum kann
nicht als expansitär angenommen werden, da die Beschreibung selbst
expansitär ist.
Es stellt sich
folglich die Frage, wodurch oder worin Wissenschaft, Raumgrenzung
eingeräumt ist. Worin kann Raum sein, gibt es Fixpunkte, Fixprozesse
seiner Eingespanntheit? Damit ist der allgemeinere Begriff von Raum
konturiert: Raum soll im Folgenden bedeuten Extensionvermögen.
Raum als Extensionsvermögen anzunehmen übersetzt den Beobachtungswinkel
von der nach dem Außen geeichten, unilateralen Expansivität in die
"Nulllateralität" der Grenzlinie, die Bestandslosigkeit, in die
Extensionalität hinein und statt der reellen Möglichkeiten der Ausbreitung
eröffnen sich nun Eingespanntheiten, komplexe Determinanten des
Ausfächerungspotentials.
Im nächsten
Kapitel soll versucht werden, die Extensionalität entlang Peter
Sloterdijks Hinweis auf die Triade Mensch-Raum-Wahrheit aufzuzeigen.
Eine
Ökologie des Raumes
Die Körperausschaltung
durch Werkzeuggebrauch (oder poppiger: die Virtualisierung)
begründet nach Sloterdijk die "antropogonische Drift" aus dem Umweltring,
deren Hauptmerkmal darin besteht, den "Vormenschen von der Notwendigkeit
organismischer Anpassung an die Umwelt zu emanzipieren." (13) Der
Vormensch ent-wirft sich vom Projektil: der Wurftreffer markiert
ihm einen evidenten, wahren Zusammenhang zwischen seiner noch als
intern (nicht)empfundenen Handlung und ihres in der außer Reichweite
liegenden Effektes, woraufhin das eigene Handeln als Zentrum des
neuen Zusammenhangsraumes Gestalt annimmt. Die Wahrheit liegt auf
der Hand: aus motivlos turbulenten Astschwüngen wird intentionaler,
wissender Astschlag. Die hier sofort anspringende Frage, wie es
denn vor sich geht, was dazu nötig ist, daß sich aus zufälligem
Herumhandeln die Regelhaftigkeit einer Technik herausbilden kann,
beantwortet Sloterdijk nun leider eher halblaut: zum einen unterstellt
er ein "Stimmigkeitsgefühl", zum anderen wirken Zustimmungslaute
der Mitvormenschen verstärkend. (14) Dies aber ist eine Leerstelle
in seiner Argumentation, denn sie weist nicht auf die eigentliche
Modalität der zustimmenden Raumautoren, auf die Verfassung des sich
vom Brocken Erde Ent-werfenden: was ist die Voraussetzung um einen
Treffer regelmäßig landen zu können oder was heißt denn "eine Technik
anwenden", woher kommt das Stimmigkeitsgefühl oder kurz, was stimmt
da überein?
Die Flugbahn
des Steines (15) also konturiert Raum, Wahrheit und Mensch - nicht
aber eine beliebige Flugbahn, sondern einzig die zum Treffer führende.
Dazu muss zunächst eine grundlegende Voraussetzung erfüllt sein:
erst eine ausdifferenzierte, d.h. vom reinen Reflex autonome Motorik
(Muskulatur und Hirnareal) erlaubt es überhaupt, eine energetisch
zunächst so unsinnige Bewegung zu vollführen wie den Steinwurf.
(16) Dieses Vermögen geht mit der Evolution der Großhirnrinde einher,
die sich über das für die Koordinationsreflexe zuständige Kleinhirn
stülpt und damit das auf einen Reiz folgende Reaktionsschemaoutput
offenbar zu retardieren und dessen Verrechnungskomplexität zu exponenzieren
vermag.
Das neuronale, durch Parallelverarbeitung geöffnete Zeitfenster
(und wohl auch das Selektionsdruckfreizeitfenster der Insulation)
lässt damit ein spielerisches Herangehen an die zunächst ´unnützen´
Umweltdinge zu. Aber beliebig kann das Spielen nicht sein, denn
um im Rahmen der (biologischen) Energieerhaltung zu bleiben ist
auch im Großhirn eine energieeffiziente Einspurung (17) von Impulsübertragungsnetzen
notwendig bzw. ergibt sich aus der Verstärkung einer Aktion durch
ihren Erfolg (sonst hätte es ja keinen Zweck, die Reflexbefehle
des Kleinhirns übergehen zu wollen). Das Großhirn ermöglicht also
nicht mehr Freiheitsgrade als jene, die von der Biomechanik oder
die Sinne berücksichtigend der Biokybernetik des Körpers vorgegeben
sind, sie kann sie höchstens potenzieren, an neue Maxima treiben.
Im Experimentieren eben kommt diese Funktion zum Tragen: es werden
Variationen des Möglichen versucht um das Verhältnis von gegebener
Lage zu optimaler Verhaltensweise (neurologisch) zu plastinieren.
Das Stimmigkeitsgefühl,
das bei Sloterdijk mit der korrekten Flugbahn einhergeht und Theorie
und Wahrheit löst, ist folglich das Übereinstimmigkeitsgefühl des
Verhältnisses Lage und Verhaltensweise. Erstaunlich nun, daß die
Naturdistanzierung, die Körperausschaltung angewiesen ist auf eine
Übereinstimmung von Körper und Umwelt (nach Maßgabe der Bedürfnisse).
Der Moment, der den Körper aus der biologischen Drift ausschaltet,
bedarf der möglichst genauen, möglichst plastischen Virtualisierung
des Körpervermögens und des Umweltbestandes, der Modellierung aller
Wirkungen und Kräfte des tatsächlichen Raumes in einem Raum, der
nicht wirklich da ist, außer bestenfalls in der Metazeitlichkeit
der Parallelverarbeitung schlummernd. In diesem komplexen Raum liegt
das Ereignis Ent-wurf: es lebt unmessbar kurz auf, wenn der Stein
einem motivierten Impuls überlassen wird. Der reelle Raum hingegen,
das, was den Körper tatsächlich als herausgehoben erscheinen lässt,
ist beobachtbar, messbar: die Fernwunschwirkung beruht auf der Verschränkung
von Biomechanik und Mechanik. Es zeigt sich, daß die aus den Regeln
der Mechanik ausdifferenzierte Biomechanik sozusagen wieder "nach
Hause" kommt: der Treffer ist nur möglich, wenn sich die Körperhaltung
den Naturgesetzen beugt und mit ihnen verschmilzt.
