menschen formen
Materialien zu einer Kulturanthropologie neuen Zuschnitts

| home | über menschenformen | aktuelles | termine | projekte |
| eigene texte | publikationen | bibliothek |
| diskutierte texte | protokolle | archiv | verweise | kontakt |

Davor Löffler
ABSCHIED DER RÄUME
(zur Tagung Chaosmatische Anthropologie am 5. Juli 2003)

I Postmoderne Raumkonstitutionsachsen | Expansivität, Extensionalität | Ökologie des Raumes | Sperrigkeiten der Schrift | Technoage | Prospekt: Freiheitsgraduierung | Abschied der Räume | Anmerkungen |

In den vergangenen Jahren ist eine starke Zunahme an kultur- und sozialwissenschaftlichen Publikationen zum Thema "Raum" zu beobachten. Alle weisen dieselbe Selbstbegründung auf: die neuen Technologien der Vernetzung machen die neuzeitliche Vorstellung des Raumes als einen apriorischen, grenzenlosen Container der Wesen und Dinge obsolet. (1) Die plötzliche Fragwürdigkeit des Raumes lässt sich aber nunmehr schlecht im Untersuchungsverhältnis Wissenschaft/Raum bewältigen, ist doch die wissenschaftliche Theoriebildung selbst dem eigentlichen Paradigma der Neuzeit, der institutionalisierten Raumschaffung, Raumabsteckung, anhängig. Nur eine Neubewertung der Relationen zwischen Mensch, Raum und Neuzeit kann eben im Aufzeigen des Zustandekommens dieses wie zu zeigen sein wird auch für das Menschsein folgenschweren Dilemmas eine Ausflucht daraus bieten.
Diese Arbeit versucht dies zu leisten, indem zunächst drei Achsen aktueller Raumkodifizierungsversuche vorgestellt und umgehend reduziert werden mit dem Ergebnis eines allgemeineren Raumbegriffes. Im Folgenden wird sich zeigen, daß der Raum weniger als Definition gefasst fruchtbar ist, sondern mehr dem Status einer Formel entsprechen muss. Diese Formel soll an der Neuzeit durchexerziert werden und schließlich zum Ausgangpunkt, dem Abschied der Räume, zurückführen.

Postmoderne Raumkonstitutionsachsen

In Martina Löws "Raumsoziologie" (2) werden nach Friedrich von Weizsäcker zwei Raumvorstellungen unterschieden: der absolutistische Raum, der sich als eine plane Fläche, als ein euklidisch eingerahmter Container der Dinge darstellt und den relationalen Raum, der über die Verhältnisse von Dingen eingespannt wird, praktisch Beziehungen manifestiert. Beide Raumvorstellungen sind jedoch in Löws Augen unzureichend, um die anstehenden großen Umwälzungen fassen zu können. Allein das Telefon oder die Verinselung in Städten untergraben den absoluten Raum, andererseits bilden ja gerade Orte wie das Zuhause oder der Flughafen wiederum durchaus Container, die nicht allein relational betrachtet werden können. Löws Angebot ist es, den Raum nun als "eine relationale (An)Ordnung von Lebewesen und sozialen Gütern und Menschen an Orten" (3) zu betrachten. Der Zugang zu sozialen Ressourcen, d.h. zu Bourdieus Kapitalarten (kulturelles, ökonomisches, soziales, plus Geschlechtszugehörigkeit), bestimmt die (An)Ordnung von Dingen und Lebewesen, womit sich die Ressourcenverteilungsordnung einer Gesellschaft auf die hermetisch geregelten Orte, habituell entfalteten Atmosphären und damit den erlebbaren Raum überträgt und sich darin konfirmiert.
Die Konstitution von Raum ist bei Löw also das Ergebnis von Handlungen und Verhältnissen in kapitalhierarchisierter Klassengesellschaft.

Exemplarisch für einen anderen Raumanschnitt lässt sich Pierre Levy anführen, der "Internet und Sinnkrise" (4) nach wissenssoziologisch-medialogischen Gesichtspunkten untersucht.
Jeglicher Sinn ist für Levy kulturgegeben, entsprechend ist die Kultur ein Netz aus Symbolen, das Erfahrungen einstrukturiert. Kultur beruht nun auf der ´Leere´, da ein letzter oder tiefster Sinn ja wiederum durch ein Symbol markiert werden müsste und folglich kein letzter Sinn wäre. Um diese Bodenlosigkeit zu überwinden bietet Kultur den Individuen ein Terrain der Symbole. Kultur selbst wird dann zur Schöpfung, wenn Individuen auf fremdes Symbolterrain gestoßen werden, was eben in ausgeführter Globalisierung in exklusivster Form geschieht. Damit wird Menschengemeinschaft zum erstenmal dazu gedrängt, die Leere mit ins Kalkül zu nehmen und beginnt in einer "Postkultur" die Offenheit jeglicher Symbolsysteme zu experimentieren. (5)
Auf den ersten Blick scheint Levy noch den absolutistischen Raumbegriff zu vertreten, der Raum ist ihm ein Container an Geschehnissen, ein umgrenztes Erlebnishabitat, aus dem sich die Symbole rekrutieren. Jedoch: Raum stellt sich erst in der Kommunikation der in Symbole umgesetzten Erfahrungen heraus, im nachfolgenden Gebrauch von kulturellem Sinn bekommt er erst seine Realität. Der Raum zieht sich gewissermaßen selbst hervor - trifft der Mensch auf eine Erfahrung verschwindet der Raum zwischen den Berührten und transzendiert sich ins Symbolsystem, was ihn dann erst "sichtbar" macht. Raum erscheint hier quasi als Außenhaut von Kommunikation.

Peter Sloterdijk ist sich der Bodenlosigkeit jeglicher Symbolsysteme bewusst und so schließt er diese Weisheit in "Anthropogonischer Exodus" (6) mit harter Paläoanthropolgie kurz: der Mensch (als Aufgang zum Sein) selbst sei ein Produkt vor-menschlicher Hordenzustände und deren Raumausscheidungen. Nach Heidegger übersetzt er das Menschen-Wesen in eine Sphäre von "Sein und Raum". Vier hordische Raumphasen durchdringen die Menschwerdung.
In der Insulation gegen den Selektionsdruck werden in der Horde Sicherheitsräume (beispielsweise Mutter-Kind-Raum, Raum unter der Wache auf dem Ausguck) produziert mit dem Nebeneffekt der nun mit einem höheren "Standard an luxurierender Kommunikativität zwischen den Nutznießern" (7) zu besetzenden Selektionsdruckfreiräume.
Körperausschaltung mit Technik (8) wie dem Steinwurf oder Astschwung distanziert das Menschwesen aus der Naturdrift und schafft ein Raumgewölk um die sich einschanzenden Protohominen - und noch mehr: "Der Blick, der hinter einem geworfenen Stein herschaut, ist die erste Vorform von Theorie, und das Stimmigkeitsgefühl, das bei einem Wurferfolg, einem Treffer, einem wirkungsvollen Schlag aufkommt, ist die erste Stufe einer post-animalischen Wahrheitsfunktion." (9)
Einen großen Schritt markiert die Neotenie: Im Schutzraum ermöglicht, treibt die Infantilisierung, die Frühgeburtlichkeit über die der Ausdehnung der Gegenwart auf die Zukunft des unausgewachsenen, halbtauglichen Körpers entspringende Sorge um sich den entscheidenden Moment der Verzeitigung, der Vergeschichtlichung aus. Es entsteht Zeitraum als Bewußtsein für die Erwartbarkeit von auf-, von an-kommenden Umständen und gibt damit dem Raum eine Explorationsqualität, belegt ihn mit (Ein)Greifbarkeit, die wiederum Mythen zur Handlungssynchronisation, zur Handlungssicherheit der Horde nach sich zieht.
Am Rande des eingehegten Raumes herrscht ein starkes Risikogefälle gegen die Unwägbarkeiten der Umwelt, des Ankommenden, das über Strategien der "Weltbefreundung" ausgeglichen wird: Sprache und Religion balsamieren (10) als Übertragung des "Ge-Wohnten" neue, un-heimliche Situationen, Territorien ein. Diese "Sphären der Einfühlung" eröffnen Kanäle ins Ekstatische.
Unterm Strich ist Raum bei Sloterdijk eine Invertierung der Freiheitsgrade vom Leben gedrängter, zum Sein gezogener Körper.

