Andreas Langensiepen
Zum Werden. Ein Versuch, es zu denken
0.
Zuvor
| 1. Rhizom und Werden | 2.
Ein Zwischen | 3. Der Block
und die Zone | 4. In ein
Werden hinein | 5.
Das Werden diagnostizieren | 6.
Die vermögende Kunst | 7.
Sichtbarmachen unsichtbarer Kräfte, die Sensation
| 8. Das Diagramm und
das Faktum | 9. Figur,
Fläche und Kontur | 10.
Die Koexistenz der Bewegungen | 11.
Die Deformationen der Kräfte | 12.
Tier-Werden | 13.
Gleichzeitigkeit eines anderes Werden, die Wahrnehmung | 14.
noch nicht ganz zu denken | 15.
das Denken wird | 16. Anmerkungen
| Endnoten
0.
Zuvor
Die vorliegende
Arbeit folgt entlang einer Auseinandersetzung mit dem Begriff des
Werdens bei Gilles Deleuze und Félix Guattari. Die zugrundegelegte
Frage lautet: Wie ist das Werden zu verstehen? Und zudem: Wie läßt
sich das Werden denken, wenn es in einer Form gefasst ist, die jegliche
Vereinbarung zerstört, die auf einem Ich denke, auf
unterschiedenen Termen ruhte? Deleuze und Guattari fassen das Werden
rhizomatisch, als einen Block, in dem und mit dem etwas passiert.
Um dieses Geschehen aufzeigen zu können, werden in der Arbeit ausgehend
vom Rhizom und einer ersten Bestimmung des Werdens die wesentlichen
Dimensionen des Werdens aufgegriffen: die Zone des Zwischen
in ihrer Verbindung mit einem Außen, die Diesheiten,
die singulären Ereignisse und Mannigfaltigkeiten.
Anhand der Studie von Deleuze zu Francis Bacon werden die Merkmale
und Elemente seiner Malerei geschildert und ihr Zusammenhang zum
Thema des Werdens aufgezeigt. Mit dem Thema der Kunst werden dann
die Empfindung und das Vermögen, die Dimensionen des Werdens zu
denken, in die Überlegungen einbezogen. Die Bewegungen und Kräfte,
die in einem Werden statthaben, werden im Zuge der Hinführung auf
ein Tier-Werden erarbeitet, das notwendigerweise ein zweites, anderes
Werden mit sich führt. Diese Fassung eines gleichzeitigen Werdens
wird daraufhin zu entfalten und, anknüpfend an das Wahrnehmen der
Kräfte und Bewegungen, zu verbinden versucht mit der Frage, wie
diese Fassung gedacht werden kann, und was im Denken des Werdens
geschieht.
Die einzelnen Abschnitte der Arbeit folgen in ihrer Beschaffenheit
und in einer Linie, die aus den Schwierigkeiten folgt, das Werden
zu denken.
1.
Rhizom und Werden
»Ein Werden
ist immer in der Mitte, man kann es nur in der Mitte erfassen. Ein
Werden ist weder eins noch zwei, noch die Beziehung zwischen beiden,
sondern es ist dazwischen, die Grenze oder Fluchtlinie, die Fallinie,
die vertikal zu beiden verläuft. Das Werden ist ein Block (Linien-Block),
weil es eine Zone der Nachbarschaft und Ununterscheidbarkeit bildet,
ein Niemandsland, eine nicht lokalisierbare Beziehung [
].«
[1]
So schreiben Gilles Deleuze und Félix Guattari in ihrem Buch Tausend
Plateaus im zehnten Kapitel über das Intensiv-Werden,
Tier-Werden, Unwahrnehmbar-Werden
. Das Werden
ist eine »Mannigfaltigkeit«, die nicht durch ihre Elemente oder
durch eine Einheit, sondern durch die Zahl ihrer Dimensionen definiert
ist, von denen sie keine verliert oder gewinnt, »ohne ihr Wesen
zu ändern«. [2] Welches sind diese untrennbaren Dimensionen
in einem Block des Werdens was heißt Werden für die
hier anzustellenden Überlegungen? Der Weg wäre, die Linien des Werdens
aufzusuchen, von denen Deleuze sagt, sie haben weder Anfang noch
Ende. [3] Das Werden ist ohne Ausgangspunkt und ohne Endzustand,
wonach es sich vielmehr, quer zu diesen, bestimmen ließe, wären
folgende entscheidenden Markierungen: Das Werden ist dazwischen
und es ist ein Block. Es ist rhizomatisch.
Das Rhizom ist ein Gefüge (agencement), es besteht aus Mannigfaltigkeiten.
Wie das Werden gibt es in ihm eine Mitte und weder Anfang noch Ende,
gibt es keine Positionen, sondern Linien. Es sind nicht mehr Punkte,
sondern die Beschaffenheit des Rhizoms ist: jeden Punkt mit einem
»beliebigen anderen Punkt« durch diverse Linien verbinden zu können,
»wobei nicht unbedingt jede seiner Linien auf andere, gleichartige
Linien verweist«. [4] Das Rhizom besteht insofern nicht mehr aus
Einheiten (als Subjekt und Objekt, oder als Punkte etc.), sondern
aus einer bestimmten Anzahl Dimensionen. Von n Dimensionen,
wie Deleuze/Guattari sagen, muß man das Eine immer abziehen,
n-1 Dimensionen erstellen, um zum Gefüge, zum Mannigfaltigen
zu gelangen. Das Rhizom bezieht sich nicht mehr auf das Eine, das
dem Gefüge in einer zusätzlichen übergeordneten Dimension eine Einheit
stiften würde, vielmehr ist diese abzuziehen (n-1), um ein
Gefüge zu erhalten. In dieser Eigenheit kann das Rhizom »an jeder
Stelle »unterbrochen oder zerrissen werden, es setzt sich an seinen
eigenen oder an anderen Linien weiter fort«. [5]
Es sind Dimensionen des Gefüges, die »beweglichen Richtungen« und
die wuchernden Linien, die eine Mannigfaltigkeit bestimmen und deren
eine Bewegung ermöglichen: entlang einer Fluchtlinie sich mit anderen
Mannigfaltigkeiten zu verbinden, dabei sich und »ihre Beschaffenheit
zu verändern und sich völlig zu verwandeln«. [6] Deleuze/Guattari
wählen das Gefüge von Wespe und Orchidee, die ein Rhizom
bilden: »Orchidee und Wespe bilden ein gutes Beispiel. Die Orchidee
sieht aus wie ein Abbild der Wespe; [
] Wird die Wespe Teil
der Fortpflanzung der Orchidee, so die Orchidee nicht minder Geschlechtsorgan
für die Wespe ein und dasselbe Werden, ein einziger Block
des Werdens«. Es ist ein »wirkliches Werden, Wespe-Werden der Orchidee,
Orchidee-Werden der Wespe«, »ein zweiseitiges Einfangen also, da
das, was jedes der beiden Wesen wird, sich ebenso wandelt
wie das, was wird«. »Das eine und das andere Werden
verbinden sich miteinander und wechseln sich in einem Kreislauf
von Intensitäten ab«. Das Werden ist nicht zu verstehen als eine
Nachahmung oder Ähnlichkeit, es ist eine »Explosion zweier heterogener
Serien auf der Fluchtlinie, die aus einem gemeinsamen Rhizom zusammengesetzt
ist«, eine Bestimmung, die sich (die Ferne zu einem zweiwertigen
Modell markierend) auch beschreiben läßt in einer Zusammenfügung:
»nichts Wechselseitiges, sondern ein asymmetrischer Block, eine
aparallele Entwicklung, Vermählung: stets außerhalb
und zwischen«. Und es ist darin beides zugleich,
die Nähe oder eine Gemeinsamkeit des Zwischen und des Außen,
die sich kaum ein- oder anordnen läßt außer in einer Abkehr vom
Bezug der (zwei) Terme, zu denen das Werden ein Zwischen und
Außen bildet. Es wird um beides und um diese Nachbarschaft
gehen. [7]
Deleuze negiert für das Werden eine Entsprechung von Beziehungen,
eine Ähnlichkeit, eine Imitation oder Identifikation. All das ist
das Werden nicht, da es nicht aus Punkten oder feststehenden Termen,
sondern aus Linien besteht, es geht nicht in einen angeblich feststehenden
Endzustand über, zu oder von dem aus eine Relation gezogen und das
als Objekt nachgeahmt oder gleichgesetzt werden könnte. Die Richtung,
in die zu denken wäre dazwischen und außerhalb ,
zeigt sich mit der fliehenden, verändernden (alterierenden) Linie
des Werdens an: »Das Werden kann und muß als ein Tier-Werden bestimmt
werden, ohne einen Endzustand zu haben, der das gewordene Tier wäre«.
[8]
2.
Ein Zwischen
Der Literatur,
der Musik oder der Malerei entnnommen werden in den Tausend Plateaus
viele Arten des Tier-Werdens aufgeführt: Ratte-Werden, Hund-Werden,
Pferd-Werden, Vogel-Werden u.a.m. [9] Und in all diesen Formen des
Werdens geht ein Mensch nicht dazu über, Tier zu sein. Weder spielt
und imitiert er das Tier, noch ist es so, daß der Mensch »wirklich
zum Tier wird«. [10] Es ist ein wirkliches Werden,
ohne das eine oder das andere zu sein, eher eine »widernatürliche
Anteilnahme«, ein Block des Werdens, an dem der Mensch mit dem
Tier zu tun hat, »Arten des Tier-Werdens, die den Menschen durchdringen
und mitreißen und die ebenso das Tier wie den Menschen betreffen«.
[11] Ein einheitlicher Prozeß, von dem es heißt: »Das Werden ist
ein Fang, ein Besitz«, der Mensch und Tier einfängt und von ihnen
Besitz ergreift. [12] Es sind die Tierverwandlungen Kafkas, denen
Deleuze/Guattari ausführlich nachgehen. Diese Werden, denen
eher das dazwischen entspricht, gehen in einem Gefüge vonstatten,
das nicht durch Zusammensetzung/Beziehung trennbarer Elemente, sondern
durch rhizomatische Mannigfaltigkeiten bestimmt ist. Deleuze/Guattari
wollen das Werden als Involution verstanden wissen. Gegenüber
einer Evolution, die von einem Sein in das andere überwechselt und
niemals beides ist, verläuft ein Werden viel eher über ein »Hinüberfließen«,
(sich) windende Verwicklungen, sowohl Beteiligungen als auch Enthaltungen,
die in ihrer Fügung zueinander die ihre Einheit ausmachenden Dimensionen
verlieren. [13] Dieses involutive Werden bildet einen Block,
es geschieht in den Bewegungen des Blocks entlang seiner Linien,
»zwischen vorhandenen Termen und unterhalb bestimmbarer
Beziehungen«, die Mannigfaltigkeiten verändern sich an den Rändern,
an (oder mit) den Fluchtlinien, Linien der Deterritorrialisierung,
die sich von einem Menschen zum Tier, und vom Tier weiter erstrecken
können. [14] In den Tierverwandlungen bei Kafka wird das Tier oder
das Tier-Werden als »die Möglichkeit eines Auswegs, einer Fluchtlinie«
gedacht, einer Flucht, die den Formalisierungen zu entgehen trachtet
»Käfer werden, Hund werden, Affe werden, lieber Hals über
Kopf abhauen, sich überkugelnd (
) hinaus und weg«.
[15]
Es kommt (für dieses außerhalb) auf das dazwischen
an, in dem das Werden selbst real ist, es geht nicht um die vorhandenen
Terme, die feststehenden Punkte, diese sind vielmehr die Gefahren,
denen das Tier-Werden ständig ausgesetzt ist: daß man das Tier doch
nur spielt, imitiert und dabei nicht von einem Tier-Sein absehen
kann. [16] Das ist die Gefahr für das Werden, es mißzuverstehen
und damit zugleich auch die Philosophie von Deleuze/Guattari, denn
darin sind sie dem kafkaschen Thema der Flucht verwandt
»die einzige Möglichkeit, aus den Dualismen herauszukommen, ist
dazwischen sein, dazwischen hindurchgehen«. [17] Die Aufmerksamkeit
ist auf das zwischen zu richten, denn etwas geschieht »zwischen
den Dingen, ein Zwischenstück, Intermezzo«. Worin besteht aber dieses
Intermezzo? »Zwischen den Dingen bezeichnet keine lokalisierbare
Beziehung, die von einem zum anderen geht und umgekehrt, sondern
eine Pendelbewegung«, die zu einer anderen Bewegung gerät, eine
quer zu den Termen verlaufende, eine »transversale Bewegung, die
in die eine und in die andere Richtung geht«. [18] Der Block
des Werdens ist diese »Zickzackbewegung«. Doch mit der querstrebigen
Richtung, die sich über Mensch und Tier hinaus erstreckt, gerät
etwas anderes in die Aufmerksamkeit: das außerhalb, das diese
Bewegung allein (oder alle Bewegung) nicht zu erfassen vermag. [19]
Was aber dann?
3.