Technik anwenden heißt folglich Körperweltgesetze an Umweltgesetze
zu koppeln, die Ausschaltung des Körpers über seine Einschaltung
in die zugrunde liegende Matrix der Naturkonstanten einzuleiten.
Diese Verschmelzung der Driften des Steines (Trägheit und Gravitation)
und des Werfers (Selektionsdruck und Experimentiertrieb) öffnet
eine Art dimensionale Schnittstelle: der werfende Vormensch holt
ein von der Ebene der biologischen Körpergesetze her unmögliches
Vorkommnis in die Welt hinein, indem er dem Stein den Impuls gibt
seine gesetzten Kausalketten, seine Autokausalität zu überspringen
und damit sich, seine Taten vom biologischen Projektildasein löst.
Es beginnt die Kontamination der Umwelt mit Nullereignissen, mit
Ent-Würfen des Menschen. (18)
Im Nullereignis
entsteht zugleich auch der Raum, den sich der Menschenkörper begehbar
machen kann: im Gegensatz z.B. zu Vierbeinern, deren Hauptweltzugriffswerkzeug
die Schnauze und die Agilität der Beine ist und denen damit vergleichsweise
wenige Freiheitsgrade zu eigen sind, hat der Mensch die Möglichkeit
zur Hand, das Außen invers zu seinen Bedürfnissen über die transponierbare
Virtualität von Wissenswahrheit, über die Zuhandenheit von Regelhaftigkeiten
im Gebrauch von Körpern durch deren nichtautokausaler Anordnung
aufzukultivieren - und damit sich "einzuräumen" im eigentlichsten
Sinn.
Der senkrecht
zum (oder eingefaltet im) bio-logischen Raum stehende Raum der Menschenwahrheit
ist demnach nicht beliebig. Er wird bestimmt von der Fähigkeit,
wie weit sich der Körper in die Umwelt hineinbeugen lässt. Die Ent-Würfe
sind determiniert: der Stein könnte beispielsweise auch so geworfen
werden, daß er ein zehn Meter entferntes Ziel nach einem fünfzig
Meter hohen Bogen trifft. Dies macht offensichtlich keinen Sinn,
das Verhältnis Aufwand/Leistung ist nicht optimal. (19) Die Bestände
der möglichen Flugbahnen, die impulsübertragenden Körperhaltungen
und damit Sinn oder Unsinn selbst winden sich um einen Attraktor,
der die effizienteste Flugbahn zum Ziel stellt. Die "erste post-animalische
Wahrheitsfunktion" (20) surft folglich entlang einer Minimalfläche,
die jenen Nullraum des Menschen umspannt, dessen Grenzen das Körpervermögen
und die Umweltausstattung sind.
Der Raum zeigt
sich als Menschenwahrheit, die die Umwelt nicht kennt. Alle Expansionsversuche
sind eingebettet entlang der ausgeweiteten Außenfläche des Menschenkörpers
und bedingt von dem Vermögen zur Nischenausschwemmung der Körperhaltungen.
Somit ist Raum als Extensionalität nicht umgrenzbar, definierbar,
sondern immer aus Effizienten zusammengesetzt, die je nach Konstituentenebene
variieren. Der Raum als Boden der Wahrheit ist nicht außermenschlich,
sondern fließt tropistisch mit der Akkumulation an Zuhandenem, an
Nischeneinrichtungsvermögen, mit dem Ausbau der Technik in die Welt
ein und ist damit ebenso lebendig und lebenstriebig wie der Mensch
selbst. Raum ist demnach verifizierte Theorie von Zuhandenheit.
Dieser Raum soll nun als allgemeine Extensionalität bezeichnet
werden, da er prinzipiell von jedem Menschenkörper in direkter Interaktion
mit der Umwelt entfaltbar ist.
Sperrigkeiten
der Schrift
Die allgemeine
Extensionalität entspannt sich im Verhältnis der Wahrnehmungen von
Umwelt und Körper. Der daraus hervorgehende Ferneffekt ist mithilfe
von Malereitechnik nun auch darstellbar: steinzeitliche Höhlenmalereien
halten Begebenheiten von ursprünglichsten Ausschwemmungen von Menschengruppenräumen
wie z.B. Jagdszenen fest und stellen gleichsam ein "Raumarchiv"
dar, indem sie die Menschenraumumwelt aus-zeichnen. Die ältesten
gefundenen Schriftstücke nehmen ebenfalls diese Funktion ein, sie
bestehen aus Bildsymbolen, die Raumhoheitsbegebenheiten eines Herrschertums
oder verwaltungstechnische Angelegenheiten in größeren Populationen
kommunizierbar halten. Die aus der Überlappung von menschlichen
Technikräumen in einem Territorium entstehende Verwaltungsbedürfnisse
- symbolischer und materieller Art - benötigen Schriftzeichen, um
Raumzonen gegen die von der Gruppengröße bedingte Unzulänglichkeit
der Merkfähigkeit festzuhalten.
Die Schrift
ist ein Nullereignis par excellence: sie ist nur denkbar im technikgefluteten
Raum einer sesshaften Kultur und wird nur verstanden, wenn verstanden
wird, daß Taten am selben Raum begründet sind. Schrift manifestiert
die Reziprozität des geteilten extensionalen Raumes. In der Schrift
etabliert sich damit ein spezieller Raum der Extensionalität, der
Freiraumgrenzen vorschreibt, die auch ohne direkten Kontakt zum
Vorschreibenden akzeptiert werden und nur in einer Menschengemeinschaft
bestand haben, denn die Schreibenden und die Leser beugen nun ihre
Körperbewegung unter die Gesetze der Sprachstruktur, d.h. sie akzeptieren
die Gesetze der Mit-Teilung, der Gemeinschaftlich-Machung von Raum.