Während Martina Löw den Raum als ein vom Ressourcenfluss und seiner Zuweisungshierarchien strukturiertes Produkt sieht, ist er bei Pierre Levy eine Art zwar an sich bodenloser, jedoch kulturell ein- bzw. kommunikativ ausgezäunter Behälter an zu Symbolen und Sinn führender Reibung mit der Umwelt und bei Peter Sloterdijk am Bios, an den Ausbreitungen von Mustern des Lebens selbst anhängig. Allen gemeinsam ist die offensichtliche Abkehr vom modernen Raumverständnis, vom newtonschen, euklidischen Raum: die Konstitutionen des Raumes verflüchtigen sich in den Köpfen arbeitender Bürger (Löw), zwischen sprechenden Köpfen (Levy) und seinssüchtigen Körpern (Sloterdijk).

Expansivität, Extensionalität

Allgemein gesprochen markiert die Raumthematisierung das plötzliche Evidentwerden von Begrenzungen des entgrenzten Menschenbildes, die im Aufzeigen ihrer Regelhaftigkeiten wieder handhabbar zu machen versucht werden. (11) Die wissenschaftliche Theoriebildung aber ist schlechterdings immer Expansionseingrenzung bzw. Raumschaffung, da sie versucht, Böden der Regelhaftigkeit abzustecken und Gewissheit einzuräumen mit dem Ziel, Landkarten von dessem was "ist" herzustellen. Offenkundig wird hier: jeder oben gezeigte Versuch über den Raum einzeln betrachtet zeigt den Raum als eine Art Dimensionalität der Expansion, als Einmaß der Ausbreitung, als ´Einform´, Grenzung der Expansion. Expansiv bedeutet in diesem Zusammenhang, daß der wissenschaftliche Bestand eines untersuchten Objektes, also der Befund an Wissen von Etwas, eng an die Herangehensweise gekoppelt ist und in sich den kompletten Weg, die kompletten unterliegenden Paradigmen enthält, die zu der befundenen Unterscheidung geführt haben und diese somit nicht von vorhergegangenen Denklinien (wenn sie auch kreativ kombiniert werden) frei ist und wie auch immer "reines" Wissen darstellen könnte, sondern eine kulturell distinkte Schiene ausagiert und damit ein Feld über die Ausspielung seiner Möglichkeiten zur weiteren Expansion bringt, das nun eben aufgrund des zu durchlaufenden Auswahlbestandes nicht universell sein kann, sondern lediglich ein Expansivartefakt (in) einer Medialmasse. Dieses bezogen auf den Fall der Räumekonzeptierung zeigt, daß die jeweiligen von bestimmten Ebenen her konstituierten Raumverständnisse darum von diesen Ebenen, ihren Konstituenten selbst gegen die anderen Konzepte, Raumkonzepte, Raumkonstituenten eingegrenzt sind. Es liegt der Schluss nahe, daß ein expansitär verstandener, umfangener Raum in einem "anderen" Raum liegen muss.

Aus diesem Gedankengang ergeben sich zwei Grundsätze zur Annäherung an den Raum:

  1. Raum kann ohne eine Flexion der Wissenschaft, der Wahrheitsfindung nicht gefasst werden. Flexion bedeutet eine Beugung der Wissenschaft und der Wahrheitsfindung, eine Einbettung des Wahrheitsgehaltes der Wahrheitsfindung selbst zu vollführen; nicht eine Reflektion soll vonstatten gehen, da das Reflektionsmedium immer von etwas Bestehendem reduziert oder referenziert und deshalb nur zu weiterer Differenzierung führt ohne das Grundprogramm zu ändern. (12)
  2. Raum kann nicht als expansitär angenommen werden, da die Beschreibung selbst expansitär ist.

Es stellt sich folglich die Frage, wodurch oder worin Wissenschaft, Raumgrenzung eingeräumt ist. Worin kann Raum sein, gibt es Fixpunkte, Fixprozesse seiner Eingespanntheit? Damit ist der allgemeinere Begriff von Raum konturiert: Raum soll im Folgenden bedeuten Extensionvermögen.
Raum als Extensionsvermögen anzunehmen übersetzt den Beobachtungswinkel von der nach dem Außen geeichten, unilateralen Expansivität in die "Nulllateralität" der Grenzlinie, die Bestandslosigkeit, in die Extensionalität hinein und statt der reellen Möglichkeiten der Ausbreitung eröffnen sich nun Eingespanntheiten, komplexe Determinanten des Ausfächerungspotentials.

Im nächsten Kapitel soll versucht werden, die Extensionalität entlang Peter Sloterdijks Hinweis auf die Triade Mensch-Raum-Wahrheit aufzuzeigen.

Eine Ökologie des Raumes

Die Körperausschaltung durch Werkzeuggebrauch (oder poppiger: die Virtualisierung) begründet nach Sloterdijk die "antropogonische Drift" aus dem Umweltring, deren Hauptmerkmal darin besteht, den "Vormenschen von der Notwendigkeit organismischer Anpassung an die Umwelt zu emanzipieren." (13) Der Vormensch ent-wirft sich vom Projektil: der Wurftreffer markiert ihm einen evidenten, wahren Zusammenhang zwischen seiner noch als intern (nicht)empfundenen Handlung und ihres in der außer Reichweite liegenden Effektes, woraufhin das eigene Handeln als Zentrum des neuen Zusammenhangsraumes Gestalt annimmt. Die Wahrheit liegt auf der Hand: aus motivlos turbulenten Astschwüngen wird intentionaler, wissender Astschlag. Die hier sofort anspringende Frage, wie es denn vor sich geht, was dazu nötig ist, daß sich aus zufälligem Herumhandeln die Regelhaftigkeit einer Technik herausbilden kann, beantwortet Sloterdijk nun leider eher halblaut: zum einen unterstellt er ein "Stimmigkeitsgefühl", zum anderen wirken Zustimmungslaute der Mitvormenschen verstärkend. (14) Dies aber ist eine Leerstelle in seiner Argumentation, denn sie weist nicht auf die eigentliche Modalität der zustimmenden Raumautoren, auf die Verfassung des sich vom Brocken Erde Ent-werfenden: was ist die Voraussetzung um einen Treffer regelmäßig landen zu können oder was heißt denn "eine Technik anwenden", woher kommt das Stimmigkeitsgefühl oder kurz, was stimmt da überein?