Der Block und die Zone
Ein Zwischenraum,
eine Kontiguität bildet das Werden. [20] Es wird von Deleuze/Guattari
eine bestimmte Unbestimmtheit erstellt, in der ein Werden geschieht,
das dieses untrennbaren Blocks geradezu bedarf: »In der Linie oder
im Block des Werdens, der die Wespe und Orchidee vereint, entsteht
eine [
] Koexistenz von zwei asymmetrischen Bewegungen, die
auf einer Fluchtlinie einen Block bilden, [
] Die Linie oder
der Block schafft keine Verbindung zwischen Wespe und Orchidee,
und ebensowenig vereint oder vermischt sie beide: sie geht zwischen
den beiden hindurch und nimmt sie mit in eine gemeinsame Nachbarschaft,
in der die Unterscheidbarkeit der Punkte verschwindet. [
]
Das Werden ist die Bewegung, durch die die Linie sich vom Punkt
befreit und die Punkte ununterscheidbar macht: das Rhizom«. [21]
In einem solchen Gebilde (Gefüge) erfährt das Denken des Werdens
eine neue Möglichkeit, wenn es nicht jene Bewegung von einer Einheit
zur anderen Einheit ist, die die Wespe die Orchidee sein ließe (oder
umgekehrt), sondern genau das ist, was sich ereignet
und zwar ereignet in einer Nachbarschaftszone, in der Wespe und
Orchidee einen unauflösbaren Block bilden, indem beide mit diesem
Block etwas erfahren: eine Veränderung, die sich quer zu ihnen ausrichtet.
Im Treffen von Wespe und Orchidee, in dieser Zusammenfügung, fügen
sich gleichsam die Komponenten ihrer Mannigfaltigkeiten in eine
neu ausgerichtete Bewegung. Was hier für ein Denken eröffnet wird,
betrifft sowohl etwas (als ein Ungedachtes), von dem wir wissen,
daß es nicht die Wespe und die Orchidee ist (keine
Einheiten), und gleichzeitig auch etwas, das mehr zu sein scheint
als eine Mimesis, Abbildung etc. (aufgrund von Einheiten).
Das Werden ist nicht in Termen eines Subjektes (und Anfangspunktes)
und eines für dieses als Endzustand dienlichen Objektes zu verstehen,
da »sein Endzustand seinerseits nur in ein anderes Werden eingeschlossen
ist, [
] das mit dem ersten koexistiert und einen Block bildet«.
[22] Es ist, ohne Trennung oder Einteilung in (zwei) Einheiten,
eine Anteilnahme. Wenn der Mensch mit dem Tier zu tun hat,
in seinem Tier-Werden, so schreiben Deleuze/Guattari, werden ausgehend
von den Formen, dem Subjekt und dem Objekt Partikel herausgelöst,
»zwischen denen man Beziehungen von Bewegung und Ruhe, Schnelligkeit
und Langsamkeit herstellt, die dem was man wird und wodurch man
wird, am nächsten sind«. [23] Eine Zone der Nachbarschaft
oder der Kopräsenz, in die der Partikel gewordene Mensch gerät,
eine »objektive Zone der Unbestimmtheit oder Ungewißheit, darauf,
daß es gemeinsame oder ununterscheidbare Züge mit dem Tier
gibt, eine Nachbarschaft, so daß es unmöglich ist, eine
klare Grenze zwischen Tier und Mensch zu ziehen«. [24] Tier
werden kann man nur, wenn man Partikel herauslöst und aussendet,
die mit den Partikeln oder in der Nachbarschaftszone des Tieres
Verhältnisse von Bewegung oder Ruhe eingehen. D.h.: es geht nicht
darum, etwas wie ein Tier zu tun. Insbesondere dann
nicht, wenn man das wie als eine Metapher liest, mit
deren Funktion »man nichts vom Werden verstanden« hat, wie Deleuze/Guattari
betonen setzt die Metapher doch auf die definierten Terme
resp. ihre Bereiche: sonst gäbe es nichts zu übertragen.
Das Tier-Werden ist eine Metamorphose und keine Metapher. [25]
Den bisherigen Überlegungen folgend hat sich das Werden als die
Bildung eines unauflöslichen, asymmetrischen Blocks des Werdens
gezeigt: Das Werden ist eine Doppelbewegung, es ist »immer zweifach,
das, was man wird, wird ebenso wie der, der wird«. Es ist jedoch
kein Austausch zwischen den Punkten oder Termen, es ist vielmehr
ein untrennbares Sich-Ändern entlang einer Linie, die (nicht von
einem Punkt zum anderen) zwischen den Punkten in eine andere Richtung
geht (nicht Mittelmaß, sondern absolute Geschwindigkeit), wodurch
sie eine Zone der Ununterscheidbarkeit bildet. In der Mitte anzufangen,
»in der Mitte eine andere Richtung einzuschlagen« wäre eine Formel
die zudem etwas auftauchen läßt, den Gedanken, daß auch immer
noch etwas anderes, zusätzliches geschieht, etwas das anders ist
als das andere (und dabei doch keinen Superlativ, keine Steigerung
der distanzierenden Zuschreibung das Andere meint).
[26] Etwas, das sich so der sich einschleichende Gedanke
allein in den zwei Termen (Wespe und Orchidee, Tier und Mensch
etc.), doch noch nicht zeigt/zeigen läßt; und das selbst in einer
auf diese Terme zurück- (oder vor-) greifenden Konstellation von
Thematisierung und Auflösung dieser Paare nicht zureichend behandelt
werden kann.
Nur als Block oder Ununterscheidbarkeit gibt es ein Werden: es nimmt
seinen Ausgang mit Termen, die zuvor unterschieden sind. [27] In
der Nähe dieser Punkte, die ihrerseits eine Zone errichtet, die
Nachbarschaft und eine Affizierung impliziert, ist das Werden Bewegung,
oder die Gleichzeitigkeit zweier Bewegungen, die eine gemeinsame
Änderung vollziehen, in der Bildung eines Blocks entlang einer Fluchtlinie,
die sich zwischen den Termen durchzieht. Gleichgültig gegenüber
der Frage, ob die Nachbarschaftszone aus den Zuständen der Terme
resultiert oder umgekehrt, gibt es im Block eine Koexistenz von
Bewegungen, die sich nicht wechselseitig bedingen, da für sie nicht
mehr die (ob scheinbar oder nicht) unterscheidbaren Punkte maßgeblich
sind, sondern die Linien, die einzig in der Mitte erfaßt sind (oder
erfassen). Mit ihnen bildet sich ein Gefüge, ein Block aus Linien,
der einer anderen Bewegung angehört. Im Sinne des völligen Abänderns
ist anzunehmen, das etwas in die Bewegung hineinkommt, das anders
als das Andere ist und sich in einem Tier-Werden nicht auf das
Tier als das Andere des Menschen transferieren und reduzieren
läßt. Es ist ein womöglich Kräfte zehrendes Alterieren, das diese
Metamorphose des Anderen geschehen läßt. In diesem Hinzutreten,
in dieser Auflösung der Terme ist nach jenen Kräften zu suchen.
Anhand eines literarisches Textes um-schreiben Deleuze/Guattari
diesen Prozeß: »ich habe Hunger, die ganze Zeit Hunger, ein Mensch
darf nicht hungern, ich muß also zu einem Hund werden, bloß wie?
[
] Ich muß meinen Körperteilen Schnelligkeits- und Langsamkeitsbeziehungen
geben, die den Körper in einem ursprünglichen Gefüge, das nicht
mit Ähnlichkeit oder Analogie arbeitet, zum Hund werden lassen«.
Es reicht also aus, Schuhe über die Hände, über alle viere
zu ziehen, wobei man schon (etwas mehr Hund) die Schnauze
benötigt. Der Mensch wird Hund
? »Die Frage: Was wirst
du? ist töricht. Denn in dem Maße, wie einer wird, ändert
sich das, was er wird, genauso wie er selbst«. [28] Er »kann nicht
zum Hund werden, ohne daß der Hund zu etwas anderem wird«, beantworten
Deleuze/Guattari die Frage. Es ist ein Hund-Werden des Menschen
und zudem, oder eher dabei ein Werden des Hundes,
ein anderes Werden, »das zum Teil des Gefüges« wird. [29] Im Gefüge,
im Tier-Werden des Menschen, geschieht etwas gleichzeitig, etwas
währenddessen, »während das Tier zugleich zum
(ja, zu was
wird? Wird es zum Menschen oder zu etwas anderem?)« stellen
Deleuze und Guattari die Frage. [30] In der Tat gelingt das Tier-Werden,
das Vogel-Werden nur in dem Maße, »in dem der Vogel dabei ist, etwas
anderes zu werden, reine Linie und reine Farbe«. [31]
4.
In ein Werden hinein
Was das Werden
erfordert, ist ein Kraftaufwand. Ein weiteres Moment einer Analyse
des Werdens, das sich gleichsam mit der (in einem Zusammentreffen)
neu (ein)geschlagenen Richtung der Blocklinie ergeben hat und sich
wie von den feststehenden Termen so auch von der Bewegung selbst
ablöst/-hebt. Wie ließe sich dieser Moment fassen? In jedem Fall
gibt es eine Anstrengung im Werden. Die Personen, die in einem Werden
begriffen sind, sind gleichsam Athleten, es ist »eine Athletik
des Werdens, die lediglich Kräfte offenbart, die nicht die ihren
sind«. [32] Diese äußeren Kräfte wären vergleichbar mit dem Außerhalb,
das die Mannigfaltigkeiten definiert, es sind die Fluchtlinien,
entlang deren Verlauf mit den Mannigfaltigkeiten eine Veränderung
geschieht. [33] Die Anstrengung, die in dieser völligen Verwandlung
liegt, beruht auf »ganz besonderen Kräften des Außen«, mit denen
die »Kräfte im Menschen in Beziehung treten«, etwa dahingehend,
Komponenten und Partikel in Nähe zueinander zu bringen. [34] Diese
Kräfte im Werden hervorzuholen, die Anstrengung des Menschen oder
des Vogels in Farbe überzugehen, es in Farbe übergehen zu lassen,
sichtbar zu machen führt im weiteren zur Kunst. Doch was
zeigt sich mit den Kräften, welche Verbindung gehen diese mit dem
Werden und der Bewegung ein? Was die Kräfte in das Tier-Werden überführt,
auf den Menschen überträgt, ist ein Vermögen, das im Außen ruht,
da die Realität des Tier-Werdens nicht »in dem Tier liegt, das man
imitiert oder dem man ganz entspricht, sondern in ihnen [den Arten
des Tier-Werden; A.L.] selber, in dem, was uns plötzlich ergreift
und uns werden läßt, eine Nachbarschaft, eine Ununterscheidbarkeit,
die aus dem Tier etwas gemeinsames herauslöst [
]«. [35]
Was treibt in ein Werden hinein? Es kann »irgendetwas sein, etwas
ganz Unerwartetes oder Unbedeutendes«, was Mensch und Tier erfaßt.
[36] Deleuze/Guattari führen einen Begriff an, der einen Modus der
Individuation beschreibt, der »sich sehr stark von dem einer Person,
eines Subjektes, eines Dinges oder einer Substanz unterscheidet«:
die Haecceïtas, Diesheiten. Sie sind ein »regelrechtes
Gefüge« oder Rhizom, definiert durch Linien oder ein Verhältnis
von Ruhe, Bewegung und Geschwindigkeiten der Partikel, die für die
Zone der Nachbarschaft bestimmend sind und eine weitere Eigenschaft
des Vermögens bestimmen: zu affizieren und affiziert zu werden,
die Kräfte auf ein Werden übertragen zu können. Es kann sich bspw.
um eine Tages- oder Jahreszeit handeln, um ein Klima oder um eine
Tiermeute, ein Fluß, ein Ort oder eine Schlacht, die »kein anderes
Wesen« haben, »als Dinge, Tiere oder Personen, die sie bevölkern,
die ihnen folgen, in ihnen schlafen oder aufwachen«. [37] Noch in
anderer Weise ließen sich eine Diesheit und ein Ereignis erfassen:
»Unbestimmter Artikel + Eigenname +Verb im Infinitiv«. So
ist bspw. ein »Wespe treffen Orchidee« das Ereignis,
das jedes Subjekt oder Objekt, jede Form »zugunsten eines Gefüges
vom Typus Haecceïtas« aufzulösen vermag. [38]
Die Diesheiten haben eine eigenständige Realität, sie selbst lassen
sich nicht darauf reduzieren, Objekte/Produkte durch die Subjekte
zu sein. Sie sind nicht Teil der Subjekte oder von ihnen unterteilt
oder bewirkt. Da sie unordentlich sind, also: sich nicht den Subjekten
und Objekten unterordnen lassen, sind sie ihnen ebensowenig gegenüberzustellen
(was einer Anordnung entspräche). Was die Haecceïtas und die Anteilnahme
im Block des Werdens vielmehr erforderlich machen oder verlangen,
ist »eine Metamorphose von Dingen und Subjekten«. Im Zuge dieser
völligen Verwandlung geschieht demgegenüber den Subjekten etwas,
hier zitieren Deleuze/Guattari Maurice Blanchot, »etwas, das sie
nur ergreifen können, wenn sie sich von ihrer Fähigkeit, ich
zu sagen, lösen«. Ihr Hinweis lautet: »ihr könnt den Diesheiten
nichts geben, ohne euch klar zu machen, daß ihr dazu gehört und
nichts anderes seid«. Mit dieser Art der Individuation sind der
Mensch und das Tier im Block des Tier-Werdens keine Subjekte mehr,
»sondern werden Ereignisse«, die in ihrem Gefüge von den Diesheiten,
etwa einer bestimmten Tageszeit, »das Nachmittag-Werden, das Nacht-Werden
des Tieres [
]. Fünf Uhr ist dieses Tier«, nicht getrennt werden
können. [39] Ein Geschehen und ein Ereignis, ein Werden. Mehr jedoch,
als daß es eine Individuation ist, ist es eine Singularität; die
Singularität eines Lebens, die gänzlich verschieden ist von
der Individuation des Subjektes. Eine Singularität, die sich darin
bestimmen läßt, daß sie »ein reines Ereignis« hervortreten läßt,
das frei ist »von der Subjektivität und Objektivität dessen, was
geschieht«. Ein Leben bezeichnet eine Mannigfaltigkeit, es
reißt die Ereignisse und Diesheiten mit sich, die sich in dem Subjekt
oder den Objekten und Sachverhalten nur (formalisiert) verkörpern.