Lesen und Schreiben folgen letztlich einem Training der Wahrnehmung
und der Körperaktion, das ausschließlich an der Gesellschaft orientiert
wird und in der Ausführung Flächen als raumreziprok markiert. (21)
Das Geschriebene hat somit die Funktion, den gemeinschaftlich (möglichen)
Denk- oder Wissenswahrheitsraum zu parzellieren und eröffnet Nischen
der Geisteshaltung. Die Ausrichtungsmatrix für Handlung in ihren
Momenten ´Ge-setz´ oder Wahrheit wird durch die im Zeichen, die
im Signal des Buchstabens körpergelöste Körperraumreferenz objektivierbar,
übertragbar.
Schriftzeichen
arretieren die Sprache und damit die Äußerungsmöglichkeit an den
sozialen Raumumwälzungsstrukturen, an denen Sie entstanden sind.
Die Formalisierung der körperlosen Mitteilung zwingt damit das Denken,
obwohl es expansitär, grenzausdehnend scheint, in die Rahmung einer
speziellen Extensionalität. Die Ausprägung der Schrift geht immer
von Teilhabern der herrschaftlichen Klasse aus, die aufgrund der
(zu-)gesicherten Versorgung in einer Form der "inneren Insulation"
(22) leben. Die spezielle Extensionalität ist also bedingt von dem
in den Interferenzen bestimmter Formen der Raumakkumulation entstandenen
Museraumes (23), der inneren Insulation, die wiederum ähnlich dem
Großhirn sinnvolle, energieeffiziente Wege ihrer Versorgung einspurt.
Diese Einspurung führt im Laufe der Zeit aber zu dem Umstand, daß
die ursprünglich zur gesellschaftlichen Entfaltung der allgemeinen
Extensionalität stimmige spezielle Extensionalität die Räume nicht
mehr hinreichend zu zähmen vermag: die in der Formalisierung wortwörtlich
festgehaltene Sprache zeigt sich als nicht ausgefächert genug um
nichtvorhergesehene Lebensraumeinbrüche (z.B. durch Erfindungen,
kulturelle Vermischung oder andererseits eigenproduziert rückwirkende
Einflüsse wie Aufblähung) adäquat umfangen zu können. (24)
Die spezielle
Extensionalität ist bedingt durch kulturhistorisch determinierte
"In-Formations-Setzungslogik" der sich gesellschaftlich als günstig
erwiesen habenden Raumabringungen und hält damit die Teilnehmer
und ihre Theorie in einer kollektiven Spur fest. (25) Die Schriftkommunikation
dient damit der Austarierung des dissipativ gewordenen Raumumwälzungssystems
einer Gesellschaft.
Die erste Wissenschaft
im Sinne von Formalisierung von Wahrheiten, Zuhandenheiten ist wie
das Wort schon sagt die Mathematik. (26) Mit ihr wird Menschenraumhäufung
(z.B. die Erdmessung in Ägypten oder Erbschaftsangelegenheiten in
Babylonien (27)) schriftlich formalisiert und von der ursprünglich
körperlichen Einsichtigkeit gelöst.
Das Zählen liegt zunächst in der Fähigkeit, Merkmale von zuhandenem
Zeug des extensionalen Raumes herausfiltern zu können und dann über
die Zeit, d.h. der Merkfähigkeit für Entscheidungslinien, zu strukturieren,
wodurch Ankerpunkte der Extensionalität in eine Sphäre der Planbarkeit
gehüllt werden. Über Ziffernschrift ist es nun möglich, die Raumkombinatoriken
von der Objektinteraktion zu lösen, was zur Potenzierung der Raumdifferenzierung
führt. Mathematik zeigt sich nun als kommunikative Schnittstelle
zwischen Sinngebungslogik und wahrnehmbarem Raum, weshalb auch sie
unter die spezielle Extensionalität fällt. Einerseits ist sie universell,
weil sie von jedem extensional Wahrnehmenden aus der Interaktion
mit der Umgebung extrapoliert werden kann, aber darum ist sie zugleich
auch speziell, da die Nötigkeiten der Umgebung die Extrapolationsrichtung
erst eröffnen. Mathematik ist somit verwachsen mit der Speicherung
und Verteilungskombinatorik von Effekten des technisierten Kollektivs
wie z.B. Agrarüberschüssen gegenüber der Naturumwelt und Kapitalanhäufungen
gegenüber der Gesellschaftswelt. Ihre Entfaltung geht also eng mit
der Ordnung des Verhältnisses von allgemeiner und spezieller Extensionalität
einher (28) und ist von deren Verhältnisentwicklung "getriggert".
(29)
Zusammenfassung
zur Extensionalität:
Der Raum des Menschen ist nicht etwa der Raum seiner Umgebung, worin
sein Körper sich bewegen kann oder andererseits alles was er von
der Umgebung über das Auge wahrnimmt: der Mond wird zwar gesehen
ist aber lange nicht besteigbar und der Körper kann mithilfe von
Technik eine Fernwunschwirkung außerhalb seines Bewegungszirkels
erzielen. Die allgemeine Extensionalität ist jenes Potential an
Raum, das im Feedback zwischen der Körperwahrnehmung und der Umweltwahrnehmung
regelmäßig haust und von den jeweiligen Zuhandenheiten nach der
Maßgabe von Sinn strukturiert und darum tropistisch wuchernd ist;
dieser Raum der Technik und Wahrheit ist differenzierbar und mitteilbar.
Tradierung von Techniken führt zu erfolgreicher Populationsvermehrung,
die ab einem gewissen Grad eine neue Technik mit dem Referenzpunkt
Mitmenschenwelt erforderlich macht: die Schrift bestellt die Felder
der Kräftesynchronisierung aus der Perspektive ihrer Entstehung
heraus und zäunt als Schriftsprache die Extensionalität als spezielle
ein. Das Zählen in Ziffern ist die Kante zwischen der speziellen
Extensionalität, welche die aus dem Kollektiv vorgegeben Bedürfnisse
einrahmt und der allgemeinen Extensionalität, die vom biologischen
Körpersein geprägt ist, und formalisiert schließlich als Mathematik
die Raummöglichkeiten, Raumkombinatoriken einer Kultur.
Technoage
Hauptmerkmal
der Neuzeit ist die Wandlung des Gesellschaftssystems zur Herrschaft
des Bürgertums und die einhergehende Ideologie der expansiven Entgrenzung.
