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Andreas Langensiepen,
Jochen Winterer und die Arbeitsgruppe »menschen formen«
»menschen formen«
»Fragen stellen,
ohne sie mit den bereitgestellten Antworten zurückzuweisen.« So
kann man die Anstrengung umschreiben, welche aufzunehmen ist: angesichts
der Antworten, die mit der einen Frage »Was ist der Mensch« bereits
vorgegeben sind, angesichts der Grausamkeit und des Leids, die ein
sich selbst setzender Mensch mit der Bestimmung, was Nicht-Mensch
ist, hervorruft, jedoch auch angesichts der Zumutung, jenseits des
genetischen Codes zum Menschen nichts mehr zu sagen zu haben.
Versucht wird, sich auf diese Spannung hin zu sensibilisieren, dem
statthabenden theoretischen Stillstand zu entgegnen, den »anthropologischen
Schlaf« zu überwinden. Versucht wird, sich den Zumutungen sowohl
der Frage nach dem Menschen als auch seiner Beschreibung zu wiedersetzen.
Es gibt eine
Spinne bei Michaux, die ein Netz webt, dessen Fäden sich nach und
nach nicht mehr folgen, sondern falsch laufen. Teile reissen und
verhaspeln sich, doch die Spinne hört nicht zu weben auf, bevor
das Netz nicht das gewohnte Ausmaß erlangt hat. In ihrem halluzienierenden
Zustand jedoch ist sie unfähig geworden, ihren über Jahrhunderte
überlieferten Bauplan durchzuführen, unterlaufen ihr Fehler und
Verdoppelungen, hinterläßt sie Löcher und schiesst, die sonst so
Sorgsame, über das Maß hinaus. Die letzten Fäden, die sie zieht,
sind nur ein blosses Gestottere, ein Schwindeln, als wäre sie vollkommen
verblendet. Das Werk, eine Ruine, ist gescheitert. Als Betrachter
der Ruine bleibt zu fragen, was sah sie, was sehen wir?:
Verlautbarungen, nach denen der Mensch zu überwinden sei, oder die
ein Verschwinden des Menschen konstatieren, Theoriezuschnitte, die
den Menschen in die Systemumwelt stellen, sein Wirken und seine
Wirklichkeit der Logik diverser Funktionalitäten überantworten,
Abbildungen des Menschen, die sich gegen den Menschen gerichtet
haben,
ist man versucht, sich eine Übersicht zu verschaffen,
gerät man nahe an eine Aussichtslosigkeit.
Es wäre aber ratsam, der paradoxen Aussicht auf Aussichtslosigkeit
zu entkommen.
Sich in dieser
Problemlage zu versuchen, stand am Anfang des Projekts »menschen
formen«, das wir, eine Reihe Studierender unterschiedlicher
Fachrichtungen, begonnen haben. Seit den im Herbst 1999 stattfindenden
Treffen hat sich so ein Forum gebildet, das sich den Konsequenzen
des Themas »menschen formen« stellt, d.h. der Annahme, daß das Formen
der Menschen begonnen hat, Formen des Menschen zu formen. Aufgrund
eines Zustands, in dem das Wissen-vom-Menschen an ein konkretes
Erleben des Menschen, an eine Erfahrbarkeit kaum mehr angeschlossen
werden kann, stand von Beginn an auch das Bemühen, den Abstraktionen
ein Konkretes gegenüberzustellen.
So wird versucht einen Raum offenzuhalten, in dem Theoriestücke
als Ausgangspunkte für eine Arbeit dienen, die ein Einholen von
künstlerischen, musischen Lebnissen ermöglichen und so deren Inbeziehungsetzung
mit Wissenschaft und Philosophie zulassen kann.
Dieser Text
ist als Beitrag in 'dogma', einer Zeitschrift am Institut für Soziologie
der FU Berlin, Heft 1/2000 erschienen.
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