[40]
5.
Das Werden diagnostizieren
Das Werden ist
nicht mit Vergangenheit und Zukunft zu denken, es ist unhistorisch.
In ihrer Philosophie wenden sich Deleuze/Guattari von der Philosophieschichte
ab, arbeiten in genau dem Sinne unhistorisch, indem sie mit dem
Erschaffen neuer Begriffe, dem Werden, der Kartographie, der Geo-Philosophie
u.a.m. ein Denken zu befreien versuchen, das durch dualistische,
dichotomische (Baum und Wurzel gegenüber dem Rhizom) oder evolutionistische
Denkbilder gehindert wird, durch jene binäre Logik, die »die Mannigfaltigkeit
nie begriffen« haben, oder jenes Denken, das nur imstande ist, »Gefühlsäußerungen
und Handlungen auf äußere transzendente Ziele zu beziehen«. [41]
Worum es ihnen geht, das ist einen Weg zu finden, die Diesheiten
nicht als »Dekoration« für oder als Reduktion auf das handelnde
oder wollende Subjekt zu verfehlen, sondern das Ereignis im Prozeß
und im Block des Werdens zu erfassen. Eine Forderung, die die Geschichte
nicht erfüllen kann, denn »was sich gerade ereignet, das
ist nicht, was zu einem Ende kommt, aber ebensowenig das, was beginnt«,
es ist dazwischen. [42] Deleuze/Guattari schreiben: »Werden aber
ist der eigentliche Begriff. Aus der Geschichte erwachsend und in
sie zurückfallend, ist es doch keine Geschichte. In ihm selbst ist
weder Anfang noch Ende, sondern nur Mitte. Deshalb ist es eher geographisch
als geschichtlich« [43], es hat eher Zwischenräume, Kontiguitäten,
Nachbarschaften und eine Koexistenz im Gegensatz zu einer zeitlichen
Abfolge. [44] Die Prozesse des Werdens, ohne die sich »nichts in
der Geschichte ereignet«, aber die dennoch nicht mit ihr zusammenfallen,
bekommen Deleuze/Guattaris Aufmerksamkeit, denn »was die Geschichte
vom Ereignis erfaßt, ist seine Verwirklichung in Sachverhalten oder
im Erleben; das Ereignis in seinem Werden [
] aber entzieht
sich der Geschichte«. [45] So verkompliziert sich das Gefüge des
Werdens mit der Geschichte. Einerseits die Geschichte, die Aktualisierung
in oder Wiederholung von Sachverhalten, denen das Ereignis entgeht
hinsichtlich seiner Individuation als Diesheit. Andererseits ist
das Ereignis jedoch untrennbar mit den Sachverhalten verbunden,
da es sich in ihnen verkörpert, als Bedingung oder vielmehr als
eine Tatsache, aus der etwas hervorgeht. Deleuze/Guattari unterscheiden,
ausgehend von Charles Péguy und Maurice Blanchot, den Sachverhalt
und das Ereignis. Der Sachverhalt hat sich vollendet oder manifestiert,
das Subjekt kann zu ihm einen Bezug bilden (so wie es selbst ein
Gewordenes, eine Konvention ist: »Ich ist eine Gewohnheit«
[46]); das Ereignis ist demgegenüber endlos und ohne Bezug zum Subjekt,
da es sich nichts und niemandem unterordnet. Entsprechend den Manifestationen
des Ereignisses gäbe es die Geschichtsauffassung, die darin besteht,
»neben dem Ereignis herzugehen, seine Verwirklichung in der Geschichte
zusammenzusuchen, seine Bedingtheit und sein Vermodern«. Eine andere
Sichtweise des Ereignisses vermag das Ereignis zu erfassen und es
wiederaufzurichten, »sich in ihm als einem Werden einzunisten, [
]
alle seine Bestandteile oder Singularitäten zu durchlaufen«, seine
Partikel zu vermengen, sich so dem Ereignis anzugleichen. [47] Diejenige
Person, die in das Ereignis (hin)eingeht, befindet sich daraufhin
in einem Werden, es ist ein Anders-Werden des Philosophen, wie die
Autoren in Hinblick auf Foucault sagen. [48]
»Die Werdensprozesse in jeder sich ereignenden Gegenwart zu diagnostizieren«,
formulieren die anstehende Aufgabe Deleuze/Guattari in einer Anspielung
auf Nietzsche und fragen: »welche Werdensprozesse durchqueren uns
heute, die in die Geschichte zurückfallen, aber nicht von ihr herkommen,
oder vielmehr: die von ihr nur herkommen, um aus ihr herauszukommen?«
Und das Interesse an solcher Diagnose, am Werden, dürfte für sie
darin liegen, daß es vorkommen kann, »daß in der Geschichte sich
nichts ändert oder zu ändern scheint, aber im Ereignis ändert sich
alles, und wir ändern uns in ihm«. [49] Es gilt zu erkennen, »wodurch
und wohin das System sich bewegt, wie es wird und
welches Element die Rolle der Heterogenität spielt, des Körpers,
der das Ganze schließlich auseinanderjagt, der die symbolische Struktur
ebenso sprengt wie die hermeneutische Deutung, die laienhafte Ideenassoziation
und den imaginären Archetyp«. [50] So daß wir uns fragen müssen,
was sich ändert oder wie es vonstatten geht, daß wir uns mit dem
Ereignis verändern, daß sich alles verändert. »Was ist passiert?«
[51]
6.
Die vermögende Kunst
»Etwas passiert
von einem zum anderen« in einem Werden, anstatt sich vom einen in
das andere zu verwandeln. Das, was geschieht, markiert die Unbestimmtheitszone,
die Ununterscheidbarkeit von Mensch und Tier, die untrennbare, gleichzeitige
Bewegung des Werdens. Es ist die Errichtung eines Bereichs, »in
dem man nicht mehr weiß, wer Tier und wer Mensch ist«. [52] Es soll
im folgenden um die Kunst gehen, die diese Zonen der Ununterscheidbarkeit
von Mensch und Tier, von Farben, Tönen, Partikeln und Linien, diese
Blöcke und Prozesse des Werdens errichten und zeigen kann. Die Kunst
vermag die Frage nach dem, was passiert und sich ereignet, zu stellen
als auch zu beantworten, besteht doch Anlaß, gerade in einer Bezogenheit
dessen, was sich ändert, und dessen, was bleibt, sowie in der Verbindung
mit dem, was sich entzieht oder flüchtet, eine Möglichkeit aufzuspüren,
das Werden und die querlaufende Neuausrichtung nachzuvollziehen.
[53]
Wenn ein »Wespe treffen Orchidee« passiert, geschieht
es aufgrund, oder besser: nicht ohne das Bestehen eines Gefüges,
eines Bezogenseins. Ein Block, der wie Spinnennetz und Fliege für-
oder ineinander ein Gefüge bildet, das Deleuze/Guattari als kontrapunktisch
bezeichnen: »Diese kontrapunktischen Beziehungen verbinden die Ebenen,
bilden Empfindungskomplexe und Blöcke und bestimmen Werdensprozesse«.
[54] Die Kunst erschafft für dieses Bezogensein einen Bereich, in
dem sie und eine Zone, mit der sie Mensch und Tier
anhand ihrer Komponenten ununterscheidbar werden läßt. Sie komponiert,
fügt Mannigfaltigkeiten zusammen, und erhält diese Kontiguität durch
die Änderung, die mit diesem gesamten Gefüge im Werden passiert.
Eine völlige Verwandlung eines Zusammentreffens, das durch eine
unauflösliche Nachbarschaft der Farben, Töne oder Worte bestimmt
ist. Doch muß sie zugleich etwas anderes geben können, etwas, das
nicht nur die Wespe, die Orchidee oder die Komponenten beider betrifft:
man könnte sagen, das Kunstwerk müsse wirken oder funktionieren
d.h. daß es weniger den Objektstatus repräsentieren soll
(etwa in der Abbildung eines Sachverhaltes, einer Figuration von
Begebenheiten u.ä.), sondern es soll die Diesheit spürbar machen,
werden lassen: So muß man fühlen. Eine Empfindung,
die gebildet wird durch das »Tier-Werden, Pflanze-Werden usw.« [55]
Die Kunst hat ihr Vermögen und ihre Aufgabe nicht nur darin, die
Bereiche zu errichten, die die Formen auflösen, sondern »einen Block
von Empfindungen, ein reines Empfindungswesen zu extrahieren«. Erschaffen
wird ein Empfindungsblock auf einer Kompositionsebene, »daß
heißt eine Verbindung, eine Zusammensetzung aus Perzepten und Affekten«.
Das sind drei wesentliche Merkmale der Komposition der Kunst: zusammengesetzte
Empfindungen, »bestehend aus Perzepten und Affekten«. Dabei unterscheiden
Deleuze/Guattari von den Perzeptionen und Affektionen, als Erlebniszustände
und Übergänge von einem Erlebniszustand in einen anderen, die Perzepte
und Affekte. Die Kunst muß versuchen, die Perzepte den »Perzeptionen
eines Objektes und den Zuständen eines perzipierenden Subjekts zu
entreißen«, denn die Perzepte sind ohne Referenz, »unabhängig
vom Zustand derer, die sie empfinden«. Sie muß versuchen, die Affekte
den Affektionen zu entreißen, denn die Affekte sind keine
Gefühle mehr, kein »Übergang von einem Erlebniszustand in einen
anderen, sondern das Nicht-menschlich-Werden des Menschen«, sie
»übersteigen die Kräfte derer, die durch sie hindurchgehen«. [56]
Im Tier-Werden des Menschen geschieht nicht das Nachahmen oder eine
Ähnlichkeit, da es im Werden die getrennten Zustände nicht gibt,
von denen der Mensch in die eines Tieres wechselt, es ist nicht
das reale Tier. Im Geschehen oder eher: dazwischen,
im Werden ist es die Empfindung, die auf Tier und Mensch
trifft. Es ist deren räumliche Nachbarschaft in der Malerei (oder
der Geophilosophie), die die Anteilnahme herstellt und die Deleuze/Guattari
beschreiben als eine »extreme Kontiguität innerhalb einer Verklammerung
zweier Empfindungen«. Es ist eine Sensationskopplung, die
weder das eine noch das andere betrifft, also nicht Mensch und nicht
Tier, sondern die etwas anderes betrifft oder aus ihnen herauslöst.
Etwas, mit dem beide zu tun haben, wenn sie miteinander verkoppelt
werden. [57] Deleuze bezeichnet, Bacon folgend, die Sensation als
»das, was von einer Ordnung zu einer anderen, von einer
Ebene zu einer anderen, von einem Bereich
zu einem anderen« übergeht. Doch es besteht hier nicht der Übergang
von einem Subjekt (Objekt) in ein anderes bestimmbares Objekt, die
passierende Metamorphose gleicht vielmehr der Bewegung des Blocks
des Werdens entlang einer Fluchtlinie. Das Werden ließe sich als
»der Übergang von einer Empfindung zur anderen« bestimmen. Es verbinden
sich die Empfindungen, die in der Kunst das Ereignis erfassen sollen,
mit dem Vermögen zu affizieren (die Anteilnahme der erstellten Ununterscheidbarkeitszone)
bzw. in ein Werden hineinzugelangen. [58]
Zur Bestimmung der Werdensprozesse und dessen, was sich ereignet,
wird den Empfindungen eine eigenständige Realität zugesprochen,
die mit der Kunst spürbar werden kann. Die Empfindungen sind »Wesen,
die durch sich selbst gelten und über alles Erleben hinausreichen«,
sie lassen den Block des Werdens eine andere Richtung einschlagen
und sind solange nicht erfaßt, wie sie den Subjekten und Objekten
als immanent zugeschrieben sind. »Sie sind, so könnte man sagen,
in der Abwesenheit des Menschen, weil der Mensch, so wie er im Stein,
auf der Leinwand oder im Verlauf der Wörter gefaßt wird, selbst
eine Zusammensetzung, ein Komplex aus Perzepten und Affekten ist«.
[59] Der Mensch hat sich von seiner bisherigen Individualisierung
als Subjekt gelöst und hat, selbst ein Ereignis, eine Singularität
angenommen, die von einer Diesheit oder einer Empfindung nicht zu
unterscheiden ist. In der von der Kunst geschenkten Sensation wird
das Ereignis/Werden in einer »Komplementarität« erfaßt: in einem
Empfindungsblock werden die Werdensprozesse als Affekte und die
Kräfte als Perzepte umklammert. Die Affekte sind die Prozesse des
Werdens, die Perzepte machen die »sinnlich unspürbaren Kräfte, die
unsere Welt bevölkern, die uns affizieren, uns werden lassen, spürbar«.
[60]
7.