Diese Entwicklung lässt sich als Wandel von Raumeingriffsstrukturen
in der Differenzierung von Zuhandenheit deuten.
Der Bürger ist
zunächst ´burgware´, also der Burgeinwohner oder der Burgverteidiger.
(30) Er übernimmt das Privileg, den von der Heiligen Schrift zugesicherten
Raum des Adels einschanzen, bewachen und verwalten zu dürfen. Mit
der allmählichen Vergrößerung der Städte sammelt sich zunehmend
Kapital an den Ressourcenschaltstellen Bürgertum, was eine Beugung
der Schriftsprache, einer Neuausrichtung der speziellen Extensionalität
unter die veränderten Verteilungsstrukturen nach sich zieht: die
Städte gewinnen urkundliche Autonomie, die ihnen die Entscheidung
freilegt, ´Medewoner´, Mit-Einwohner einladen zu dürfen. Auch wenn
die Stadtluft diese vom Frondienst frei macht, haben sie keine politischen
Rechte und gestalten den Stadtraum lediglich passiv, indem sie die
Nischen füllen, die das Bürgertum ihnen einrichtet. Die Miteinwohner
bilden die eigentliche Ressource des Bürgertums, das sich als tragende
Kraft der Verwaltung von Räumen seine Existenzgrundlage und später
-berechtigung schafft. Dies alles ist folglich Resultat einer Umwälzung
in der speziellen Extensionalität. Über Verträge konfirmiert sich
der Museraum des Bürgertums - dessen einzige Macht eben in der Anhäufung
von Definitionsmacht über Kapitalien (31) liegt - und hält die niederen
Stände über den noch nicht selbstverschuldeten Analphabetismus automatisch
in der Spur. Die endgültige Revolte gegen die überkommenen Raumstrukturen
leiten die Protestanten ein, die die Offenlegung der Heiligen Schrift
aus dem Zirkel der Geweihten in die allgemeine Deutbarkeit fordern.
Luther dichtet: "Ein feste Burg ist unser Gott". Noch aber ist das
Bürgertum weit entfernt von der Herrschaft, denn es lebt quasi als
Schmarotzer der klerikal-feudalen Verhältnisse. Hierzu musste die
sich bildende Schicht erst über einen anderen Prozess reale Gewalt
über Räume, über die Räume der Räume erlangen.
Das verwaltende
Bürgertum bestimmt zunehmend wohin Kapital fließt und verteilt damit
partielle innere Insulation. Noch gehen die Künstler nach dem Brot
der Mäzene, die sich ihren Weltblick bebildern lassen: die zentralperspektivische
Malerei löst die ikonographische ab. Im perspektivisch gemalten
Bild äußert sich das Selbst- und somit Weltverständnis des neuzeitlichen
Bürgers: der Überblick des waltenden ´Ich´ (Burgzinne, Verwaltung!)
strukturiert den Raum bis zum Horizont. Der extensionale Raum wird
mithilfe der euklidischen Geometrie darstellbar, bemessbar und zeitigt
seltsame Effekte: die Umweltwahrnehmung detektiert im Rahmen des
zentralperspektivischen Gemäldes einen Ausschnitt seiner Selbst.
Jedoch stehen Blick und Bewegung still und wenden die Beobachtung
nun auf das eigene Werden, auf die humanistische Frage: wie ist
die Gestaltung des Menschen möglich, wieweit sind seine Horizonte.
Potentiale konkreten
Werdens, Ausbreitens, Raumschöpfens werden erst umsetzbar, nachdem
nicht nur ein Übersetzungsschema in das Bild hinein, (32) sondern
eben aus dem Bild hinaus bereitsteht, um Raum, Zuhandenheit planmäßig
zu differenzieren.
Technische Zeichnung und angewandte Naturwissenschaft kommen erst
mit Newton auf, der dem virtuellen Raum auf dem Papier realkompatible
Vektorenmaßstäbe liefert. Der Umgang mit der Natur, der bis dahin
auf lediglich gefühlten Erfahrungswerten von Naturkonstanten beruhte,
wird nun mathematisch planbar und mithilfe euklidischer Modelle
nachvollziehbar. Es vollzieht sich ein Wandel der Weltbetrachtung:
nicht mehr nur die sichtbaren Dinge werden als zuhanden gezählt,
ihre Gestalt ist nicht mehr der Träger ihrer Fähigkeit, sondern
unsichtbare Gesetze liegen der Wirkung von Gestalten zugrunde. Kurzum:
es werden die Naturkonstanten selbst als zuhanden, als nutzbar entdeckt
- die Entgrenzung ist ermöglicht, weil man nun auf dem Boden der
in Maschinen gezähmten Gesetzmäßigkeiten bis hinter den Horizont
laufen kann. Damit überlässt der Mensch den extensionalen Raum und
seine Wahrheit den wissenschaftlich-formalen Instrumenten und Methoden,
die mathematisch effizient den Raum nicht mehr körperbegrenzt, sondern
nach dem Maß von nun an Menschheitsglück optimiert umschichten:
durch Arbeitsteilung, Abstraktionsteilung, Differenzierungsteilung.
Die Beugung
unter die Konvention der Maschinenlogik wird zum tragenden Element
des Menschenraumes, der sich mit dieser Entgrenzung eben auch entfremdet.
Die idealsterilen Maschinerien der Manufaktur, des Labors und der
Öffentlichkeit setzen nun die Einspurungen und Raumblasen, in denen
der Bürger sein kann. Auch er als Körper unterliegt raffinierten
Fallgesetzen wie deren der Biologik, der Psychologik und der Soziologik,
ihm zum Wohle und dem ganzen Apparat wird die selbstreferentielle
Kontrolle der Vernunft und Rationalität auferlegt. Dies geschieht
nun in Form der Bildung, die ihm nur vorscheinlich zu echter Mündigkeit,
in Wirklichkeit aber zur Maschinenanschlussfähigkeit verhilft. (33)
Die Vernunft nimmt als Wissenschaft die Rolle einer trivialen Regelkreislaufinstanz
ein, die allen Körpern beim Fallen zusieht, Gesetze ableitet und
dann Körperobjekte über Änderungen ihrer Umwelt bezüglich der allgemeinen
und speziellen Extensionalität in die neu entdeckten Zwischenräume
umleitet und hineinbiegt, Nischen ausbaut. Mit diesen Rückschleifen
werden rationale Maschineneffekte in die Welt gezogen wie Gefängnis,
Eisenbahn, Desinfizieren, Mähdrescher, PND, Sozialpädagogik, Kommunismus,
Demokratie usw. Die Bürgerherrschaft, zeigt sich, ist ausschließlich
Maschinenherrschaft.