Die Flugbahn des Steines (15) also konturiert Raum, Wahrheit und Mensch - nicht aber eine beliebige Flugbahn, sondern einzig die zum Treffer führende. Dazu muss zunächst eine grundlegende Voraussetzung erfüllt sein: erst eine ausdifferenzierte, d.h. vom reinen Reflex autonome Motorik (Muskulatur und Hirnareal) erlaubt es überhaupt, eine energetisch zunächst so unsinnige Bewegung zu vollführen wie den Steinwurf. (16) Dieses Vermögen geht mit der Evolution der Großhirnrinde einher, die sich über das für die Koordinationsreflexe zuständige Kleinhirn stülpt und damit das auf einen Reiz folgende Reaktionsschemaoutput offenbar zu retardieren und dessen Verrechnungskomplexität zu exponenzieren vermag.
Das neuronale, durch Parallelverarbeitung geöffnete Zeitfenster (und wohl auch das Selektionsdruckfreizeitfenster der Insulation) lässt damit ein spielerisches Herangehen an die zunächst ´unnützen´ Umweltdinge zu. Aber beliebig kann das Spielen nicht sein, denn um im Rahmen der (biologischen) Energieerhaltung zu bleiben ist auch im Großhirn eine energieeffiziente Einspurung (17) von Impulsübertragungsnetzen notwendig bzw. ergibt sich aus der Verstärkung einer Aktion durch ihren Erfolg (sonst hätte es ja keinen Zweck, die Reflexbefehle des Kleinhirns übergehen zu wollen). Das Großhirn ermöglicht also nicht mehr Freiheitsgrade als jene, die von der Biomechanik oder die Sinne berücksichtigend der Biokybernetik des Körpers vorgegeben sind, sie kann sie höchstens potenzieren, an neue Maxima treiben. Im Experimentieren eben kommt diese Funktion zum Tragen: es werden Variationen des Möglichen versucht um das Verhältnis von gegebener Lage zu optimaler Verhaltensweise (neurologisch) zu plastinieren.

Das Stimmigkeitsgefühl, das bei Sloterdijk mit der korrekten Flugbahn einhergeht und Theorie und Wahrheit löst, ist folglich das Übereinstimmigkeitsgefühl des Verhältnisses Lage und Verhaltensweise. Erstaunlich nun, daß die Naturdistanzierung, die Körperausschaltung angewiesen ist auf eine Übereinstimmung von Körper und Umwelt (nach Maßgabe der Bedürfnisse). Der Moment, der den Körper aus der biologischen Drift ausschaltet, bedarf der möglichst genauen, möglichst plastischen Virtualisierung des Körpervermögens und des Umweltbestandes, der Modellierung aller Wirkungen und Kräfte des tatsächlichen Raumes in einem Raum, der nicht wirklich da ist, außer bestenfalls in der Metazeitlichkeit der Parallelverarbeitung schlummernd. In diesem komplexen Raum liegt das Ereignis Ent-wurf: es lebt unmessbar kurz auf, wenn der Stein einem motivierten Impuls überlassen wird. Der reelle Raum hingegen, das, was den Körper tatsächlich als herausgehoben erscheinen lässt, ist beobachtbar, messbar: die Fernwunschwirkung beruht auf der Verschränkung von Biomechanik und Mechanik. Es zeigt sich, daß die aus den Regeln der Mechanik ausdifferenzierte Biomechanik sozusagen wieder "nach Hause" kommt: der Treffer ist nur möglich, wenn sich die Körperhaltung den Naturgesetzen beugt und mit ihnen verschmilzt.
Technik anwenden heißt folglich Körperweltgesetze an Umweltgesetze zu koppeln, die Ausschaltung des Körpers über seine Einschaltung in die zugrunde liegende Matrix der Naturkonstanten einzuleiten.
Diese Verschmelzung der Driften des Steines (Trägheit und Gravitation) und des Werfers (Selektionsdruck und Experimentiertrieb) öffnet eine Art dimensionale Schnittstelle: der werfende Vormensch holt ein von der Ebene der biologischen Körpergesetze her unmögliches Vorkommnis in die Welt hinein, indem er dem Stein den Impuls gibt seine gesetzten Kausalketten, seine Autokausalität zu überspringen und damit sich, seine Taten vom biologischen Projektildasein löst. Es beginnt die Kontamination der Umwelt mit Nullereignissen, mit Ent-Würfen des Menschen. (18)

Im Nullereignis entsteht zugleich auch der Raum, den sich der Menschenkörper begehbar machen kann: im Gegensatz z.B. zu Vierbeinern, deren Hauptweltzugriffswerkzeug die Schnauze und die Agilität der Beine ist und denen damit vergleichsweise wenige Freiheitsgrade zu eigen sind, hat der Mensch die Möglichkeit zur Hand, das Außen invers zu seinen Bedürfnissen über die transponierbare Virtualität von Wissenswahrheit, über die Zuhandenheit von Regelhaftigkeiten im Gebrauch von Körpern durch deren nichtautokausaler Anordnung aufzukultivieren - und damit sich "einzuräumen" im eigentlichsten Sinn.

Der senkrecht zum (oder eingefaltet im) bio-logischen Raum stehende Raum der Menschenwahrheit ist demnach nicht beliebig. Er wird bestimmt von der Fähigkeit, wie weit sich der Körper in die Umwelt hineinbeugen lässt. Die Ent-Würfe sind determiniert: der Stein könnte beispielsweise auch so geworfen werden, daß er ein zehn Meter entferntes Ziel nach einem fünfzig Meter hohen Bogen trifft. Dies macht offensichtlich keinen Sinn, das Verhältnis Aufwand/Leistung ist nicht optimal. (19) Die Bestände der möglichen Flugbahnen, die impulsübertragenden Körperhaltungen und damit Sinn oder Unsinn selbst winden sich um einen Attraktor, der die effizienteste Flugbahn zum Ziel stellt. Die "erste post-animalische Wahrheitsfunktion" (20) surft folglich entlang einer Minimalfläche, die jenen Nullraum des Menschen umspannt, dessen Grenzen das Körpervermögen und die Umweltausstattung sind.

Der Raum zeigt sich als Menschenwahrheit, die die Umwelt nicht kennt. Alle Expansionsversuche sind eingebettet entlang der ausgeweiteten Außenfläche des Menschenkörpers und bedingt von dem Vermögen zur Nischenausschwemmung der Körperhaltungen. Somit ist Raum als Extensionalität nicht umgrenzbar, definierbar, sondern immer aus Effizienten zusammengesetzt, die je nach Konstituentenebene variieren. Der Raum als Boden der Wahrheit ist nicht außermenschlich, sondern fließt tropistisch mit der Akkumulation an Zuhandenem, an Nischeneinrichtungsvermögen, mit dem Ausbau der Technik in die Welt ein und ist damit ebenso lebendig und lebenstriebig wie der Mensch selbst. Raum ist demnach verifizierte Theorie von Zuhandenheit. Dieser Raum soll nun als allgemeine Extensionalität bezeichnet werden, da er prinzipiell von jedem Menschenkörper in direkter Interaktion mit der Umwelt entfaltbar ist.

Sperrigkeiten der Schrift

Die allgemeine Extensionalität entspannt sich im Verhältnis der Wahrnehmungen von Umwelt und Körper. Der daraus hervorgehende Ferneffekt ist mithilfe von Malereitechnik nun auch darstellbar: steinzeitliche Höhlenmalereien halten Begebenheiten von ursprünglichsten Ausschwemmungen von Menschengruppenräumen wie z.B. Jagdszenen fest und stellen gleichsam ein "Raumarchiv" dar, indem sie die Menschenraumumwelt aus-zeichnen. Die ältesten gefundenen Schriftstücke nehmen ebenfalls diese Funktion ein, sie bestehen aus Bildsymbolen, die Raumhoheitsbegebenheiten eines Herrschertums oder verwaltungstechnische Angelegenheiten in größeren Populationen kommunizierbar halten. Die aus der Überlappung von menschlichen Technikräumen in einem Territorium entstehende Verwaltungsbedürfnisse - symbolischer und materieller Art - benötigen Schriftzeichen, um Raumzonen gegen die von der Gruppengröße bedingte Unzulänglichkeit der Merkfähigkeit festzuhalten.