Sichtbarmachen unsichtbarer Kräfte, die Sensation
Die Aufgabe
der Malerei ist es, jene unsichtbaren oder nur flüchtig wahrgenommenen
Kräfte einzufangen, sie sichtbar zu machen. [61] Eine Operation,
die über die erstellten Figuren verläuft, die nur noch Kräfte sind,
oder deren wesentliche Funktion es wird, die Kräfte spürbar zu machen.
Die Figur gehört zu den Grundelementen dieser Malerei, die im folgenden
anhand der Deleuzeschen Studie zu Francis Bacon aufgezeigt werden
sollen. Die Ausführungen zum Werden begleitend, sollen zur Koexistenz,
zum Block der Bewegungen, zu den Kräften usw. einige der Rubriken
dieses Buches, Zur Logik der Sensation, durchlaufen
werden, um jene Überlegungen in den Gedanken zu den Bildern oder
innerhalb eines bestimmten Wahrnehmens der Bilder aufzuspüren. [62]
Vor dem Malakt, bevor die Kräfte sichtbar gemacht worden sind, muß
etwas anderes geschehen, um den Malakt zu ermöglichen. Das ist sicherlich,
seitens des Künstlers ein Vermögen dafür aufzubauen, sich auf das
Wahrnehmen der Kräfte hin zu sensibilisieren, aber es ist noch nicht
das, was das Werk (und die Sensation) schenken wird. Vor dem Malakt
befindet sich der Künstler bereits in einer Umgebung voller Bilder
und Klischees, er »hat Dinge im Kopf oder um sich oder im Atelier«.
[63] Diese Dinge besetzen schon vor Beginn die Leinwand. Der Maler
steht also nicht vor einer weißen oder leeren Leinwand, auf die
er Objekte überträgt, »er malt auf bereits vorhandene Bilder«, seine
Arbeit ist vielmehr, daß er die Leinwand »leeren, räumen, reinigen«
muß. [64] Die den Künstler umgebenden Bilder oder Klischees sind
figurative Gegebenheiten, eine Figuration, die der Malerei
vorausgeht, als solche aber gerade im Malprozeß zerstört werden
muß. Zum einen sind es in der Malerei Bacons die schon anwesenden
Bilder, oft Photos, nach denen er malt oder die ihm zumindest beim
Malen zugegen sind, aber auch die Erinnerungen an die Personen,
die die Photos zeigen. Zum anderen, im Moment, der den Malakt einleitet,
sind es die Zerstörungen durch insignifikante Striche, Markierungen
und Flecken, die durch ein Benutzen des Zufalls, mit Hilfe des Farbauftrags
durch Werfen, Ausbürsten, Verwischen etc. erzielt werden (Diese
Technik wird auch im Laufe des Malens teils immer wieder eingesetzt,
um das Bild weiter voranzubringen).
Auf die Arbeitsweise Bacons hinblickend, schreibt Deleuze: »Er dringt
auf diese Weise ins Klischee, in die Wahrscheinlichkeit ein. Er
dringt in sie, eben weil er weiß, was er machen will«, jedoch
»nicht weiß, wie ihm das gelingen soll«. [65] Es geht bei
der Auseinandersetzung, mit dem, was Kopf und Leinwand bereits besetzen,
darum, »die unwahrscheinliche Figur aus der Gesamtheit der figurativen
Wahrscheinlichkeiten [zu] gewinnen«. [66] Dazu muß Bacon aus
der Leinwand wieder heraustreten, und dies gelingt ihm über das
Aufbringen der zufälligen freien Markierungen, die eine andernfalls
entstehende Figuration, Repräsentation oder eine Übertragung der
Klischees zerstören. [67] Diese Möglichkeit in den Malakt einzutreten
ist erst gegeben mit dem Erschaffen eines direkten Zugangs zu den
Figuren, die einzig die Kräfte einfangen können. Erst mit dem Abtragen
der Klischees und Bilder von der Leinwand (dem Auftragen der in
die Figuration eingreifenden Farbe) aber entsteht das, was die Komposition
(gleichzeitig) mit einer Figur beginnen läßt: die für Bacon wichtige
Form des Faktischen, matters of fact. Es meint das Faktische
dessen, bereits in einer untrennbaren und unlokalisierbaren Nähe
zum Anderen zu stehen, bereits unauflöslich in ein (kommendes) Werden
bezogen zu sein.
8.
Das Diagramm und das Faktum
Diese Markierungen,
Striche und Flecken, die Deleuze hinsichtlich ihrer Funktion, das
Bild umzuformen, die Formen aufzulösen und zusammenzufügen, Diagramme
nennt, sollen die Figur entstehen lassen. Das Diagramm, das die
figurativen Gegebenheiten gänzlich verwirrt, markiert somit das
vollständige Sich-Verwandeln, das sich in einem Werden ereignet.
Es ist eine »operative Gesamtheit der Linien und Zonen, der asignifikanten
und nicht-repräsentativen Striche und Flecken«, die sich widerspenstig
gegenüber dem bereits Vorhandenen zeigen. [68] Die Figur wird nicht
durch eine Kopie und Repräsentation erstellt, sie kann nur über
das Diagramm, das Brechen mit der Figuration, entstehen. Das Diagramm
kann viel sein: es ist, als ob man in einen Kopf, den man malt,
»mit einem Mal eine Sahara, eine Saharazone einfügen würde; als
ob man auf ihm eine Nashornhaut, wie unter dem Mikroskop gesehen,
ausspannen würde, als ob man zwei Teile des Kopfes mit einem Ozean
auseinanderreißen würde«. [69] Es erzwingt eine »Zone von Ununterscheidbarkeit
oder objektiver Unbestimmtheit zwischen zwei Formen [
], von
denen die eine schon nicht mehr, die andere noch nicht« ist. [70]
Diese Operation ist wie eine Art Übergang, oder eher noch: eine
Veränderung von den figurativen (oder in Hinblick auf die Aktualisierung
in Sachverhalten: konventionellen) Formen, hin zu neuen Formen,
die die Kräfte, oder das sich immer neu ereignende Ereignis einfangen
können.
Das einsetzende Diagramm ist eine hereinbrechende Katastrophe, »das
Auftauchen einer anderen Welt«, die faktische Möglichkeiten
in das Gemälde einführt. [71] Diese müssen erst zum Faktum
entwickelt werden, durch eine ihnen eigene Umwandlung in ein Element
des Bildes, um die Figur aus ihnen erwachsen zu lassen. Das Gemälde
beginnt erst, es kann sich erst den neuen Anzeichen der Kräfte öffnen,
erst ein Ereignis erfassen (statt einzig einen Sachverhalt aufzugreifen),
wenn ihm ein Kampf gegen die Klischees geglückt ist. Es ist also
mit der Figur eine Faktizität entstanden, mit der die durch die
zufälligen Markierungen ins Bild gebrachten informellen Kräfte verteilt
werden können verteilt über die dann folgenden grundlegenden
Elemente des Bildes, die miteinander in Beziehung treten werden.
9.
Figur, Fläche und Kontur
Deleuze definiert
als drei Grundelemente der Gemälde Bacons: Figur, Fläche und Kontur.
Dabei vollzieht Deleuze in seiner Beschreibung der Arbeiten Bacons
mehrere Bewegungen, die den Prozeß des Malens, die Synthese der
Elemente einerseits und die Analyse dieser Aspekte andererseits
verbinden. Von den zufälligen Markierungen ausgegangen und beim
Faktum des Bildes angelangt, verläuft der folgende Abschnitt zur
Figur und daraufhin zu den umgebenden Elementen, zu Farbfläche und
Kontur gehen.
Das Entstehen der Figur ist an die Markierungen gebunden,
die zu Beginn auf die Leinwand gebracht wurden. Worin sich die gebundene
Figur nun befindet, ist ein Schauplatz, ein Rund oder
Parallelflach, die sich mit der Figur aus den Diagrammen
ergeben haben. Dieser Ort erinnert teils an Gerüste oder erscheint
als eine schwebende oder auf dem Boden liegende, teppichähnliche,
fast geometrische Figur. Zudem kann der Schauplatz ersetzt oder
verdoppelt werden durch einen Stuhl, einen Sessel oder ein Bett.
In dieser (Ver-)Bindung wird die Figur an ihrem Ort isoliert. Auf
diese Weise umschreibt Deleuze in den Bildern das Auftauchen des
Faktums: »Kurz, das Gemälde enthält eine Bahn, eine Art Zirkusarena
als Schauplatz. Es ist dies ein ganz einfaches Verfahren, das in
der Isolierung der Figur besteht. [
] Das Verhältnis der Figur
zu ihrem isolierenden Ort oder Schauplatz definiert ein Faktum:
Tatsache ist
, was stattfindet
«. [72] Was gemalt wird,
sind Figuren, »die auf demselben Faktum emporwachsen, ein und demselben
einzigartigen Faktum zugehören«, sie sind auf einem Parallelflach,
vielleicht einem Teppich festgestellt, ruhen auf einer Matratze,
scheinen allein durch die Schwerkraft an einen Stuhl oder Sessel
gebunden. Das ist die erste Funktion der Figur und die Bestimmung
des Faktums, das erst die Figur ermöglicht: die Figur wird auf diese
Weise isoliert, also in einer Isolation/Isolierung erschaffen, so
daß sie an nichts weiter gebunden ist. Die Figur verweist auf keinerlei
Objekte in einem Figurations- oder Repräsentationszusammenhang mehr,
da sie einzig dem zu Beginn des Malaktes Passierenden entstammt,
für das es keine Relationen oder andere Festigkeiten gibt. Das wird
ebenso deutlich gemacht für die Paare, vor allem in den Triptychen
Bacons, auch für sie gilt: sie entstehen aus einem einzigen gemeinsamen
Faktum, das jedoch einen neuen Typ von Beziehungen realisieren soll,
der sich nicht auf eine Geschichte der oder zwischen den Figuren
beziehen läßt. Die Operation der Isolierung hat mit einer Tatsache,
einem Ereignis zu tun, mit dem, was stattfindet oder passiert. In
diesem Malprozeß, vom Ausbrechen aus der Leinwand bis zum Erschaffen
der emporwachsenden Figur, dient das Faktum dazu, in das Gefüge
des Ereignisses zu gelangen. Gleich der Zickzackbewegung
der rhizomatischen Linien, der querlaufenden Bewegung im Werden,
ist das Faktum das Pendant der Leinwand, wenn die bestehenden und
neuen Formen dank des Faktums unauflösbar »in ein und dieselbe Figur
gefaßt, in eine Art Schlangenlinie genommen werden, uns zwar als
ebenso viele Zufälle, die um so notwendiger wären und aufeinander
klettern würden«. [73] Das Diagramm ändert das Gefüge ab und setzt
es in (eine neu ausgerichtete) Bewegung.
Das zweite Grundelement, welches annähernd den Rest der Leinwand
einnimmt, sind die großen Farbflächen, die Deleuze hinsichtlich
ihrer Funktion im Gemälde auch materielle Struktur nennt.
Meist sind es eine oder zwei monochromatische Flächen, die die Figur,
die inmitten der materiellen Struktur plaziert ist, umgeben. Die
Flächen sind »kein Grund, aus dem die Form heraustreten würde«,
sie haben »eine strukturierende, verräumlichende Funktion. Aber
sie liegen nicht unter der Figur, hinter oder jenseits von ihr.
Sie liegen strikt daneben oder eher rundherum«. [74] Im Gegensatz
zu der Figur, die in verschiedenen, oft gebrochenen Tönen gemalt
ist und in Verbund mit den fleckigen, verwischten Partien des Diagramms
steht, sind es große einfarbige, oft klare und leuchtende Farbflächen.
Doch wird dieser Gegensatz aufgelöst, indem diese unterschiedlichen
Farbaufträge nicht gegeneinandergestellt bleiben, sondern vielmehr
aufgrund ihrer Verschiedenartigkeit im gesamten Bild, in ihrer Komposition
zusammengebracht werden können. Deleuze bezeichnet es als eine Korrelation
von Figur und Fläche auf derselben gleich nahen Ebene, eine Korrelation,
die durch das dritte Bildelement erlaubt ist: die Kontur.
Sie liegt zwischen den ersten beiden Bildelementen und schafft eine
Verbindung zwischen ihnen, die durch das Rund oder den Schauplatz,
oder oft durch die Konturen und Ränder der Figuren gegeben ist.
Hervorgehend aus der entstehenden Komposition, die einzig aufgrund
der Möglichkeit einer De- und Rekomponierung, bei gleichzeitiger
Änderung der Maßeinheit (die Verwirrung des Diagramms), zu erhalten
ist, ermöglicht die Kontur das Bestehen der gleich nahen Ebene und
auf ihr die Verbindung der Elemente. Sie ist dem Diagramm als einem
Mal des Entstehungszusammenhangs am stärksten verbunden, in dessen
Wirkmächtigkeit sie die Elemente nicht nur in eine Zone der Nähe,
sondern zugleich und vielmehr in die der Unbestimmbarkeit bringt.
Das Diagramm hat einem Ereignis gleich eine Linie gezogen (Kontur),
eine Richtung eingeschlagen, die die Komponenten des Bildes ununterscheidbar
macht.
Die Kontur bildet die gemeinsame Grenze beider, eine Membran, in
deren Funktion sie der Ort einer doppelten Bewegung ist, eines Austausches
in beide Richtungen auf der von ihr erstellten Bahn, zwischen Figur
und materieller Struktur. »Etwas passiert, in die eine oder in die
andere Richtung«. [75]
10.