Der Rand der
Elektrizität und des Atoms ist die äußerste Grenze des neuzeitlich
ergreifbaren Raumes: ihre regelhaften, zuhandenen Wirkungen können
nur noch über die Maschine angezapft werden und die Maschine ist
euklidisch, körperlich nachvollziehbar zusammengesetzt - der subatomare
Bereich offenbar nicht, der Versuch des Eingriffes verändert die
Struktur, der Einblick zeigt nurmehr sich selbst. (34) Ziemlich
zum selben Zeitpunkt trifft eine andere Expansion auf eine seltsame
Grenze, nämlich auf sich selbst: es gibt keine weißen Flecken mehr
auf der Landkarte, der Globus ist gänzlich vom verwaltenden Blick
eingehüllt. Die weitere Forschung nach Nischen beginnt innere Gesetzmäßigkeiten
auszuhöhlen (35), zunächst wird alles relativ und schließlich konstruktivistisch
(36): Der verwaltende Einblick beginnt sich aufgrund der Gefahr
der Zerflatterung selbst zu verwalten, womit das Medium die Botschaft
wird.
Die Rückwirkung einer Einwirkung in den gänzlich zuhandenen Erdraum
eskaliert linear zur Verechtzeitigung und muss darum global oder
holistisch eingebettet, d.h. beobachtet und entschieden werden.
(37) Die Natur als Mutterherberge der Gesetze wird die Grenze, ihre
scheinbare Autopoiesis reflektiert sich in jedes System hinein,
die Synthese von Einzelnem zu Ganzem wird zur akuten Mysteriösität
der Emergenz stilisiert (38). Auf die Differenzierung nach innen
folgt Metadifferenzierung in der Synthese, die Frage, wie Maschinenwesen
wieder eine Seele, eine Oberfläche der Eigenständigkeit eingeblasen
werden kann. Die Struktur selbst erlangt aufgrund des Verwirklichungswillens
zur echtzeitlichen Wechselwirkung (Internet, Telematik) mit der
perturbierenden Menschlichkeit von Körpern (oder der Körperlichkeit
von Menschen) Lebendigkeit und stellt dem Fortschritt mit Begriffen
wie Weltsicherheit, Stabilität oder Gleichgewicht neue Grenzen des
Zuhandenen. (39)

Ghost in the Shell,
Mamoru Oshii, Japan 1996
Die Geschichte
der Neuzeit zeigt sich als eine Ausstülpung des Stadtraumes auf
die gesamte Welt, die Unterwerfung des Zuhandenen unter die Rationalität
des Verwalters, unter die europäische spezielle Extensionalität.
Ihr expansitärer Blick pflanzt sich in jeder Wissenschaft durch
die Differenzierung von Objekten nach Gesetzmäßigkeiten fort, (40)
er treibt an die Horizonte, nicht um das Neuland dort zu erkennen,
sondern wie immer um nach Nützlichem zu strukturieren, zu differenzieren,
zu kolonialisieren. Bis ihm schließlich der Raum selbst zum Horizont
wird.
Prospekt:
Freiheitsgraduierung
Nachdem die
Welt mittels der Technik völlig zuhanden geworden ist und die Grenzen
beginnen, den Blick auf das eigene Wirken zurückzuspiegeln, bleibt
dem endmodernen Menschen nur noch die Optimierung von Raum und gleichsam
seinem Bewusstsein für Wahrheiten, Seinsmöglichkeiten. Die Expansion
der menschlich an- und begreifbaren Flächen, die technizistische
Ausdehnung seines Seinspotentials in Raum und Zeit, die Hinausschiebung
von Unsicherheit in den Bereich des Restrisikos, so wie sie fünf
Jahrhunderte hindurch betrieben wurde, stößt nun auf ihre eigenen
Bedingungen: der Zerfall der Nischenhierarchien durch ihre Überlappungen
in vernetzen Gesellschaften, das Auskosten aller extensionalen Körperzuhandenheiten
mittels der Differenzierungseruption begehbaren Wissens, führen
das Ende des Raumverständnisses als wie auch immer gemodeltes Apriori
des Menschen, als seines dialektischen Bodens herbei und mithin
zur Erkenntnis, daß Raum Mensch ist - und folglich Mensch außermenschlich.
(41)
Die vollkommene
Vernischung der Weltumgebung fordert ihren Tribut ein, sie ist mächtiger
als die Idee des Menschen geworden, der die Form seiner Subjektivität
nur noch im reminiszenten Traum vergangener, im spektakulären Kampf
um Raum herausgebildeten Humanität einbergen kann und damit Simulation
von Kräftemotiven und Ankerpunkten seines in-der-Welt-Seins erforderlich
macht, einfach weil die letzten Unwägbarkeiten von nirgendwo außer
seinem Innen kommen können. Die Künstler, die Aus-Zeichner der Menschenraumumwelt
öffnen sich den neuen Spielräumen wieder zuerst, denn ihre innere
Insulation speist sich aus den Raumzugriffsinterferenzen der Gesellschaft:
sie liefern dem Augenmerk in Installationen und Videokunst symbolistische
Aufhängungen für die Zuhandenheit des Raumes und etablieren Atmosphären-
und Bewusstseinsproduktion, zunächst in Kreisen der Hochkultur und
nachfolgend bei den passiven Nutznießern der allumwölkenden Benutzeroberflächen:
das Selbst kann, darf und soll "engineert" werden. Als Referenz,
als Blaupause verbleibt Humanitasglück, das Schema der Selbstverwirklichung
aus dem vorgefertigten Baukasten der Träume.