Die Schrift ist ein Nullereignis par excellence: sie ist nur denkbar im technikgefluteten Raum einer sesshaften Kultur und wird nur verstanden, wenn verstanden wird, daß Taten am selben Raum begründet sind. Schrift manifestiert die Reziprozität des geteilten extensionalen Raumes. In der Schrift etabliert sich damit ein spezieller Raum der Extensionalität, der Freiraumgrenzen vorschreibt, die auch ohne direkten Kontakt zum Vorschreibenden akzeptiert werden und nur in einer Menschengemeinschaft bestand haben, denn die Schreibenden und die Leser beugen nun ihre Körperbewegung unter die Gesetze der Sprachstruktur, d.h. sie akzeptieren die Gesetze der Mit-Teilung, der Gemeinschaftlich-Machung von Raum. Lesen und Schreiben folgen letztlich einem Training der Wahrnehmung und der Körperaktion, das ausschließlich an der Gesellschaft orientiert wird und in der Ausführung Flächen als raumreziprok markiert. (21) Das Geschriebene hat somit die Funktion, den gemeinschaftlich (möglichen) Denk- oder Wissenswahrheitsraum zu parzellieren und eröffnet Nischen der Geisteshaltung. Die Ausrichtungsmatrix für Handlung in ihren Momenten ´Ge-setz´ oder Wahrheit wird durch die im Zeichen, die im Signal des Buchstabens körpergelöste Körperraumreferenz objektivierbar, übertragbar.

Schriftzeichen arretieren die Sprache und damit die Äußerungsmöglichkeit an den sozialen Raumumwälzungsstrukturen, an denen Sie entstanden sind. Die Formalisierung der körperlosen Mitteilung zwingt damit das Denken, obwohl es expansitär, grenzausdehnend scheint, in die Rahmung einer speziellen Extensionalität. Die Ausprägung der Schrift geht immer von Teilhabern der herrschaftlichen Klasse aus, die aufgrund der (zu-)gesicherten Versorgung in einer Form der "inneren Insulation" (22) leben. Die spezielle Extensionalität ist also bedingt von dem in den Interferenzen bestimmter Formen der Raumakkumulation entstandenen Museraumes (23), der inneren Insulation, die wiederum ähnlich dem Großhirn sinnvolle, energieeffiziente Wege ihrer Versorgung einspurt. Diese Einspurung führt im Laufe der Zeit aber zu dem Umstand, daß die ursprünglich zur gesellschaftlichen Entfaltung der allgemeinen Extensionalität stimmige spezielle Extensionalität die Räume nicht mehr hinreichend zu zähmen vermag: die in der Formalisierung wortwörtlich festgehaltene Sprache zeigt sich als nicht ausgefächert genug um nichtvorhergesehene Lebensraumeinbrüche (z.B. durch Erfindungen, kulturelle Vermischung oder andererseits eigenproduziert rückwirkende Einflüsse wie Aufblähung) adäquat umfangen zu können. (24)

Die spezielle Extensionalität ist bedingt durch kulturhistorisch determinierte "In-Formations-Setzungslogik" der sich gesellschaftlich als günstig erwiesen habenden Raumabringungen und hält damit die Teilnehmer und ihre Theorie in einer kollektiven Spur fest. (25) Die Schriftkommunikation dient damit der Austarierung des dissipativ gewordenen Raumumwälzungssystems einer Gesellschaft.

Die erste Wissenschaft im Sinne von Formalisierung von Wahrheiten, Zuhandenheiten ist wie das Wort schon sagt die Mathematik. (26) Mit ihr wird Menschenraumhäufung (z.B. die Erdmessung in Ägypten oder Erbschaftsangelegenheiten in Babylonien (27)) schriftlich formalisiert und von der ursprünglich körperlichen Einsichtigkeit gelöst.
Das Zählen liegt zunächst in der Fähigkeit, Merkmale von zuhandenem Zeug des extensionalen Raumes herausfiltern zu können und dann über die Zeit, d.h. der Merkfähigkeit für Entscheidungslinien, zu strukturieren, wodurch Ankerpunkte der Extensionalität in eine Sphäre der Planbarkeit gehüllt werden. Über Ziffernschrift ist es nun möglich, die Raumkombinatoriken von der Objektinteraktion zu lösen, was zur Potenzierung der Raumdifferenzierung führt. Mathematik zeigt sich nun als kommunikative Schnittstelle zwischen Sinngebungslogik und wahrnehmbarem Raum, weshalb auch sie unter die spezielle Extensionalität fällt. Einerseits ist sie universell, weil sie von jedem extensional Wahrnehmenden aus der Interaktion mit der Umgebung extrapoliert werden kann, aber darum ist sie zugleich auch speziell, da die Nötigkeiten der Umgebung die Extrapolationsrichtung erst eröffnen. Mathematik ist somit verwachsen mit der Speicherung und Verteilungskombinatorik von Effekten des technisierten Kollektivs wie z.B. Agrarüberschüssen gegenüber der Naturumwelt und Kapitalanhäufungen gegenüber der Gesellschaftswelt. Ihre Entfaltung geht also eng mit der Ordnung des Verhältnisses von allgemeiner und spezieller Extensionalität einher (28) und ist von deren Verhältnisentwicklung "getriggert". (29)

Zusammenfassung zur Extensionalität:
Der Raum des Menschen ist nicht etwa der Raum seiner Umgebung, worin sein Körper sich bewegen kann oder andererseits alles was er von der Umgebung über das Auge wahrnimmt: der Mond wird zwar gesehen ist aber lange nicht besteigbar und der Körper kann mithilfe von Technik eine Fernwunschwirkung außerhalb seines Bewegungszirkels erzielen. Die allgemeine Extensionalität ist jenes Potential an Raum, das im Feedback zwischen der Körperwahrnehmung und der Umweltwahrnehmung regelmäßig haust und von den jeweiligen Zuhandenheiten nach der Maßgabe von Sinn strukturiert und darum tropistisch wuchernd ist; dieser Raum der Technik und Wahrheit ist differenzierbar und mitteilbar. Tradierung von Techniken führt zu erfolgreicher Populationsvermehrung, die ab einem gewissen Grad eine neue Technik mit dem Referenzpunkt Mitmenschenwelt erforderlich macht: die Schrift bestellt die Felder der Kräftesynchronisierung aus der Perspektive ihrer Entstehung heraus und zäunt als Schriftsprache die Extensionalität als spezielle ein. Das Zählen in Ziffern ist die Kante zwischen der speziellen Extensionalität, welche die aus dem Kollektiv vorgegeben Bedürfnisse einrahmt und der allgemeinen Extensionalität, die vom biologischen Körpersein geprägt ist, und formalisiert schließlich als Mathematik die Raummöglichkeiten, Raumkombinatoriken einer Kultur.

Technoage

Hauptmerkmal der Neuzeit ist die Wandlung des Gesellschaftssystems zur Herrschaft des Bürgertums und die einhergehende Ideologie der expansiven Entgrenzung. Diese Entwicklung lässt sich als Wandel von Raumeingriffsstrukturen in der Differenzierung von Zuhandenheit deuten.