Die Koexistenz der Bewegungen
Deleuze zieht,
hier folgt der zweite Abschnitt des Verlaufs, die Linie weiter von
den Bildelementen über die Kontur zu den zwei Bewegungen, die das
Ensemble der Elemente und die Komposition des Gemäldes vervollständigen.
Eine erste Bewegung, der Schaffung der Figur nahestehend, jedoch
nicht von ihr herrührend, sondern von Kräften des Außen,
führt von der materiellen Struktur, von der Farbfläche zur Figur.
In ihr erfährt die in ihrer Isolierung befindliche Figur das Umschliessen
der Fläche, die ihr als materielle Struktur schon einen Aufenthalt
bietet: Dieser Kraft ausgesetzt wird sie sowohl auf den Schauplatz
als auch an ihr Faktum gebunden, aus denen sie entstammt und entsteht.
»In vielen Gemälden wird die gleichmäßige Farbfläche geradezu von
einer Bewegung ergriffen, durch die sie einen Zylinder bildet: Sie
rollt sich um die Kontur, um den Schauplatz zusammen; und sie umwickelt,
umfängt die Figur«. Die Figur beweist in dieser Einschliessung »bereits
eine einzigartige Athletik«, sie begleitet diese Bewegung »mit all
ihren Kräften«. Dieser Kraftaufwand reicht hinüber in die andere,
mit der ersten koexistierende Bewegung, die »demgegenüber von der
Figur zur materiellen Struktur, zur Farbfläche« verläuft. [76] Man
kann es, grob verkürzt, so beschreiben: Im Zuge ihrer Entstehung,
also der notwendigen und unlösbaren Beziehung zum Faktum und zur
Fläche, wächst die Figur gleichsam weiter aus dem Faktischen (auf
dem Diagramm) empor. Ihre Einschliessung oder Nötigung begleitend,
versucht sie sich mit ihrer Umgebung zu rekomponieren. Es ist eine
Gleichzeitigkeit der Bewegungen, die aus einem Zusammentreffen,
einem Ereignis herrühren, wobei jedoch Deleuze der zweiten, fliehenden
Bewegung eine andere Aufmerksamkeit schenkt. Ist die erste Bewegung
noch die Erlangung der Figur (nach der Überwältigung der Figuration),
auf die die Kräfte einwirken, richtet sich die zweite Bewegung neu
aus und löst die Figur auf. Die Funktion der Fläche in der ersten
Bewegung, in ihrer Mitte der Figur Zusammenhalt oder Aufenthalt
zu bieten, steigert sich sogar in der zweiten Bewegung dazu, daß
die Figur es darauf anlegt, ihn der Fläche oder im Gemälde vollkommen
enthalten zu sein.
Die Figur ist in den Werken Bacons der Körper, der vom Schauplatz
umfasst wird, er wendet Kraft und »Anstrengung auf sich selbst,
um Figur zu werden. [
] Der Körper müht sich oder wartet eben
darauf daß er entkommt. [
] stets der Körper, der durch
eines seiner Organe zu entkommen versucht, um sich mit der Farbfläche,
der materiellen Struktur zu vereinigen [
], der durch diesen
oder jenen auf der Kontur lokalisierten Punkt entwichen ist«. [77]
In dieser Koexistenz und Kontiguität wird der Schauplatz der ersten
Bewegung der Ort des Ereignisses (bzw.: das Ereignis) der zweiten
Bewegung. In den Bildern geschieht etwas, das zum Ereignis und zum
Werden führt.
Die gesamte materielle Struktur steht zur Figur in einer Verbindung,
die die Elemente auf einer gleich nahen Ebene erscheinen und in
Beziehung treten läßt. Dabei übernimmt die Fläche die Bewegung/die
Kräfteverhältnisse des Bildes, die sie an die Figur weitergibt.
Die in die Komponenten eingelagerten Kräfte, die aus dem Brechen
mit vorhandenen und dem Hervorbringen neuer Formen entstammen, nötigen
zu dieser einen gemeinsamen Bewegung, in der sich in den Bildern
Bacons eine Verwandlung der Figur in einer transversalen Richtung,
getrieben und resultierend aus komplementären Bewegungen, ankündigt
(die Athletik, die der doppelten Bewegung entspricht). [78] Jedoch
ist dafür näher zu erkunden, was die Bewegungen zustande kommen
läßt und was die zur Bewegung gebrachten Figuren erfahren.
11.
Die Deformationen der Kräfte
Der Körper in
der Malerei Bacons wird von Bewegungen durchlaufen, doch ist Bacon
viel eher daran interessiert ist, was an der Bewegung fortbesteht.
Das Warten und die Anstrengung der Figur, durch einen Fluchtpunkt
in der Kontur zu entkommen, um sich in der Farbfläche aufzulösen,
die sich beide um den Körper schließen: Das ist die Gleichzeitigkeit
der Bewegungen. Es sind »äußerstenfalls« Bewegungen auf der Stelle,
die Spasmen gleichen, Anstrengungen in einer lächerlichen
Athletik, in der Figur und materielle Struktur ihre gegenseitigen
Kräfte erfordern. [79] So daß das Gemalte gleichsam »eine Bewegung
von Bewegungen oder ein komplexer Zustand von Kräften« ist. Anders
gesagt, stehen die Bewegungen und die Elemente »nun in Bezug zu
Kräften, alles ist Kraft«. [80] In der Malerei Bacons sind die Bewegungen
den Kräften untergeordnet, von denen sie herrühren; bei ihm sind
es nicht Transformationen des Körpers von etwas in etwas. Deleuze
macht deutlich, daß es sich um Deformationen handelt: es ist die
Wirkung unsichtbarer Kräfte auf den Körper, die Bacon in den verwischten
Partien an den Köpfen und Körpern sichtbar zu machen versucht, wenn
dort die Kräfte auftreffen und einwirken. Die Deformationen, die
sich im Durchgang durch die Bewegungen zeigen, lassen eine Zone
der Unbestimmbarkeit der Formen entstehen. Der Aspekt der Malerei
liegt damit mehr in dem, was die Bewegungen mithervorruft: die materielle
Struktur trägt die Isolationskräfte, die sichtbar werden,
wenn sie sich mit der Kontur um die Figur rollt, die Auflösungskräfte
sind sichtbar, wenn die Figur sich mit der Farbfläche vereinigt.
Es sind Deformationskräfte, die den Körper (oder den Kopf)
heimsuchen, der sich in den »natürlichsten Haltungen [
] je
nach der bloßen Kraft, die auf ihn einwirkt, umordnet Lust
zu schlafen, sich zu erbrechen, sich umzudrehen, möglichst lange
im Sitzen aushalten etc.« Wie macht Bacon die Kräfte sichtbar? Die
Körper sind gekennzeichnet durch eine »außerordentliche Unruhe«,
die »von Kräften des Drucks, der Ausdehnung, der Kontraktion, der
Abplattung, der Streckung« kommt. [81] Deformationen, deren verwischte
und ausgebürstete Markierung unterstützt wird durch den chronochromatischen
Körper (im Unterschied zur umgebenden monochromatischen Farbfläche).
Was Bacon so festhält, sind Kräfte einer sich »verändernden Zeit
durch die allotrope Variation der Körper«, eine Zehntelsekunde,
in einer ewigen Zeit, alle möglichen Haltungen, Variationen des
Körpers. [82] Das Geschehen eines Augenblicks, oder vielmehr der
Augenblick zwischen zwei Geschehnissen.
Es ist nicht einfach ein Wechsel von der Bewegung zu den Kräften,
den Deleuze hier vollzieht, sondern es ist eine gemeinsame Sache,
deren Zusammensetzung wesentlich einem weiteren Moment geschuldet
ist, denn die Kräfte stehen in einem engen Bezug zur Sensation.
[83] »Eine Kraft muß sich auf einen Körper richten [
], damit
es eine Sensation gibt«. Die Sensation ist gleichsam das Einwirken
der Kräfte: die unspürbaren Kräfte lassen sich nur als Sensationen
spüren (das ist die Aufgabe der Kunst). [84] Die auf den Körper
einwirkenden Kräfte sind der Komplex von Kräften, der
eine Koexistenz oder Bewegung der Bewegung hervorruft,
die Figur, Fläche und Kontur betreffen. Etwas tritt hinzu: Was an
der Bewegung fortbesteht (das ist Bacons Interesse an den Kräften),
wird durch die Sensation bestimmt es sind die Kräfte, die
die Bewegungen zu überdauern scheinen und den größten Zusammenhalt
der Elemente geben können. [85] In ihnen, so ließe sich vermuten,
kommen die Formen, Partikel geworden, am nächsten zueinander.
Der Ort, auf den die Kräfte einwirken, ist der Körper. Er ist zugleich
die wesentliche Bestimmung der Figur: sie ist keine Form, »die auf
ein Objekt bezogen ist und dieses wiedergeben soll (Figuration)«,
sondern sie ist demgegenüber als eine »auf die Sensation bezogene
sinnliche Form« bestimmt, sie ist als Körper dem Geschehen, dem
Ereignis ausgesetzt, deren Singularitäten sie durchläuft. Der so
aufgelöste Körper ist als Figur »bereits akkumulierte
geronnene Sensation«, er ist Empfindung. [86] Der Körper
wehrt sich gegen die strukturierende Haltung, der er unterworfen
ist; die er aber abzuschütteln versucht. Er ist organloser
Körper (Artaud), der »von einer Welle durchströmt» wird,
die in ihm »Ebenen und Schwellen einzeichnet«, ihn bestimmt die
»vorübergehende und provisorische Gegenwart bestimmter Organe«,
die durch das Einwirken oder Auftreffen einer deformierenden Kraft
auftreten und jene allotropen Variationen des Körpers ausmachen.
[87]
Es geschieht in diesem Kräftekomplex etwas, das Deleuze selbst in
den Bezug zum Faktischen, oder wie zu erweitern wäre: in Bezug zum
Ereignis stellt. »Was aus der Deformation ein Schicksal macht, ist
die Tatsache, daß der Körper einen notwendigen Bezug zur
materiellen Struktur besitzt:« Die Figur ist nicht nur isolierter
Körper, sondern »bald kontrahiert und angesogen, bald gestreckt
und gedehnt«, es ist der deformierte Körper, der unter Einsatz aller
Kräfte entweicht. Die materielle Struktur »rollt sich nicht nur
um ihn zusammen, er muß sich vielmehr mit ihr vereinigen und sich
in ihr auflösen und dazu durch oder in jene Prothesen-Instrumente
passieren«, die bei Bacon ein Spiegel sein können, der den Kopf
deformiert, oder ein Waschbecken, durch das der Körper zu entkommen
versucht, ein Schatten oder Farbstrich, der sich aus der Figur in
die Farbfläche erstreckt. [88] In einer Koexistenz, in einer unauflöslichen
Beziehung besteht zwischen den Organen, einem Kopf und anderen Gegenständen,
einer Kloschüssel, einem Vogel u.ä. kein Unterschied mehr. Es hat
sich alles in eine neue Beziehung zueinander gebracht, die weniger
auf Ähnlichkeit beruht als vielmehr auf einer der Sensation geschuldeten
Zone der Nachbarschaft oder Ununterscheidbarkeit.
12.
Tier-Werden
Was geschieht
ist ein Werden. Das Streben des Körpers, zu entkommen, das der Figur,
sich durch die Kontur hindurch in der Farbfläche aufzulösen, geschieht
in einem Werden. »Die Kontur verändert sich, wird zur Halbkugel
des Waschbeckens oder Regenschirms, zur Dichte des Spiegels und
wirkt deformierend; die Figur kontrahiert oder dehnt sich, um durch
ein Loch oder in den Spiegel zu kommen, in einer Reihe krasser Deformationen
erfährt sie ein ungewöhnliches Tier-Werden«.
Deleuze nimmt eine Einteilung vor: der Körper (sowie der Kopf als
Teil des Körpers) ist Figur, Struktur hingegen sind die Knochen
und das Gesicht. Bacon ist Maler von Köpfen, nicht von Gesichtern,
er versucht, den Kopf unter dem Gesicht, das eine »strukturierte
räumliche Organsisation« ist, hervorzuholen. »Das Gesicht auflösen,
den Kopf unter dem Gesicht wiederfinden oder auftauchen lassen«,
eine Operation, die auf die Bevorzugung des Fleisches gegenüber
den Knochen verweist, die Deleuze bei Bacon beschreibt: »Es gibt
keinen Zweifel, das Fleisch ist der höchste Gegenstand des Erbarmens
bei Bacon, [
] es hat alle Leiden bewahrt. [
] Bacon sagt
nicht Erbarmen mit den Tieren, sondern eher: jeder Mensch,
der leidet ist bloßes Fleisch. Das Fleisch ist der gemeinsame Raum
von Mensch und Tier, ihre Ununterscheidbarkeitszone, es ist jenes
Faktum, eben jener Zustand, in dem sich der Maler mit
den Gegenständen seines Schreckens oder seines Mitgefühls identifiziert«.