Die Heraufkunft
der schönen neuen Welt ist gekennzeichnet vom Willen zur Strukturierung
der Allzuhandenheit, d.h. dem Drang zur Aufrechterhaltung der Regelhaftigkeit
von Weltzugriff. Zufall wird zum Synonym für Unwägbarkeit und ist
als Antieffizient auszumerzen. Da die Ansprüche der Welten(an)ordnungen
über das mechanistische Begreifen hinausgeschossen sind, verliert
der Begriff Kontrolle seinen Boden, wird zum überkommenen, musealen
Relikt aus der Metallzeit: gerade weil eine nachträgliche Justierung
oder Sanktionierung, wie sie in der contre-role geschieht,
in der echtzeitlich-ästhetophilen Gesellschaft nicht mehr leitbare
Turbulenzeffekte entstehen lässt, generieren die interferierenden
Außenflächen des Gesellschaftsmenschen einen anderen Ansatz ihrer
Harmonisierung. Diese Art von nun Metaweltzugriff könnte unter das
Stichwort "Interior Design" fallen, also der Gestaltung von Innenräumen.
Innenraum bedeutet im Weltmodus der Letztzuhandenheit alle verfügbare
Seinswelt, bis eben auf die Negationsfähigkeit des Zugriffes selbst,
d.h. das Wissen um die eigene Grenze, Definition, die Kenntnis des
Unbekannten im Blick hinter den Horizont oder die Stirn. Werden
diese gestaltet wie in Vorformungsprogrammen z.B. der Humangenmanipulation,
der Anbindung von Kleinkindern an Industriemarken oder Computer/Netzwerke,
des Self-engineerings oder der gezielten Infizierung von "archaischeren"
Kulturen mit kulturfremden Sehnsüchten (42), erübrigt sich der nachträgliche
Aufwand von Sanktionierungen durch die erzielte Prästabilität. In
der Prärationalisierung der überhaupt möglichen Freiheitsgrade nicht
mehr nur des Handelns, sondern eben dessen motivierender Wahrheitsräume
liegt der Schlüssel zum 21. Jahrhundert.
Abschied
der Räume
Die Schleife
führt zurück zur kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit
dem Raum. Zunächst: die Kultur selbst wird ein sezierbares, handhabbares
Objekt, stellt eine zu bebauende Fläche; Kultur wird kultiviert,
denn das Programm der Expansion macht nicht halt vor den Unwägbarkeiten
der Zusammenkünfte in Ritual und Routine. Mit der Frage nach Raum
kommt die Kultur nun zu sich und fragt nach ihren Expansionsgrenzen,
nach der eigenen Expansivität.
Dem Raum wird versucht mit Schriften auf den Leib zu rücken. Innerhalb
des Museraumes, dort, wo die Raumansprüche einer kulturellen Gemeinschaft
zusammenlaufen und die neuen Verschaltungslogiken entstehen, die
"in-formierend" per schriftlichem Dekret wieder ausgesandt werden,
hat das Wort in Buchstaben eine Wahrheit, einen Wert für sich. Jedoch
der Buchstabe selbst ist nichts als ein wohl distinktes, doch diskretes
Signal, das nur über das trainierte Auge aufgenommen wird, und die
Kombination zu einem Wort oder Begriff ein Wink, ein Schalter, der
eine Erinnerung weckt an eine verinnerlichte Körperhaltung, sinngenetisch
gar ein Wahrnehmungspartikel aus der allgemeinen Extensionalität
reproduziert, aus eben der Begriff von etwas hervorgeht. Den Raum
also mit Worten in Schriften zu sezieren perpetuiert schlicht die
der Schriftsprache eigene spezielle Extensionalität. Darum aber
kann Raum nicht definiert, umfangen werden, sondern nur dessen Bedeutung
für den Lesefähigen, d.h. es geschieht eine Alterierung des Reaktionsmusters
auf das Signal "RAUM". Die Methodisierung, Verwissenschaftlichung
kulturellen Raumes kolonialisiert und kultiviert also nicht den
Raum, sondern die Köpfe derer in Weltbegriffen wie Raum Denkenden.
Weiterhin folgt, daß das geschriebene Wort in sich keine Wahrheit
trägt, es ist kein tatsächliches Wahrnehmungspartikel, denn dann
wäre es nur als seltsame Form und Farbe eines Gekritzels auf hellem
Hintergrund zu identifizieren, sondern ein Bezug auf ein Element
der denkbaren Wahrheitsräume.
In der schriftlichen Argumentation wird also der mögliche Wahrheitsraum
umgestaltet. Damit zeigt sich, daß nicht das Geschriebene an sich
wahr ist, sondern daß geschrieben wird, daß etwas
jemanden genötigt hat zu schreiben. (43) Dieses Etwas verbleibt
hinter der Externalisierung internalisierter Schrift/Sprache unsichtbar.
Allerdings behaupteten wir oben, daß wann immer hochkulturell geschrieben
wird, ein Austarierungsprozess der Raumstruktur zu Gange ist. Hierin
liegt nun das Dilemma der geisteswissenschaftlichen Raumdiskussion:
offenbar führt die Erweiterung des zuhandenen Raumes dazu, daß der
Raum versucht sich selbst in die spezielle Extensionalität, in die
Kulturrezension mit einzubauen - wodurch er eben in seiner Allzuhandenheit
verschwindet. Mit diesem Prozess der Verflüchtigung verliert auch
der Mensch seine Rolle als oberster Raumausscheider. So zeichnen
sich zwei Forderungslinien ab, die auch in den zu Beginn exemplifizierten
Raumkonzepten deutlich werden: die eine Schiene sieht in der Gestaltung
der Lebensräume von Gesellschaftsteilnehmern den Weg vorbei an zukünftiger
Asozialität und Anomie (Löw), die andere Ausrichtung eröffnet halb
resigniert, halb euphorisch die zu experimentierende Leere kulturellen
Sinnes (Levy) oder den "Umzug ins Offene" (Kamper, Sloterdijk).
Der kommende Aktor und Gläubiger ist entweder die Gesellschaft als
eigene Entität oder der brodelnde Zufall in der experimentellen
Offenheit zum Sein hin.