Der Bürger ist zunächst ´burgware´, also der Burgeinwohner oder der Burgverteidiger. (30) Er übernimmt das Privileg, den von der Heiligen Schrift zugesicherten Raum des Adels einschanzen, bewachen und verwalten zu dürfen. Mit der allmählichen Vergrößerung der Städte sammelt sich zunehmend Kapital an den Ressourcenschaltstellen Bürgertum, was eine Beugung der Schriftsprache, einer Neuausrichtung der speziellen Extensionalität unter die veränderten Verteilungsstrukturen nach sich zieht: die Städte gewinnen urkundliche Autonomie, die ihnen die Entscheidung freilegt, ´Medewoner´, Mit-Einwohner einladen zu dürfen. Auch wenn die Stadtluft diese vom Frondienst frei macht, haben sie keine politischen Rechte und gestalten den Stadtraum lediglich passiv, indem sie die Nischen füllen, die das Bürgertum ihnen einrichtet. Die Miteinwohner bilden die eigentliche Ressource des Bürgertums, das sich als tragende Kraft der Verwaltung von Räumen seine Existenzgrundlage und später -berechtigung schafft. Dies alles ist folglich Resultat einer Umwälzung in der speziellen Extensionalität. Über Verträge konfirmiert sich der Museraum des Bürgertums - dessen einzige Macht eben in der Anhäufung von Definitionsmacht über Kapitalien (31) liegt - und hält die niederen Stände über den noch nicht selbstverschuldeten Analphabetismus automatisch in der Spur. Die endgültige Revolte gegen die überkommenen Raumstrukturen leiten die Protestanten ein, die die Offenlegung der Heiligen Schrift aus dem Zirkel der Geweihten in die allgemeine Deutbarkeit fordern. Luther dichtet: "Ein feste Burg ist unser Gott". Noch aber ist das Bürgertum weit entfernt von der Herrschaft, denn es lebt quasi als Schmarotzer der klerikal-feudalen Verhältnisse. Hierzu musste die sich bildende Schicht erst über einen anderen Prozess reale Gewalt über Räume, über die Räume der Räume erlangen.

Das verwaltende Bürgertum bestimmt zunehmend wohin Kapital fließt und verteilt damit partielle innere Insulation. Noch gehen die Künstler nach dem Brot der Mäzene, die sich ihren Weltblick bebildern lassen: die zentralperspektivische Malerei löst die ikonographische ab. Im perspektivisch gemalten Bild äußert sich das Selbst- und somit Weltverständnis des neuzeitlichen Bürgers: der Überblick des waltenden ´Ich´ (Burgzinne, Verwaltung!) strukturiert den Raum bis zum Horizont. Der extensionale Raum wird mithilfe der euklidischen Geometrie darstellbar, bemessbar und zeitigt seltsame Effekte: die Umweltwahrnehmung detektiert im Rahmen des zentralperspektivischen Gemäldes einen Ausschnitt seiner Selbst. Jedoch stehen Blick und Bewegung still und wenden die Beobachtung nun auf das eigene Werden, auf die humanistische Frage: wie ist die Gestaltung des Menschen möglich, wieweit sind seine Horizonte.

Potentiale konkreten Werdens, Ausbreitens, Raumschöpfens werden erst umsetzbar, nachdem nicht nur ein Übersetzungsschema in das Bild hinein, (32) sondern eben aus dem Bild hinaus bereitsteht, um Raum, Zuhandenheit planmäßig zu differenzieren.
Technische Zeichnung und angewandte Naturwissenschaft kommen erst mit Newton auf, der dem virtuellen Raum auf dem Papier realkompatible Vektorenmaßstäbe liefert. Der Umgang mit der Natur, der bis dahin auf lediglich gefühlten Erfahrungswerten von Naturkonstanten beruhte, wird nun mathematisch planbar und mithilfe euklidischer Modelle nachvollziehbar. Es vollzieht sich ein Wandel der Weltbetrachtung: nicht mehr nur die sichtbaren Dinge werden als zuhanden gezählt, ihre Gestalt ist nicht mehr der Träger ihrer Fähigkeit, sondern unsichtbare Gesetze liegen der Wirkung von Gestalten zugrunde. Kurzum: es werden die Naturkonstanten selbst als zuhanden, als nutzbar entdeckt - die Entgrenzung ist ermöglicht, weil man nun auf dem Boden der in Maschinen gezähmten Gesetzmäßigkeiten bis hinter den Horizont laufen kann. Damit überlässt der Mensch den extensionalen Raum und seine Wahrheit den wissenschaftlich-formalen Instrumenten und Methoden, die mathematisch effizient den Raum nicht mehr körperbegrenzt, sondern nach dem Maß von nun an Menschheitsglück optimiert umschichten: durch Arbeitsteilung, Abstraktionsteilung, Differenzierungsteilung.

Die Beugung unter die Konvention der Maschinenlogik wird zum tragenden Element des Menschenraumes, der sich mit dieser Entgrenzung eben auch entfremdet. Die idealsterilen Maschinerien der Manufaktur, des Labors und der Öffentlichkeit setzen nun die Einspurungen und Raumblasen, in denen der Bürger sein kann. Auch er als Körper unterliegt raffinierten Fallgesetzen wie deren der Biologik, der Psychologik und der Soziologik, ihm zum Wohle und dem ganzen Apparat wird die selbstreferentielle Kontrolle der Vernunft und Rationalität auferlegt. Dies geschieht nun in Form der Bildung, die ihm nur vorscheinlich zu echter Mündigkeit, in Wirklichkeit aber zur Maschinenanschlussfähigkeit verhilft. (33)
Die Vernunft nimmt als Wissenschaft die Rolle einer trivialen Regelkreislaufinstanz ein, die allen Körpern beim Fallen zusieht, Gesetze ableitet und dann Körperobjekte über Änderungen ihrer Umwelt bezüglich der allgemeinen und speziellen Extensionalität in die neu entdeckten Zwischenräume umleitet und hineinbiegt, Nischen ausbaut. Mit diesen Rückschleifen werden rationale Maschineneffekte in die Welt gezogen wie Gefängnis, Eisenbahn, Desinfizieren, Mähdrescher, PND, Sozialpädagogik, Kommunismus, Demokratie usw. Die Bürgerherrschaft, zeigt sich, ist ausschließlich Maschinenherrschaft.