[89]
Es wird in den Gemälden Bacons eine »Zone von Ununterscheidbarkeit,
Unentscheidbarkeit« konstituiert, »das gemeinsame Faktum von Mensch
und Tier«. Es sind keine »formalen Korrespondenzen« mehr, die zwischen
Tier und Mensch bestehen, keine bestimmbaren Einheiten, keine Kombination
von Formen. Es ist, greift man auf die vorangehenden Überlegungen
zurück, das, was zwischen ihnen passiert. »Es kommt vor, daß etwa
ein wirklicher Hund als Schatten seines Herrn dargestellt wird;
oder umgekehrt der Schatten eines Mannes eine autonome und unbestimmte
Tierexistenz annimmt. Der Schatten entflieht dem Körper als ein
Tier, das in uns wohnt«. Der Schatten als ein dazwischen,
das den Block aus Mensch und Tier eine neue
Richtung einschlagen läßt. Ein Block, ein Komplex von Kräften, der
von der Nähe oder den Partikeln herrührt, und der eine andere Ausrichtung
vorgibt durch das gemeinsame Faktum (durch ein Ereignis, das Gefüge
der Diesheiten). Und zugleich geschieht etwas mit Mensch und Tier,
etwas, das sich aus beiden herauslöst: Die Fluchtlinie, die sich
über das Tier hinaus erstreckt und das Tier etwas anderes werden
läßt, richtet sich aus auf etwas, das irgendetwas sein kann, Farbe
oder Ton, ein Schatten oder ebenso ein Geist. [90] Es könnte als
Anstrengung aufgefasst werden, in einem Zwischen das Außerhalb aufzudecken.
Deleuze merkt zur Bestimmung der Baconschen Figuren an, daß es dem
Körper/dem Kopf nicht an Geist fehlt, »es ist dies aber ein Geist,
der Körper ist, [
] ein Tiergeist, er ist der Tiergeist des
Menschen: ein Schweine-Geist, ein Büffel-Geist, ein Hunde-Geist,
ein Fledermaus-Geist
«. Die verwischten und ausgebürsteten
Portraits und die Deformationen der Figur, die Partien, auf die
die Kräfte deformierend einwirken, sind Momente des Kampfes mit
den Formen, die auch im weiteren das Bild noch steuern. Aus den
zufälligen Markierungen, den Strichen und Flecken wird der Prozeß
eines anderen Werdens. »Die Marken oder Züge des Tierischen sind
nicht länger Tierformen, sondern eher Geister, die die verwischten
Partien heimsuchen, am Kopf zerren« und diesen unter dem Gesicht
auftauchen lassen, Geister, die den von den Knochen fallenden Körper
flankieren. »Es kommt vor, daß der Menschenkopf durch ein Tier ersetzt
wird; dies ist aber nicht das Tier als Form, vielmehr das Tier als
Strich oder Zug, etwa ein zitternder Vogelstrich, der auf
der verwischten Partie herumwirbelt.« Und tatsächlich: es ist die
Farbe oder ein Geist, der herumwirbelt, ein Vogel-Geist oder
ein anderer Geist, Geist des Menschen, die herumzuwirbeln vermögen
und nicht ein Vogel, der doch eher fliegt oder hüpft. Es
ist eine völlige Umformung in einer »unförmig unförmigen Bewegung«,
es ist ein Vogel-Werden des Menschen, wenn der Vogel Farbe und Pinselstrich
wird, und es ist ein Geist-Werden genau dann, wenn der Vogel als
Strich in der Art der Geister herumzuwirbeln beginnt. [91]
Was sich in den zwei (zuvor unterschiedenen) Termen nicht, und in
ihrer zweiseitigen Beziehung genausowenig erfassen ließ
, vielleicht
erfassen Fluchtlinie, Diagramm und Kontur diese neue, transversale
Bewegung. [92] Anhand der Malerei Bacons ließe sich die alterierende
Bewegung dahingehend bestimmen, daß sie gefasst als Diagramm und
Kontur (immer mehr) in das Gemälde eingebracht wird. Als zufällige
Markierung hat sie die zur Ununterscheidbarkeit gebrachten Formen
(von Mensch und Tier) erstellt, als Strich oder Zug (Farbe geworden)
löst sie sich doch von diesem Prozeß und läßt etwas anderes entstehen,
das das Geschehen insgesamt vollkommen abändert. Die Farbe, der
verwirbelte Strich und der herumwirbelnde Geist treten zu Mensch
und Tier hinzu, sie belassen es jedoch nicht bei der Ununterscheidbarkeit
von Mensch und Tier, sondern verwischen dieses Paar und richten
Tier und Mensch neu (auf sich) aus.
13.
Gleichzeitigkeit eines anderes Werden, die Wahrnehmung
Die Figur, die
sich konstituiert in der einen Bewegung durch die einschliessende
Farbfläche und sich mit ihr vereinigt in einer zweiten entkommenden,
fluchtenden Bewegung, ist gleichsam wie ein Form werdender
Körper, der jedoch in diesem Werden zur Form dazu beiträgt, daß
sich die Form selbst aufzulösen beginnt. [93] Das Auflösen der Formen
ist Aufgabe der Kunst, die ihre Ununterscheidbarkeit herstellt.
Bei Bacon ist es nicht eine Form auf einem Hintergrund, sondern
das Ineins-Werden der Figur-Form in der benachbarten materiellen
Struktur in einer Reihe von Deformationen und Kräfteeinwirkungen.
Eine Zone der Ununterscheidbarkeit, festgehalten an oder in den
Markierungen im Bild, die Schauplätze des Werdens und Male des Ereignisses
sind. Die Form (des Menschen wie des Tieres) löst sich auf, sie
wird vielmehr »Strich oder Zug, etwa ein zitternder Vogelstrich«
exakt in dem Augenblick, »in dem der Vogel dabei ist, etwas
anderes zu werden, reine Linie und reine Farbe«, ein anderes Werden,
ein Anders-Werden des Tier-Werdens. [94] Was geschehen ist, das
ist ein gleichzeitiges Werden des Menschen zum Tier, des Tieres
zum Pinselstrich [95] und zur reinen Farbe oder: In einem
doppelten Werden ist es der (Tier-werdende) Mensch, der in diesem
Linienzug oder jener Farbe aufgeht. »Die Farbe in Abwesenheit des
Menschen, der in Farbe übergegangene Mensch«, schreibt Deleuze,
und weiter (Cézanne zitierend): »Der Mensch soll nicht da
sein, aber ganz eingegangen in die Landschaft«. [96] Was zugleich
geschieht, ist ein Molekular-Werden oder eine Annäherung an ein
Unsichtbar-Werden, da es eine Auflösung in Partikel gibt, eine Auflösung
hin auf ein gemeinsames Faktum, das die Ununterscheidbarkeit in
die Komposition einführt. [97]
Parallel zum Aufbau des Bildes durch Elemente auf derselben gleich
nahen Ebene, beschreibt Deleuze für die Malerei Bacons, wie eine
neue Art des Sehens für das Wahrnehmen des Geschehens auf dieser
Ebene ermöglicht sein muß: ein naher, taktiler oder vielmehr haptischer
Blick, der die so nebeneinandergefügten Elemente erfassen kann.
Dieses Erfassen ist weder einer physikalischen Optik, noch einem
rein manuellen Ergreifen untergeordnet. Es ordnet nicht mehr hinsichtlich
einer Perspektive an, vielmehr könnte es als eine Weise verstanden
werden, sich einem Gemälde, einer geschenkten Sensation auszusetzen,
sich einem Werden mit dem Bild zu öffnen. [98] Die Malweise Bacons
löst die Figur in der Fläche auf, sie zieht die Elemente auf eine
haptische Ebene, mit der der Betrachter zugleich erfasst ist, er
erfasst das Gemälde und die Sensation, wenn er sich auf die Ebene
einlassen kann, von der aus er in ein Landschaft-Werden gerät. »Die
Landschaft sieht«. [99] Beide, Figur und Betrachter, erfahren das
Geschehen, ohne sich davon distanzieren zu können. In der Sensation
werden das Ereignis, der Schauplatz und das Faktum mit dem Körper
unauflöslich verbunden, ein untrennbarer Block: »Ich werde
in der Sensation, und zugleich geschieht etwas durch die
Sensation, das eine durch das andere, das eine im anderen«. [100]
Etwas geschieht durch die Sensation, eine völlige Umwandlung, nicht
ohne daß der Betrachter zugleich in ein Werden hineingezogen wird.
Auf Cézanne bezugnehmend beschreibt Deleuze die gegenstrebigen Bewegungen
in den Bildern Bacons: »die Welt, die mich selbst ergreift, indem
sie sich um mich schließt, das Ich, das sich zur Welt hin öffnet
und sie selbst öffnet«. [101] »Man ist nicht in der Welt, man wird
mit der Welt, man wird in ihrer Betrachtung. Alles ist Schauen,
Werden«. [102] Es ist ein Aufgehen in die Farbe oder ein Aufgehen
in die Welt, in dem Maße, indem das Werden auf ein Unwahrnehmbar-Werden
ausgerichtet ist. Das Unwahrnehmbar-Werden gelingt, da der Mensch
mit den Linien des Tieres, der Steine, einer Tageszeit oder eines
Lautes eine Welt bildet. Deleuze/Guattari schreiben, daß es ein
alle-Welt-Werden in dem Sinne ist, wie es im Prozeß des Werdens
und seines Wahrnehmens nicht mehr darauf ankommt, eine Welt als
das große Ganze zu sein (oder darzustellen), sondern eine Welt werden
zu lassen und zu bilden (die Möglichkeit der Kunst). Deleuze/Guattaris
Augenmerk liegt darauf, dazwischen hindurchzugehen, um den
Dualismen zu entkommen, im Zwischen anzusetzen, um das Ereignis
zu erfassen. Und genau dahingehend richten sie die Diagnose des
Werdens: »Die Wahrnehmung verändern«. Was geschieht, läßt
sich erfassen, wenn man in einem Unwahrnehmbar-Werden im Gefüge
der Linien und ihrer Bewegung aufgeht. Die Bewegung selbst ist nicht
wahrzunehmen, so schreiben Deleuze/Guattari, doch sie betonen zugleich:
»die Bewegung muß auch wahrgenommen werden, sie kann
nicht umhin, wahrgenommen zu werden«: In der Kunst gibt es diese
sich verstärkende Unwahrnehmbarkeit der aufgelösten Formen, die
aber im Sichtbarmachen der unsichtbaren Kräfte (in der Malerei)
vernehmbar wird; in einem Unwahrnehmbar-Werden des Betrachters ist
ein Vernehmen der Bewegung/der Kräfte unvermeidlich. [103] Das Diagnostizieren
des Werdens, in dem die Bewegung geschieht, ist nur möglich in einem
Werden (dem Anders-Werden des Philosophen), das die Menschen in
die Bewegung hineinzieht, die dann »selbst Teil des Empfindungskomplexes
sind«. [104] Das Erfahren oder Empfinden des Tier-Werdens gelingt
dann, wenn der Mensch in die Farbe übergegangen ist, um Vogel zu
werden.
14.
noch nicht ganz zu denken
»Der Mensch
wird Tier, aber er wird es nicht, ohne daß das Tier zugleich Geist
wird, Geist des Menschen [
]«. [105] Mit diesem Satz schließt
Deleuze im Buch zu Bacon an die Passage an, in der er die Ununterscheidbarkeitszone
und das gemeinsame Faktum von Tier und Mensch aufzeigt. Es ist das
Fleisch, die körperlichen Figuren, denen etwas auf der Leinwand
hinzugefügt wird, Markierungen, die dem Körper entweichen, als Schatten,
wirbelnder Vogel oder Geist. In den Gemälden Bacons ist dies alles
zugleich, ein Augenblick ist festgehalten, der doch eine Bewegung
und das Bestehen aus Kräften nicht vertuschen kann. Etwas bleibt
im Bild bewahrt, das die Bewegung auf der Stelle sein könnte, die
Deleuze hervorhob. Ist es dieses doppelte, scheinbar widersprüchliche,
was die Faszination ausmacht? Läßt sich die im Werden oder im Tier-Werden
vollzogene Bewegung zusammenfassen als die querlaufende Richtung,
die der Block des Werdens einschlägt? Das alles ist in der Formulierung
Deleuzes enthalten: »Der Mensch wird Tier, aber er wird es nicht,
ohne daß das Tier zugleich Geist wird, Geist des Menschen«
Wie ist dieser Gedanke Deleuzes zu verstehen, wie kann diese Wendung
gedacht werden? Es ist die Bewegung eines Werdens mit offenem Ausgang,
eines Werdens, von dem jedoch einiges bekannt (spürbar) wurde. Etwas
geschieht nämlich nicht, ohne daß zugleich etwas weiteres passiert;
die Frage geht nicht dahin, was vor und nach dem Werden war, nicht
zu den Sachverhalten, denn die relationierende Maßeinheit fehlt
(das Werk des Diagramms, das Deleuze so hervorhebt). Zu fragen ist
nach den Mannigfaltigkeiten und Diesheiten, die den Block des Werdens
auf die Linie setzen, und nach dieser Fluchtlinie. Fünf Uhr ist
dieses Tier! Dieses Tier ist dieser Ort! Es ist der Ort einer
Nähe (auch der Ort des Zeigers auf der Uhr), der entscheidend ist
(Deleuze/Guattaris Geophilosophie und Kartographie). Rückt der Mensch
in diese Nähe, gerät er in eine Nachbarschaft und in ein Tier-Werden,
gerät er in den Strom der Haecceïtas, erfährt er die Sensation,
die seine Koordinaten verwirrt.
Wir betrachteten das Tier-Werden des Menschen, doch
es sind nicht allein Tier und Mensch beteiligt, sie sind zu vernehmen
mit dem Ort, der Nachmittagsstunde, mit der Farbe und Kraft
des Vogels, mit dem Schatten, der entflieht. Die Bewegung ist
ein unvermeidlicher Gedankensprung nicht losgelöst zu betrachten,
sie ist keine Einheit und keine Relation; es ist ein Block.