Damit wird evident, daß es in der Raumdiskussion letztlich um die
Herausarbeitung von Modelungstiefen des Selbstverständnisses des
Menschen geht. Aber nur eben jenes Menschen, über den die Komplexitäten
und Verschlingungen des Raumes offenbar hinausgewachsen sind, den
die schwindelnden Verwirbelungen der Zuhandenheiten vom Erdboden
entheben.
Evident verbleibt
auch, daß der Versuch, Raum schriftlich zu umfangen, paradox ist,
eine Paradoxie allerdings, die ihre eigene Paradoxie paradoxiert.
Ein diskret ewiger Zirkel keimt aus - das Aufblinken einer neuen
Kairoszeit. Mit dem Ende neu beginnend steht die Frage: was ist
dann das wahre Subjekt dieses Aufsatzes?
Anmerkungen
- Besonders
deutsche Publizierende äußern das Gefühl, den Raum endlich wieder
besprechen zu dürfen und verkünden dann auf fast hysterische Weise
das Ende des Raumverständnisses als Territorium, als eroberbares
Territorium.
- Löw, Martina:
Raumsoziologie, Frankfurt a.M. 2001
- ebd S. 271
- Levy, Pierre:
Internet und Sinnkrise , in Maresch,Rudolf/Werber,Niels (Hrg):
Kommunikation-Macht-Medien, Frankfurt 2001
- Nebenbei
bemerkt wusste schon Homer, daß dies nicht funktioniert: zurück
auf Ithaka will niemand etwas von der Odyssee und besonders nichts
von einer inneren Wandlung des Königs hören. Das Gleiche bei Marco
Polo und den Anfängen der Globalisierung: außer den begehrten
Gewürzen und Stoffen hatte man ihm nichts weiter abgekauft.
- Sloterdijk,
Peter: Antropogonischer Exodus in: Fecht,Tom/Kamper,Dietmar: Umzug
ins Offene, Wien 2001
- ebd. S.305
- Sloterdijk
interpretiert das Alsberg-Theorem der Körperausschaltung durch
Werkzeuggebrauch heideggerianisch.
- ebd. S.306
- ebd. S.307
- Logischerweise
liefern alle mit der Grenzlinie ein Prospekt der neuen Horizonte:
bei Sloterdijk die Lichtung, bei Levy die noosphäre Offenheit
und bei Löw bürgerliche Bewegungsfreiheit für alle Klassen und
Geschlechter.
- Selbstverständlich
folgt die Entscheidung zur Flexion auf eine Reflektion, jedoch
führt ihr Effekt zur Verganzheitlichung statt weiteren Ausdifferenzierung.
- ebd. S.305
- Vgl. ebd.
S.306
- Zur Veranschaulichung
wurde das Beispiel des Steinwurfes gewählt, da der Astschlag die
ledigliche Verlängerung des Armes zu stark konnotiert.
- Was z.B.
Halbaffen noch nicht gegeben ist, die, ähnlich wie der Mensch
die Beine beim Gehen, ihre Arme und Hände je nach Kipplage oder
Impuls des Körpers (und anderen verankerten Reizen wie Beute oder
Feind) reflexartig ausrichten.
- Die Verwendung
des Begriffes Einspurung statt Organisation ist lediglich als
eine Spekulation auf die Lösung von Problemen des Emergenzbegriffes
zu lesen.
- Für alle
höheren Säuger ist es ein absolutes Nullereignis, wenn der Mensch
im guten Glauben mit der Hand auf einen Ort neben dem Tier zeigt,
um ihm klar zu machen, daß es sich dort hinbegeben soll. Egal
wie heftig ausschwenkend man hindeutet, begreifen können sie es
nicht.
- Macht zwar
keinen Sinn, liegt aber noch an den Randbezirken des Verstehbaren
und ist proportional zur Ernsthaftigkeit der Ausführung lachenerregend.
- ebd. S.306
- Neuere Tendenzen
in der Linguistik entdecken allmählich Zusammenhänge von Körperlichkeit
und Linguizität: Begriffe und Begrifflichkeit, Grammatik als Matrix
von Orientierungsformen zwischen den Weltzuhandenheiten.
- Mit innerer
Insulation ist gemeint die Befreiung von der Arbeit als Kampf
mit der Natur und Hinwendung zu gesellschaftsbezogenem Werken
in Form von Malerei, Glaubensverbreitung, Erzählen, Musik, Politik
etc.
- Sowohl Muse
als auch Muße. Hierzu ist bemerkenswert, daß konkrete Bauten des
Museraumes, in denen kontingente Menschenweltreferenzen eingeräumt
und archiviert werden, also Museen, Gerichte, Herrschaftshäuser
etc. in der Blütezeit einer Hochkultur immer von Säulengängen
umringt werden und diese leicht als eine Osmosemembran zu identifizieren
sind: nicht nur im Serresschen Sinne Stein-Wind-Stein-Wind, Brot-Stimme-Brot-Stimme,
sonder eher noch als trichternde, korpuskulare Spatialästhetik.
- Hieraus entspringen
dann die literarischen Epochen und Generationenkonflikte.
- Ein schönes
Beispiel für den Rahmen einer speziellen Extensionalität findet
sich in den Römern, denen unsere höhere Mathematik aufgrund ihres
umständlichen Ziffernsystems versagt blieb. Eine Theorie sieht
den Untergang des Römischen Reiches darin begründet, daß die Staatsverschuldung
nicht eingeführt wurde, was wiederum nur mit doppelter Buchführung
und damit der Null sinnvoll machbar ist und die Römer hatten keine
Null (noch zählten die Dinge erst wenn sie als "1" der Hand gegeben
waren, den Körper an sich selbst erstaunten). Eine andere Veranschaulichung
zur speziellen Extensionalität ist das Ignorieren des Dampfmaschinenprinzips,
das den Römern zwar bekannt war, aufgrund der "Verlässlichkeit"
und Etabliertheit der Sklavenwirtschaft aber nie ausgebaut werden
konnte.
- Vgl. Kluge,
Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin
New York 1999
- vgl. Gordesch,
Johannes: Tabellen zur Geschichte der Formalwissenschaft, Berlin
1998
- Die Formalisierung
der Mathematik fand erst im 19. Jhdt. statt und diente wiederum
dazu, die exponentiell wachsende Mathematikergemeinde in-formiert
zu halten (Vgl. Heintz, Bettina: Die Innenwelt der Mathematik
- Springer, Wien 2001, Kap. "Technologies of trust in der Mathematik").