Der Rand der Elektrizität und des Atoms ist die äußerste Grenze des neuzeitlich ergreifbaren Raumes: ihre regelhaften, zuhandenen Wirkungen können nur noch über die Maschine angezapft werden und die Maschine ist euklidisch, körperlich nachvollziehbar zusammengesetzt - der subatomare Bereich offenbar nicht, der Versuch des Eingriffes verändert die Struktur, der Einblick zeigt nurmehr sich selbst. (34) Ziemlich zum selben Zeitpunkt trifft eine andere Expansion auf eine seltsame Grenze, nämlich auf sich selbst: es gibt keine weißen Flecken mehr auf der Landkarte, der Globus ist gänzlich vom verwaltenden Blick eingehüllt. Die weitere Forschung nach Nischen beginnt innere Gesetzmäßigkeiten auszuhöhlen (35), zunächst wird alles relativ und schließlich konstruktivistisch (36): Der verwaltende Einblick beginnt sich aufgrund der Gefahr der Zerflatterung selbst zu verwalten, womit das Medium die Botschaft wird.
Die Rückwirkung einer Einwirkung in den gänzlich zuhandenen Erdraum eskaliert linear zur Verechtzeitigung und muss darum global oder holistisch eingebettet, d.h. beobachtet und entschieden werden. (37) Die Natur als Mutterherberge der Gesetze wird die Grenze, ihre scheinbare Autopoiesis reflektiert sich in jedes System hinein, die Synthese von Einzelnem zu Ganzem wird zur akuten Mysteriösität der Emergenz stilisiert (38). Auf die Differenzierung nach innen folgt Metadifferenzierung in der Synthese, die Frage, wie Maschinenwesen wieder eine Seele, eine Oberfläche der Eigenständigkeit eingeblasen werden kann. Die Struktur selbst erlangt aufgrund des Verwirklichungswillens zur echtzeitlichen Wechselwirkung (Internet, Telematik) mit der perturbierenden Menschlichkeit von Körpern (oder der Körperlichkeit von Menschen) Lebendigkeit und stellt dem Fortschritt mit Begriffen wie Weltsicherheit, Stabilität oder Gleichgewicht neue Grenzen des Zuhandenen. (39)


Ghost in the Shell
, Mamoru Oshii, Japan 1996

Die Geschichte der Neuzeit zeigt sich als eine Ausstülpung des Stadtraumes auf die gesamte Welt, die Unterwerfung des Zuhandenen unter die Rationalität des Verwalters, unter die europäische spezielle Extensionalität. Ihr expansitärer Blick pflanzt sich in jeder Wissenschaft durch die Differenzierung von Objekten nach Gesetzmäßigkeiten fort, (40) er treibt an die Horizonte, nicht um das Neuland dort zu erkennen, sondern wie immer um nach Nützlichem zu strukturieren, zu differenzieren, zu kolonialisieren. Bis ihm schließlich der Raum selbst zum Horizont wird.

Prospekt: Freiheitsgraduierung

Nachdem die Welt mittels der Technik völlig zuhanden geworden ist und die Grenzen beginnen, den Blick auf das eigene Wirken zurückzuspiegeln, bleibt dem endmodernen Menschen nur noch die Optimierung von Raum und gleichsam seinem Bewusstsein für Wahrheiten, Seinsmöglichkeiten. Die Expansion der menschlich an- und begreifbaren Flächen, die technizistische Ausdehnung seines Seinspotentials in Raum und Zeit, die Hinausschiebung von Unsicherheit in den Bereich des Restrisikos, so wie sie fünf Jahrhunderte hindurch betrieben wurde, stößt nun auf ihre eigenen Bedingungen: der Zerfall der Nischenhierarchien durch ihre Überlappungen in vernetzen Gesellschaften, das Auskosten aller extensionalen Körperzuhandenheiten mittels der Differenzierungseruption begehbaren Wissens, führen das Ende des Raumverständnisses als wie auch immer gemodeltes Apriori des Menschen, als seines dialektischen Bodens herbei und mithin zur Erkenntnis, daß Raum Mensch ist - und folglich Mensch außermenschlich. (41)

Die vollkommene Vernischung der Weltumgebung fordert ihren Tribut ein, sie ist mächtiger als die Idee des Menschen geworden, der die Form seiner Subjektivität nur noch im reminiszenten Traum vergangener, im spektakulären Kampf um Raum herausgebildeten Humanität einbergen kann und damit Simulation von Kräftemotiven und Ankerpunkten seines in-der-Welt-Seins erforderlich macht, einfach weil die letzten Unwägbarkeiten von nirgendwo außer seinem Innen kommen können. Die Künstler, die Aus-Zeichner der Menschenraumumwelt öffnen sich den neuen Spielräumen wieder zuerst, denn ihre innere Insulation speist sich aus den Raumzugriffsinterferenzen der Gesellschaft: sie liefern dem Augenmerk in Installationen und Videokunst symbolistische Aufhängungen für die Zuhandenheit des Raumes und etablieren Atmosphären- und Bewusstseinsproduktion, zunächst in Kreisen der Hochkultur und nachfolgend bei den passiven Nutznießern der allumwölkenden Benutzeroberflächen: das Selbst kann, darf und soll "engineert" werden. Als Referenz, als Blaupause verbleibt Humanitasglück, das Schema der Selbstverwirklichung aus dem vorgefertigten Baukasten der Träume.

Die Heraufkunft der schönen neuen Welt ist gekennzeichnet vom Willen zur Strukturierung der Allzuhandenheit, d.h. dem Drang zur Aufrechterhaltung der Regelhaftigkeit von Weltzugriff. Zufall wird zum Synonym für Unwägbarkeit und ist als Antieffizient auszumerzen. Da die Ansprüche der Welten(an)ordnungen über das mechanistische Begreifen hinausgeschossen sind, verliert der Begriff Kontrolle seinen Boden, wird zum überkommenen, musealen Relikt aus der Metallzeit: gerade weil eine nachträgliche Justierung oder Sanktionierung, wie sie in der contre-role geschieht, in der echtzeitlich-ästhetophilen Gesellschaft nicht mehr leitbare Turbulenzeffekte entstehen lässt, generieren die interferierenden Außenflächen des Gesellschaftsmenschen einen anderen Ansatz ihrer Harmonisierung. Diese Art von nun Metaweltzugriff könnte unter das Stichwort "Interior Design" fallen, also der Gestaltung von Innenräumen. Innenraum bedeutet im Weltmodus der Letztzuhandenheit alle verfügbare Seinswelt, bis eben auf die Negationsfähigkeit des Zugriffes selbst, d.h. das Wissen um die eigene Grenze, Definition, die Kenntnis des Unbekannten im Blick hinter den Horizont oder die Stirn. Werden diese gestaltet wie in Vorformungsprogrammen z.B. der Humangenmanipulation, der Anbindung von Kleinkindern an Industriemarken oder Computer/Netzwerke, des Self-engineerings oder der gezielten Infizierung von "archaischeren" Kulturen mit kulturfremden Sehnsüchten (42), erübrigt sich der nachträgliche Aufwand von Sanktionierungen durch die erzielte Prästabilität. In der Prärationalisierung der überhaupt möglichen Freiheitsgrade nicht mehr nur des Handelns, sondern eben dessen motivierender Wahrheitsräume liegt der Schlüssel zum 21. Jahrhundert.