Die Formulierung Deleuzes ist als ein Block zu verstehen:
nicht,
ohne
, der nicht einfach zu denken ist (sondern
mannigfach). Jedenfalls ist nicht daran zu denken, daß sich Mensch
und Tier in der Mitte treffen, denn das wäre der Mittelwert. Die
absolute Geschwindigkeit oder die neu eingeschlagene Richtung, das
ist die völlige Verwandlung, d.h. die gleichzeitige Veränderung
der Terme und der Maßeinheit (das verwirrende Diagramm, die Sensation),
in der ein Block bleibt und (in ihm) alles ändert. Es ist keine
Beziehung von Mensch und Tier
, oder es kann solange eine Beziehung
sein, die über Identifikation und Imitation (das distanzierte Ich
des Menschen) verläuft, solange nicht etwas in Art eines Geistes
hinzutritt, der zu spuken beginnt (die Sensation), der ärgert
(das Alterieren). Ein Geist, ein Schatten, der selbst Farbe geworden
oder aus Farbe ward. Das Tier-Werden ist nur als ein gleichzeitig
mit anderen Arten des Werdens sich Ereignendes zu verstehen, ein
Block des Werdens, der dennoch eine Drift hat: die Fluchtlinie,
die alterierende Linie, die nicht das Andere ist, nichts anderes
ist, die nicht wechselt oder vor eine Alternative stellt, sondern
die abändert. Wie ist dieses gleichzeitige, Fluchtlinien ziehende
Werden zu denken?
Es sind die Bruchstücke eines Werdens: die Zone der Ununterscheidbarkeit
oder der Nachbarschaft, die noch einmal heranzuziehen sind: man
hat als Mensch etwas mit dem Tier zu tun. Es gibt etwas, das von
dieser Zone markiert wird, Deleuze hat es in der Malerei Bacons
benannt: das Fleisch, das Leiden, der Schrecken eine »widernatürliche
Anteilnahme« (die über eine Beziehung zwischen Mensch und Tier
hinausgehen). Sie definieren eine Verbundenheit oder ein Verfängnis
mit dem Tier, in denen das Tier-Werden zu verstehen ist: »Man wird
Tier, damit das Tier etwas anderes wird«. [106] Und dieses Anders-Werden
markiert, daß diese Verbundenheit nicht abgeschlossen ist: Man geht
(als Mensch) nicht in einem Tier auf. Zuvor ist das Tier etwas anderes
geworden, ob herumwirbelnder Vogel-Geist oder reine Farbe. Und was
ist man als Mensch? Deleuze/Guattari fassen den Menschen
als ein Komplex aus Perzepten und Affekten, in der Kunst ist er
der Körper, der auf die Empfindung bezogen ist, wenn er Farbe oder
ein Verlauf der Wörter wird. Wie das Werden keinen Endzustand besitzt,
der das Tier wäre, so besitzt es ebenfalls keinen Anfangspunkt,
der der Mensch sein könnte. Als Mensch ist man bereits in
einem Werden, in einem Gefüge, für das der Mensch nicht die Einheit
stiftende, übergeordnete Dimension ist.
Diese Überlegungen scheinen wichtig zu sein für ein Denken des Werdens,
da es dazu veranlaßt (einzugestehen), sich neu auf die Suche begeben
zu müssen. Wir befinden uns im Denken. Was heißt Denken bei Deleuze/Guattari?
Das Denken kann viele verschiedene Formen annehmen: »auf jeden Fall
und in allen ihren Zuständen ist die Malerei Denken: das Sehen vollzieht
sich im Denken«. [107] Die Linie des Denkens, die wieder mit Deleuzes
Formulierung auftaucht, wurde bei Bacon aufgenommen. Von dort ist
etwas in die Überlegungen mitaufzunehmen, was die Diagramme und
die Zone der Ununterscheidbarkeit, ohne die das Werk Bacons nicht
zu denken ist, betrifft: Das Diagramm ist die hereinbrechende Katastrophe
(das Werden auslösende Ereignis), jedoch soll es nicht die Katastrophe
auf das Bild übertragen, etwas soll aus dem Diagramm hervorgehen.
Es ist die Operation Bacons, mit der er Ähnlichkeit erzeugen möchte,
»aber mit zufälligen und unähnlichen Mitteln«. [108] Deleuze betont
jedoch, daß es sich bei dieser »Unschärfe« um eine Arbeitsweise
»hoher Präzision« handelt (die Anstrengung), daß das Verschwommene
der Bilder Bacons »nicht durch Undeutlichkeit erlangt« wird, sondern
durch »die Operation, die darin besteht, die Deutlichkeit
durch Deutlichkeit zu zerstören«. [109] Es bricht, so formulieren
es Deleuze/Guattari aus diesem Ununterscheidbarkeitsblock ein »Maximum
an Bestimmtheit« hervor; eine Formel die sie in das, was es zu denken
gilt, einbeziehen: »man braucht dringend anexakte Ausdrücke, um
etwas exakt zu bezeichnen. Und zwar keineswegs, weil man da hindurch
müßte, weil man nur durch Annäherungen weiterkäme: die Anexaktheit
ist eben keine Annäherung, sondern im Gegenteil genau die Durchgangsstelle
dessen, was im Werden ist«. [110] Wonach wir fragen, ist dieser
bestimmte Block einer Drift in einem koexistenten Werden, die sehr
wohl deutlich zu spüren ist, aber einzig in ihrer Verschwommenheit.
Es sind nicht zwei Dinge getrennt von der von ihnen unterschiedenen
Umgebung, in einer Einheit (der Bewegung) zu betrachten, das ist
aufgrund der Verschwommenheit unterbunden; es ist keine Bewegung,
ohne nicht zugleich untrennbar in/mit dem zu sein, was sie umgibt.
Die Terme entstehen mit ihr und fallen zurück, entlang einer Linie,
einem Ereignis ausgesetzt, das ihnen für einen Augenblick diese
oder jene (unförmige) Form gibt, die ihnen aufgrund eines, wohlgemerkt
flüchtigen und provisorischen, völligen Sich-Änderns zukommt. Markiert
wird, was dem Gefüge hinzutritt oder es erst werden läßt: nicht
nur Mensch und Tier, wenn sie nicht zugleich eins mit den Diesheiten
sind, mit ihnen verschwimmen fünf Uhr ist das Tier.
Der Mensch, die Figur bei Bacon, ist der Spaziergang im Rund. Es
ist ein Spaziergang, in »absoluter Ununterscheidbarkeit«, als »sich-spazieren-führen
[passeggiar-sé]«, bei der es unmöglich ist zu beantworten: »wer
führt wen spazieren?«. [111]
Zu fragen wäre, was sich im Denken ereignet, um das Ereignis des
Werdens zu denken? Was ereignet sich und was wird mit uns im Denken?
Auszugehen ist von einem Block des Werdens, einer Zone, in der die
Terme ununterscheidbar sind, da sie durch eine Nachbarschaft in
einen Block aufgelöst wurden, da sie sich mit den Linien der Diesheiten
komponieren. In der Malerei Bacons ist diese Zone als eine Kontiguität
und Umklammerung gefaßt, die Mensch und Tier betrifft. Es ist eine
Bestimmtheit und Unbestimmtheit »in einem Maße, daß die isolierteste
Figur Bacons bereits ein Figurenpaar ist, der in einem latenten
Stierkampf mit seinem Tier verwachsene Mensch«. [112] Wir fragen:
was ist »jene Grauzone, jene Zone der Ununterscheidbarkeit, in der
die Kämpfenden sich einen Augenblick auf dem Boden vermengen und
das müde Auge des Denkers den einen für den anderen hält«? [113]
Wie denken?
15.
das Denken wird
Für Deleuze/Guattari
ist das Denken ein Experimentieren und ein Schaffen. [114] In diesem
Sinne ist das Denken nicht einzig der Philosophie vorbehalten; auch
die Malerei ist Denken. Wovon sich dieses Denken abwendet, ist ein
feststehendes, dualitäres Denken, oder ein Denken feststehender
Dualismen. Eine Abwendung, die gelingt, weil es ein Denken der oder
in Mannigfaltigkeiten und Singularitäten ist, die das Einbeziehen
des Ereignisses ermöglichen. Es geht darum, die Wahrnehmung auf
das hin zu verändern, was geschieht: es verlangt, das Denken zu
verändern. Ein Anders-Denken, wie Deleuze/Guattari es mit Foucault
umschreiben. [115] Dem hinzuzufügen wäre: ein Anders-Denken
gegenüber einem Denken des Anderen, für das trennbare Einheiten
vorausgesetzt wurden, ein Anders-Denken gemäß der alterierenden
Linie, gemäß der transversalen Richtung, die im Werden eingeschlagen
wird. Das so gefaßte Denken ist verbunden mit dem Werden, das im
Denken ergreift, wie die Auseinandersetzung mit der Malerei und
dem Denken Bacons gezeigt hat; es ist ein Denken, das sich ereignet.
In diesem Sinne ist es kein reflektierendes oder kontemplierendes
Erfassen mehr (das sich distanziert von dem, was es denkt), da es
selbst im Wahrnehmen dessen, was geschieht, eine Änderung erfährt.
Das Denken wäre eins mit den Linien, die die Diesheiten sind. Es
ist ein Anders-Werden des Philosophen oder Künstlers, der durch
das Ereignis hindurchgeht und mit ihm wird, während alles sich mit
ihm und den Diesheiten ändert. Man nimmt etwas in das Denken hinein,
um es zu verändern: das sich Ereignende. Nimmt man damit die zu
einer transversalen werdende Bewegung des Werdens auf, macht man
also die Bewegung, so nur, »indem man sie denkt« und im Denken anders-wird.
[116]
Das Denken löst das Ich auf, wenn es in der Malerei das Ich in die
Landschaft oder in die Farbe übergehen läßt, in der es nun Geist-
oder Vogel-werdend empfindet. Es ist abgelöst von einem Empfinden,
das der Pinselstrich sein kann. »Ich bin nicht mehr ich, sondern
eine Fähigkeit des Denkens, sich zu sehen und sich quer durch eine
Ebene zu entwickeln, die mich an mehreren Stellen durchquert«, schreiben
Deleuze/Guattari. [117] Es ist ein Denken, das selbst wird und werden
läßt, wenn es (wie das Werden) durch »ein kleines Detail, das mitreißt«,
in eine querlaufende Richtung angestoßen wird. [118] Die Bewegungen
in der Malerei Bacons waren nicht ohne die bestehenden und einwirkenden
Kräfte, nicht ohne die »[
] Gewaltsamkeit der Farbmaterie
[
]« und die Gewalt der Empfindung zu denken. [119] Doch
was reißt in ein Denken, »welche Gewalt muß auf das Denken einwirken,
damit wir zum Denken fähig werden, die Gewalt einer unendlichen
Bewegung, die uns zugleich der Macht beraubt, ich zu
sagen?« [120]
Im Denken geschieht etwas, das uns werden und denken läßt; gleichzeitig
passiert dem Denken etwas, es kann sich entgleiten, es »löst allgemeine
Indifferenz aus«, wie Deleuze/Guattari schreiben, wenn es die Terme
durcheinander bringt. Das Denken erstellt als Werdendes und vielleicht
so vermögend wie die Kunst eine Unbestimmtheits- und Ununterscheidbarkeitszone,
in ihm gibt es keinen Haltepunkt außerhalb eines je singulären Momentes,
so daß »selbst die Frage nach einer Orientierung im Denken«
ihren Sinn ändert. [121] »Sich im Denken orientieren
impliziert weder einen objektiven Bezugspunkt noch einen bewegten
Körper, der sich als Objekt erfahren würde [
]. Die Bewegung
hat alles erfaßt, und es gibt keinen Platz für ein Subjekt und ein
Objekt«, von dem sich das Denken des Werdens verabschiedet hat.
[122]
Man durchläuft die Bewegungen im Denken oder denkt im Durchlaufen
der Bewegungen, »man kehrt mit roten Augen zurück, selbst wenn dies
die Augen des Geistes sind«. [123] Es ist der Vogel-Geist. Es ist
das Tier-Werden, das Werden des Vogels, ein Herumwirbeln am Ende
der Denkbewegung, wenn man die Koexistenz und das Transversale des
Werdens zu denken versucht.
»Man denkt nämlich nicht, ohne zugleich etwas anderes zu werden,
etwas das nicht denkt, ein Tier, eine Pflanze, ein Molekül, ein
Partikel, die zum Denken zurückkehren und es von neuem in Gang setzen«.
[124] Wie ließe sich daraufhin der Block und die querlaufende Fluchtlinie
des gleichzeitigen Werdens verstehen, wenn man es durchläuft? Demzufolge
denkt man nicht, ohne etwas zu werden, was nicht denkt, ein Tier,
zu dem ich aber nicht werden kann, ohne daß das Tier zugleich etwas
anderes wird, Geist des Menschen, der das Denken neu beginnen läßt.
In einer Zwischen-Zeit, im dazwischen, passierte ein Werden,
in dem die Kräfte die transversalen Richtungen freigesetzt haben,
die das Denken bewegt und verändert haben. So wie man hungrig zum
Hund werden kann, so gerät man ebenso denkend in ein Hund-Werden.