Vorher galt sie noch als Unterkategorie der Körperwissenschaft
Physik. Damit wird eine Verschiebung des Referenzpunktes deutlich,
weg von den statischen Körpern im Außen, der physikalischen, letztlich
greifbaren Welt hin zu aufkeimenden inneren "Substanzen" wie Gleichgewichten
und Gleichverteilung von Information und Aufrechterhaltung oder
Erschaffung von Berufenheitszusammenhalt, also das für die soziale
Differenzierung so merkmalhafte Spezialistentum; exemplarisch
für diesen Zusammenhang lässt sich anführen, das Hilbert und Minkowski
derselben Generation sind und die Relativität des Minkowski-Raumes
eben gleichzeitig mit der Axiomatisierung statthat.
- Allein die
Grenzen, die Zahlensystemen durch ihren ursprünglichen Bezug auf
körpergliedrige Anzahlen wie dem Dezimalsystem (zehn Finger) oder
dem römischen vigesimalen System (fünf Finger) gesetzt sind, wurden
erst mit der Einführung des elektronischen Bauteiles und der einhergehenden
Notwendigkeit von Binärcodes zur Überwindung gezwungen. Die mit
der Computerkodierung von Raumkodierung vorgefunden neuen Horizonte
verbleiben im Rahmen der Zahl an sich, jedoch bieten sie in der
graphischen Darstellung von Formeln am Bildschirm einen gänzlich
neuen Zugang zur Aufnahme ästhetischer Wahrnehmung auf die formale
Struktur von Zuhandenheitskombinatorik, e.i. lösen diese auf in
Fragen nach Anschauungsspitzen der Anschauung.
- Vgl. Kluge:
Etymologisches Wörterbuch: ´Wari-i´ ist nicht sicher zuzuordnen:
wahrscheinlicher scheint wes-a- "sein, bleiben", gegenüber varii
"verteidigen, kämpfen".
- Kapital im
Sinn von Schöpfungs-, Verstärkungspotential.
- Leonardo
da Vincis Flugmaschinen etc. funktionieren nicht, da er offenbar
doch noch ikonographischem Denken anhängt und lediglich die Formen
imitiert, die gott- und aristotelesgegeben die jeweiligen Fähigkeiten
enthalten sollen.
- Insofern
ist es verständlich warum Raum und Zeit zur Erkenntnis und damit
zur Vernunft, Mündigkeit apriorisch sein mussten: der 3D Raum
enthält ja nur verschiedene Formationen der unterliegenden Gesetze,
eben die sich der Mensch zum Ausgang aus seiner Unmündigkeit aneignen
soll.
- Die Wissenschaftler
sprechen davon, der neu entdeckte Quantenraum sei eher mit buddhistischen
Vorstellungen nachvollziehbar als mit dem europäisch-modernen,
expansiven Objektdenken. Nur eine Überwindung der speziellen Extensionalität,
d.h. eine gänzliche Neuausrichtung der Bildung wird die Menschheit
dorthin vordringen lassen können. Dies ist nahezu unmöglich, denn
es würde die gesamte gewohnte Macht- und Sozialstruktur kosten,
wäre aber aufgrund einer Lehre der Geschichte erwägenswert (vgl.
Anmerkung III S.7).
- Übrigens
die Geburt des Marketings aus dem Halbgeist des Taktes.
- Der Nationalsozialismus
war insofern eine "folgerichtige" Fabrikation um den planen, euklidischen
Lebensraum des Bürgers festzuhalten gegen das entartende Schwammige,
Zerrüttende, Verdreckende wie den Relativismus, Jazz oder den
Expressionismus und aufgrund der speziellen Extensionalität nur
in Deutschland möglich. Kant hatte also mit Sicherheit einen größeren
Anteil daran als wie von manchen immer noch gerne vermittelt wird
Nietzsche.
- Ein deutliches
Symptom für die Eskalierung des Programms, der Gedrängtheit zur
Differenzierung der Differenzierung, ist wohl der laufende Versuch
eine Bioethik anzukurbeln; eng einhergehend mit Informationsethiken:
welche Rechte kann ein Mem haben, wenn Recht selbst ein Mem ist?
- Akut weil
zu erforschen: praktisch sind überall emergente Systeme, nur eben
noch nicht nutzbar. Zugleich: wird Emergenz planbar ist sie schlechterdings
keine mehr.
- Absehbarer
Ausgang dieser Geschichte: Aufrechterhaltung von bald an Weltensicherheit.
- Der Fortschritt
scheint das einzige irrationale Gesetz der neuzeitlichen Menschen
zu sein: die Hoffnungen ziehen ihn, doch nie erreicht er die Allmächtigkeit
den Wünschen selbst zu entsagen.
- Daß diese
Erkenntnis nicht unbedingt zuerst aus der in erster Linie nachlesend
einzuholenden Perisystemität entspringen muss, wie Sloterdijk
nach Luhmann ein als ironisch hinzunehmendes Weltverdikt des intellegiblen
Westens euphemisiert, sondern gerade an der Grenze dieses Museraumes
konkretesten Bestand findet, zeigt selbstverständlich das Missverhältnis
des Devisenflusses zwischen der mit computerisierter Virtualisierung
stattfindenden Aufwertung von Welt gegenüber der Abschaffung schieren
menschlichen Leides auf der anderen Seite des Globus.
- Vgl. Maresch,
Rudolf: Hard Power / Soft Power: Amerikas Waffen globaler Raumnahme,
in Maresch,Rudolf/Werber,Niels: Raum-Wissen-Macht, Frankfurt a.M.,
2002
- Es drängt
sich der Gedanke auf, daß das abendländische Grundproblem der
Trennung von Leib und Seele mit all seinen Großeffekten wohl chronisch
bleibt, solange der Glaube an die Wahrheit der Schriftlichkeit
als objektivitätsverbürgende Verbindung zwischen den Subjekten
anhält, solange die Schrift nicht durch eine andere Technik des
in Verbindungtretens ersetzt wird.
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