Abschied der Räume

Die Schleife führt zurück zur kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Raum. Zunächst: die Kultur selbst wird ein sezierbares, handhabbares Objekt, stellt eine zu bebauende Fläche; Kultur wird kultiviert, denn das Programm der Expansion macht nicht halt vor den Unwägbarkeiten der Zusammenkünfte in Ritual und Routine. Mit der Frage nach Raum kommt die Kultur nun zu sich und fragt nach ihren Expansionsgrenzen, nach der eigenen Expansivität.
Dem Raum wird versucht mit Schriften auf den Leib zu rücken. Innerhalb des Museraumes, dort, wo die Raumansprüche einer kulturellen Gemeinschaft zusammenlaufen und die neuen Verschaltungslogiken entstehen, die "in-formierend" per schriftlichem Dekret wieder ausgesandt werden, hat das Wort in Buchstaben eine Wahrheit, einen Wert für sich. Jedoch der Buchstabe selbst ist nichts als ein wohl distinktes, doch diskretes Signal, das nur über das trainierte Auge aufgenommen wird, und die Kombination zu einem Wort oder Begriff ein Wink, ein Schalter, der eine Erinnerung weckt an eine verinnerlichte Körperhaltung, sinngenetisch gar ein Wahrnehmungspartikel aus der allgemeinen Extensionalität reproduziert, aus eben der Begriff von etwas hervorgeht. Den Raum also mit Worten in Schriften zu sezieren perpetuiert schlicht die der Schriftsprache eigene spezielle Extensionalität. Darum aber kann Raum nicht definiert, umfangen werden, sondern nur dessen Bedeutung für den Lesefähigen, d.h. es geschieht eine Alterierung des Reaktionsmusters auf das Signal "RAUM". Die Methodisierung, Verwissenschaftlichung kulturellen Raumes kolonialisiert und kultiviert also nicht den Raum, sondern die Köpfe derer in Weltbegriffen wie Raum Denkenden. Weiterhin folgt, daß das geschriebene Wort in sich keine Wahrheit trägt, es ist kein tatsächliches Wahrnehmungspartikel, denn dann wäre es nur als seltsame Form und Farbe eines Gekritzels auf hellem Hintergrund zu identifizieren, sondern ein Bezug auf ein Element der denkbaren Wahrheitsräume.
In der schriftlichen Argumentation wird also der mögliche Wahrheitsraum umgestaltet. Damit zeigt sich, daß nicht das Geschriebene an sich wahr ist, sondern daß geschrieben wird, daß etwas jemanden genötigt hat zu schreiben. (43) Dieses Etwas verbleibt hinter der Externalisierung internalisierter Schrift/Sprache unsichtbar. Allerdings behaupteten wir oben, daß wann immer hochkulturell geschrieben wird, ein Austarierungsprozess der Raumstruktur zu Gange ist. Hierin liegt nun das Dilemma der geisteswissenschaftlichen Raumdiskussion: offenbar führt die Erweiterung des zuhandenen Raumes dazu, daß der Raum versucht sich selbst in die spezielle Extensionalität, in die Kulturrezension mit einzubauen - wodurch er eben in seiner Allzuhandenheit verschwindet. Mit diesem Prozess der Verflüchtigung verliert auch der Mensch seine Rolle als oberster Raumausscheider. So zeichnen sich zwei Forderungslinien ab, die auch in den zu Beginn exemplifizierten Raumkonzepten deutlich werden: die eine Schiene sieht in der Gestaltung der Lebensräume von Gesellschaftsteilnehmern den Weg vorbei an zukünftiger Asozialität und Anomie (Löw), die andere Ausrichtung eröffnet halb resigniert, halb euphorisch die zu experimentierende Leere kulturellen Sinnes (Levy) oder den "Umzug ins Offene" (Kamper, Sloterdijk). Der kommende Aktor und Gläubiger ist entweder die Gesellschaft als eigene Entität oder der brodelnde Zufall in der experimentellen Offenheit zum Sein hin.
Damit wird evident, daß es in der Raumdiskussion letztlich um die Herausarbeitung von Modelungstiefen des Selbstverständnisses des Menschen geht. Aber nur eben jenes Menschen, über den die Komplexitäten und Verschlingungen des Raumes offenbar hinausgewachsen sind, den die schwindelnden Verwirbelungen der Zuhandenheiten vom Erdboden entheben.

Evident verbleibt auch, daß der Versuch, Raum schriftlich zu umfangen, paradox ist, eine Paradoxie allerdings, die ihre eigene Paradoxie paradoxiert. Ein diskret ewiger Zirkel keimt aus - das Aufblinken einer neuen Kairoszeit. Mit dem Ende neu beginnend steht die Frage: was ist dann das wahre Subjekt dieses Aufsatzes?


Anmerkungen

  1. Besonders deutsche Publizierende äußern das Gefühl, den Raum endlich wieder besprechen zu dürfen und verkünden dann auf fast hysterische Weise das Ende des Raumverständnisses als Territorium, als eroberbares Territorium.
  2. Löw, Martina: Raumsoziologie, Frankfurt a.M. 2001
  3. ebd S. 271
  4. Levy, Pierre: Internet und Sinnkrise , in Maresch,Rudolf/Werber,Niels (Hrg): Kommunikation-Macht-Medien, Frankfurt 2001
  5. Nebenbei bemerkt wusste schon Homer, daß dies nicht funktioniert: zurück auf Ithaka will niemand etwas von der Odyssee und besonders nichts von einer inneren Wandlung des Königs hören. Das Gleiche bei Marco Polo und den Anfängen der Globalisierung: außer den begehrten Gewürzen und Stoffen hatte man ihm nichts weiter abgekauft.
  6. Sloterdijk, Peter: Antropogonischer Exodus in: Fecht,Tom/Kamper,Dietmar: Umzug ins Offene, Wien 2001
  7. ebd. S.305
  8. Sloterdijk interpretiert das Alsberg-Theorem der Körperausschaltung durch Werkzeuggebrauch heideggerianisch.
  9. ebd. S.306
  10. ebd. S.307
  11. Logischerweise liefern alle mit der Grenzlinie ein Prospekt der neuen Horizonte: bei Sloterdijk die Lichtung, bei Levy die noosphäre Offenheit und bei Löw bürgerliche Bewegungsfreiheit für alle Klassen und Geschlechter.
  12. Selbstverständlich folgt die Entscheidung zur Flexion auf eine Reflektion, jedoch führt ihr Effekt zur Verganzheitlichung statt weiteren Ausdifferenzierung.
  13. ebd. S.305
  14. Vgl. ebd. S.306
  15. Zur Veranschaulichung wurde das Beispiel des Steinwurfes gewählt, da der Astschlag die ledigliche Verlängerung des Armes zu stark konnotiert.
  16. Was z.B. Halbaffen noch nicht gegeben ist, die, ähnlich wie der Mensch die Beine beim Gehen, ihre Arme und Hände je nach Kipplage oder Impuls des Körpers (und anderen verankerten Reizen wie Beute oder Feind) reflexartig ausrichten.
  17. Die Verwendung des Begriffes Einspurung statt Organisation ist lediglich als eine Spekulation auf die Lösung von Problemen des Emergenzbegriffes zu lesen.
  18. Für alle höheren Säuger ist es ein absolutes Nullereignis, wenn der Mensch im guten Glauben mit der Hand auf einen Ort neben dem Tier zeigt, um ihm klar zu machen, daß es sich dort hinbegeben soll. Egal wie heftig ausschwenkend man hindeutet, begreifen können sie es nicht.
  19. Macht zwar keinen Sinn, liegt aber noch an den Randbezirken des Verstehbaren und ist proportional zur Ernsthaftigkeit der Ausführung lachenerregend.
  20. ebd. S.306
  21. Neuere Tendenzen in der Linguistik entdecken allmählich Zusammenhänge von Körperlichkeit und Linguizität: Begriffe und Begrifflichkeit, Grammatik als Matrix von Orientierungsformen zwischen den Weltzuhandenheiten.
  22. Mit innerer Insulation ist gemeint die Befreiung von der Arbeit als Kampf mit der Natur und Hinwendung zu gesellschaftsbezogenem Werken in Form von Malerei, Glaubensverbreitung, Erzählen, Musik, Politik etc.
  23. Sowohl Muse als auch Muße. Hierzu ist bemerkenswert, daß konkrete Bauten des Museraumes, in denen kontingente Menschenweltreferenzen eingeräumt und archiviert werden, also Museen, Gerichte, Herrschaftshäuser etc. in der Blütezeit einer Hochkultur immer von Säulengängen umringt werden und diese leicht als eine Osmosemembran zu identifizieren sind: nicht nur im Serresschen Sinne Stein-Wind-Stein-Wind, Brot-Stimme-Brot-Stimme, sonder eher noch als trichternde, korpuskulare Spatialästhetik.
  24. Hieraus entspringen dann die literarischen Epochen und Generationenkonflikte.
  25. Ein schönes Beispiel für den Rahmen einer speziellen Extensionalität findet sich in den Römern, denen unsere höhere Mathematik aufgrund ihres umständlichen Ziffernsystems versagt blieb. Eine Theorie sieht den Untergang des Römischen Reiches darin begründet, daß die Staatsverschuldung nicht eingeführt wurde, was wiederum nur mit doppelter Buchführung und damit der Null sinnvoll machbar ist und die Römer hatten keine Null (noch zählten die Dinge erst wenn sie als "1" der Hand gegeben waren, den Körper an sich selbst erstaunten). Eine andere Veranschaulichung zur speziellen Extensionalität ist das Ignorieren des Dampfmaschinenprinzips, das den Römern zwar bekannt war, aufgrund der "Verlässlichkeit" und Etabliertheit der Sklavenwirtschaft aber nie ausgebaut werden konnte.
  26. Vgl. Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin New York 1999
  27. vgl. Gordesch, Johannes: Tabellen zur Geschichte der Formalwissenschaft, Berlin 1998
  28. Die Formalisierung der Mathematik fand erst im 19. Jhdt. statt und diente wiederum dazu, die exponentiell wachsende Mathematikergemeinde in-formiert zu halten (Vgl. Heintz, Bettina: Die Innenwelt der Mathematik - Springer, Wien 2001, Kap. "Technologies of trust in der Mathematik"). Vorher galt sie noch als Unterkategorie der Körperwissenschaft Physik. Damit wird eine Verschiebung des Referenzpunktes deutlich, weg von den statischen Körpern im Außen, der physikalischen, letztlich greifbaren Welt hin zu aufkeimenden inneren "Substanzen" wie Gleichgewichten und Gleichverteilung von Information und Aufrechterhaltung oder Erschaffung von Berufenheitszusammenhalt, also das für die soziale Differenzierung so merkmalhafte Spezialistentum; exemplarisch für diesen Zusammenhang lässt sich anführen, das Hilbert und Minkowski derselben Generation sind und die Relativität des Minkowski-Raumes eben gleichzeitig mit der Axiomatisierung statthat.
  29. Allein die Grenzen, die Zahlensystemen durch ihren ursprünglichen Bezug auf körpergliedrige Anzahlen wie dem Dezimalsystem (zehn Finger) oder dem römischen vigesimalen System (fünf Finger) gesetzt sind, wurden erst mit der Einführung des elektronischen Bauteiles und der einhergehenden Notwendigkeit von Binärcodes zur Überwindung gezwungen. Die mit der Computerkodierung von Raumkodierung vorgefunden neuen Horizonte verbleiben im Rahmen der Zahl an sich, jedoch bieten sie in der graphischen Darstellung von Formeln am Bildschirm einen gänzlich neuen Zugang zur Aufnahme ästhetischer Wahrnehmung auf die formale Struktur von Zuhandenheitskombinatorik, e.i. lösen diese auf in Fragen nach Anschauungsspitzen der Anschauung.
  30. Vgl. Kluge: Etymologisches Wörterbuch: ´Wari-i´ ist nicht sicher zuzuordnen: wahrscheinlicher scheint wes-a- "sein, bleiben", gegenüber varii "verteidigen, kämpfen".
  31. Kapital im Sinn von Schöpfungs-, Verstärkungspotential.
  32. Leonardo da Vincis Flugmaschinen etc. funktionieren nicht, da er offenbar doch noch ikonographischem Denken anhängt und lediglich die Formen imitiert, die gott- und aristotelesgegeben die jeweiligen Fähigkeiten enthalten sollen.
  33. Insofern ist es verständlich warum Raum und Zeit zur Erkenntnis und damit zur Vernunft, Mündigkeit apriorisch sein mussten: der 3D Raum enthält ja nur verschiedene Formationen der unterliegenden Gesetze, eben die sich der Mensch zum Ausgang aus seiner Unmündigkeit aneignen soll.
  34. Die Wissenschaftler sprechen davon, der neu entdeckte Quantenraum sei eher mit buddhistischen Vorstellungen nachvollziehbar als mit dem europäisch-modernen, expansiven Objektdenken. Nur eine Überwindung der speziellen Extensionalität, d.h. eine gänzliche Neuausrichtung der Bildung wird die Menschheit dorthin vordringen lassen können. Dies ist nahezu unmöglich, denn es würde die gesamte gewohnte Macht- und Sozialstruktur kosten, wäre aber aufgrund einer Lehre der Geschichte erwägenswert (vgl. Anmerkung III S.7).
  35. Übrigens die Geburt des Marketings aus dem Halbgeist des Taktes.
  36. Der Nationalsozialismus war insofern eine "folgerichtige" Fabrikation um den planen, euklidischen Lebensraum des Bürgers festzuhalten gegen das entartende Schwammige, Zerrüttende, Verdreckende wie den Relativismus, Jazz oder den Expressionismus und aufgrund der speziellen Extensionalität nur in Deutschland möglich. Kant hatte also mit Sicherheit einen größeren Anteil daran als wie von manchen immer noch gerne vermittelt wird Nietzsche.
  37. Ein deutliches Symptom für die Eskalierung des Programms, der Gedrängtheit zur Differenzierung der Differenzierung, ist wohl der laufende Versuch eine Bioethik anzukurbeln; eng einhergehend mit Informationsethiken: welche Rechte kann ein Mem haben, wenn Recht selbst ein Mem ist?
  38. Akut weil zu erforschen: praktisch sind überall emergente Systeme, nur eben noch nicht nutzbar. Zugleich: wird Emergenz planbar ist sie schlechterdings keine mehr.
  39. Absehbarer Ausgang dieser Geschichte: Aufrechterhaltung von bald an Weltensicherheit.
  40. Der Fortschritt scheint das einzige irrationale Gesetz der neuzeitlichen Menschen zu sein: die Hoffnungen ziehen ihn, doch nie erreicht er die Allmächtigkeit den Wünschen selbst zu entsagen.
  41. Daß diese Erkenntnis nicht unbedingt zuerst aus der in erster Linie nachlesend einzuholenden Perisystemität entspringen muss, wie Sloterdijk nach Luhmann ein als ironisch hinzunehmendes Weltverdikt des intellegiblen Westens euphemisiert, sondern gerade an der Grenze dieses Museraumes konkretesten Bestand findet, zeigt selbstverständlich das Missverhältnis des Devisenflusses zwischen der mit computerisierter Virtualisierung stattfindenden Aufwertung von Welt gegenüber der Abschaffung schieren menschlichen Leides auf der anderen Seite des Globus.
  42. Vgl. Maresch, Rudolf: Hard Power / Soft Power: Amerikas Waffen globaler Raumnahme, in Maresch,Rudolf/Werber,Niels: Raum-Wissen-Macht, Frankfurt a.M., 2002
  43. Es drängt sich der Gedanke auf, daß das abendländische Grundproblem der Trennung von Leib und Seele mit all seinen Großeffekten wohl chronisch bleibt, solange der Glaube an die Wahrheit der Schriftlichkeit als objektivitätsverbürgende Verbindung zwischen den Subjekten anhält, solange die Schrift nicht durch eine andere Technik des in Verbindungtretens ersetzt wird.

Seitenanfang