»Und wenn das Denken auf Suche geht, so weniger nach Art eines Menschen,
der über eine Methode verfügte, sondern wie ein Hund, von dem man
sagen würde, er mache unkontrollierte Sprünge
« [125] Das Denken
hat keine Methode, das Denken ist nichts anderes als ein unkontrollierter
Sprung, den man macht, indem oder durch das man ein springendes
Tier wird (es ist keine Abfolge oder Kausalität). Es ist ein Empfinden,
ein Begreifen oder ein Denken, wenn man Stein- oder Pflanze-werdend
verharrt, wenn man Vogel-Geist-werdend herumwirbelt. »Es besteht
keine Veranlassung, aus einem derartigen Bild des Denkens Selbstgefälligkeit
zu schöpfen«, da diese Selbstgefälligkeit aus einem verhindernden
Denken resultiert, das sich in dualistischer Weise von allem,
was es denkt, distanzieren zu können glaubt, wenn es weiterhin auf
die Imitation und eine eigenmächtige Beliebigkeit setzt. Denn die
exemplifizierten Ereignisse sind ein Werden, »das viele ruhmlose
Leiden mit sich bringt und anzeigt, wie sehr Denken immer schwieriger
geworden ist [
]« [126] »Das Denken selbst ist manchmal
einem verendenden Tier näher als einem lebenden Menschen«. [127]
16.
Anmerkungen
Anzumerken oder
anzuzeigen ist, daß sich die Arbeit mit dem Werden u.ä. herumschlägt
und so von einem Kapitel zum anderen entlanghangelt, die allein
nur notdürftig durch Überschriften zusammen- bzw. auseinandergehalten
werden. Die Arbeit hat indes eine Richtung genommen, die die Überlegungen
zum Werden auf diese Weise zusammengefügt hat, ohne daß dabei Rücksicht
auf eine strikte Trennung genommen wurde, die in einem Teil Deleuze/Guattari,
und in einem anderen mich sprechen läßt. Vielleicht ist dieses Zustandekommen
durch die Verunmöglichung dessen nötig geworden, nicht über
etwas zu reden, vielleicht auch durch die Weigerung, anhand der
vorhandenen Literatur ein Denken oder eine Interpretation über
Deleuze/Guattari in den Dreck zu ziehen (wenngleich das nicht konsequent
verfolgt worden ist). Der hier unternommene Versuch wäre womöglich
zu beschreiben, indem man sich auf eine Weise einließe, in ein Denken
hineinzugelangen und wieder aus ihm herauszukommen. Dieses allerdings
nicht mit der Intention, es distanziert abzustreifen, sondern um
mit dem Denken etwas zu veranstalten.
Wenn man das Ende der Arbeit mit Zitaten schließt, in denen die
behandelten Autoren zu Wort kommen mit einem Hinweis auf die Schwierigkeiten
des Denkens, so wäre dem vielleicht noch etwas hinzuzufügen. Was
auch immer im Denken betrieben worden sein mag, es ist unmöglich,
das Denken auf einen Punkt zu bringen, mit dem es abzuschließen
wäre. Dieser Umstand ist sicherlich nicht einwandfrei zu begrüssen
ich muß zugeben, das er mir letztenendes zu schaffen machte
, doch ist ihm, auf gelungene Weise oder nicht, Rechnung getragen.
Das Denken ist weiterhin aufzunehmen, und das hier Verfasste kann
nur ein Ausschnitt, eine Facette dessen sein, dem Werden bei Deleuze/Guattari
zu begegnen. Einige Gedanken können nur aufgereiht werden:
An einer Stelle erwähnen Deleuze/Guattari, daß es nicht darauf ankäme,
»an einen Punkt zu kommen, an dem man nicht mehr Ich sagt, sondern
dahin, wo es belanglos wird, ob man Ich sagt oder nicht«. Und weiter
heißt es: »Wir sind nicht mehr wir selbst«. [128] In der Zwischen-Zeit
hat sich etwas ereignet, die Drift eines Werdens läßt die Terme
nicht sie selbst werden. Das Denken mag von neuem beginnen
wir wissen, es wird rhizomatisch in der Mitte anfangen und an abgerissenen
Linien ansetzen , doch es ist etwas passiert, einer Katastrophe
oder einem Diagramm gleich, das uns auf eine neue Bahn gesetzt hat,
für die die Maßeinheiten nicht mehr dieselben sind. [129] Ob Ich
oder nicht, es ist nicht gegenüberzustellen, es ist immer beides
zugleich. Und über Nacht kann es sich verändert haben, können sich
die Mannigfaltigkeiten verwandelt haben, können andere Anschlüsse
und Nachbarschaften gefunden sein, nur einen Haltepunkt gibt es
nicht. Denn die Distanz zwischen den Singularitäten besteht nicht
in einer Trennung, die mir erlaubte, mich etwas, was ich nicht zu
sein glaube, gegenüberstellen zu können; sie besteht in Zonen der
Nähe (von Linien und ihren Geschwindigkeiten), so daß etwas, das
sich in der Zwischen-Zeit ereignet hat, nur in der (unförmigen)
Form eines Anders-Werdens zu beschreiben ist. Ein Anders-Werden,
das sich nicht getrennt auffassen läßt von einem jetzigen Zustand,
in den ich hineingeraten sein mag, sondern zu dem ich mich nicht
in Beziehung setzen kann, da ich in diesem Werden mitverwickelt
bin. Es handelt sich um eine Drift des Anders-Werdens, das sich
nicht in den Maßeinheiten derer abspielt, die durch das Herausgeraten
aus dem Werden in den vermeintlichen Zustand des Menschen/des Cogito
zurückgelangen. Entscheidend ist das Gewahr-Werden, daß sich über
ein Tier oder einen Farbstrich, im Passieren eines Ortes oder einer
Stunde eine Bewegung ergibt, der wir nicht nachkommen, die wir nicht
zu denken vermögen, zumindest dann nicht, wenn wir sie als Einheit
(und folgend in einer Pluralität/Differenz von Einheiten) betrachten
wollen (reflektieren, kontemplieren, kommunizieren). Das, was das
Undenkbare (Ungedachte) ist, heißt bei Deleuze/Guattari Immanenzebene.
Das kann hier weiter nicht ausgebaut werden. Vielleicht wird es
an anderer Stelle zu eröffnen sein in einem Satz, der in den letzten
Zeilen von Was ist Philosophie? steht: »Ein nicht-denkendes
Denken«. [130]
Man sollte nicht meinen, das Tier spielen zu können, man solle auch
nicht meinen, das Tier ohne weiteres werden zu können. Ist man davon
überzeugt, so nimmt man an, daß es sich um eine Richtung handelt,
die bestimmbar ist. Doch wie ließe sie sich denn bestimmen? Es ist
nicht davon auszugehen, eine Richtung einschlagen zu können, von
der man meint, sie ließe sich (wenn schon das Tier nicht) eindeutig
angeben. Ein Tier-Werden hat zum einen kein Subjekt, zum anderen
hat es kein Objekt, das man wird, zwischen denen es eine Beziehung
oder Richtung gäbe. Von dieser Meinung wäre Abstand zu gewinnen
(indem man sich klar macht, welche Nähe dieser Abstand voraussetzt).
Ich will es folgendermaßen zu formulieren versuchen: um etwa klar
zu denken, genügt es nicht, oder ist es sogar hinderlich, eine klare
Richtung einzuschlagen, sondern es gelingt vielmehr gerade darin,
indem man in der Weise der Vögel oder Geister herumzuwirbeln beginnt.
Ist man versucht, das Leben zu denken, so gelingt dies vielleicht
eher über das Werden des verendenden Tieres.
Es sollte versucht werden, ein Denken zu ermöglichen, das die aufgezeigte
Fassung des Tier-Werdens nicht ausschließt, das diesen Umweg
nicht ausschließt und anzuzweifeln beginnt, daß das, was geschieht,
in Termen der Einheit, der Kausalität und der binären und kongruenten
Zuteilung zu erfassen wäre. Es ist nicht davon auszugehen, bspw.
das Leben, das Tier etc. in einer Denkweise der Vernunft, der sich
selbst abschließenden binären Maschine, erfassen zu können (wenn
auch sehr wohl zu berücksichtigen ist, wie sehr diese Denkweise
am Geschehen beteiligt ist Erlaubt also die anberaumte Fassung
des Denkens, die Sachverhalte zu vernehmen? Deleuze/Guattari zufolge
ließe sich das Werden der Ereignisse den Sachverhalten genausowenig
gegenüberstellen, wie die Terme, oder wie das Denken und das Gedachte/die
Dinge).
Die Möglichkeit besteht vielmehr in einer Anexaktheit, dem Gewahr-Werden
dessen, immer schon verendendes Tier, herumwirbelnder
Geist, verharrender Moment zu sein, wenn man einen Gedanken fassen
will (der erfasst) es ist eine Anexaktheit und eine Anstrengung
mit allen Kräften, nicht zuletzt wenn es heißt, diese Wahrnehmung
des Werdens, die Befreiung des Lebens in einem beständigen Kampf
zu versuchen.
Endnoten
- G. Deleuze,
F. Guattari: »Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie«,
Berlin 1997, S. 399f [wird im folgenden TP abgekürzt], zuvor heißt
es dort: »Eine Linie des Werdens wird weder durch Punkte definiert,
die sie miteinander verbindet, noch durch Punkte, aus denen sie
zusammengesetzt ist. Im Gegenteil, sie geht zwischen den Punkten
hindurch, sie stösst nur durch die Mitte und verläuft vertikal
zu den Punkten, die man zuvor unterschieden hat, transversal zur
lokalisierbaren Beziehung zwischen angrenzenden oder entfernten
Punkten. Ein Punkt ist immer ein Ursprungspunkt. Aber eine Linie
des Werdens hat weder Anfang noch Ende, weder Ausgangspunkt noch
Ziel, weder Ursprung noch Bestimmung. […] Eine Linie des Werdens
hat nur eine Mitte. Die Mitte ist kein Mittelwert, sondern eine
Beschleunigung, die absolute Geschwindigkeit der Bewegung […]«.
- G. Deleuze,
F. Guattari: »Was ist Philosophie?«, Frankfurt/M. 1996, S. 340
[wird im folgenden Ph abgekürzt].
- Doch auch
der Weg hat diese Punkte nicht. »Bei einem Weg, einer Linie zählt
immer die Mitte – nicht der Anfang und nicht das Ende. Man befindet
sich stets inmitten eines Wegs, mitten in einer Sache«. Das wären
gute Voraussetzungen. Vgl. G. Deleuze, Cl. Parnet: Dialoge, Frankfurt/M.
1980, S.35f [wird im folgenden D abgekürzt].
- TP, S. 36.
- TP, S. 19.
Das sind wichtige Eigenschaften des Rhizomatischen, da es sich
selbst (und seinem Denken) vielfältige Zugangsmöglichkeiten bietet:
da es ein Gefüge aus anschliessbaren Linien, eine sich immerzu
fortsetzende Bewegung ist, wird Deleuze/Guattari zufolge verunmöglicht,
»einen Dualismus oder eine Dichotomie« ähnlich einem Baumsystem
zu konstruieren. Das Rhizom kann weitere Linien aufnehmen, und
d.h.: es kann sich auch mit dem Baum und der Wurzel verbinden,
oder mit dem dualistischen oder dichotomischen Denken, dieses
sowohl einfangend, ihm aber auch immer wieder (kurzzeitig) ausgeliefert.
- TP, S. 36.
- TP, S. 20,
D, S.10, S.14.
- TP, S. 325.
Nur grob anzugeben ist die Bestimmung der von mir gewählten Bezeichnung
einer alterierenden Bewegung: sie bezeichnet die von einer dualitären
Alternative, einem Wechsel sich unterscheidende/abhebende vollständige
Abänderung.
- Vgl. insb.
das genannte Kapitel, TP S. 317-422, sowie das Buch zu Kafka;
G. Deleuze, F. Guattari: »Kafka. Für eine kleine Literatur«, Frankfurt/M.
1976 [wird im folgenden K abgekürzt]. Es werden in TP nahezu nur
Beispiele aus den Bereichen der Kunst von den Autoren gewählt,
einige Beispiele stammen zudem auch aus dem Gebiet der Psychoanalyse.
- TP, S. 324
[Hervorhebung: A.L.] und S. 373: »Ein tatsächliche Tier-Werden,
ohne daß man in Wirklichkeit zum Tier wird.«
- TP, S. 327,
S. 323.
- K, S. 21.
- TP, S. 325ff.
- TP, S. 325.
- K, S.19f.,
S.49ff. Auf diesen Seiten differenzieren Deleuze/Guattari genauer
als hier wiedergegeben, ob, wann oder wie stark es sich bei den
Tier-Werden um eine Flucht oder einen Ausweg oder ein Besitznehmen
handelt. Doch es bleibt, so sagen sie, ein Hauptthema bei Kafka,
und es wäre hier vereinfachend zu wagen, es in einem Komplex zu
belassen.
- TP, S.354.
- TP, S. 377.
- TP, S. 41f.
- TP, S. 379.
Die Formulierung über etwas hinaus ist ein unpassender (gar transzendent
anmutender?) Ausdruck, der einzig passend (weniger unzulänglich)
erscheinen kann, wenn man ihn liest in einer (Deleuze/Guattarischen)
Denkfigur, nach der das Äußerste zugleich das Innerste ist.
- Das Nebeneinander
von Zwischenraum und Kontiguität ist nicht als ein Oxymoron zusammengestellt
oder zu lesen. Ein solches Oxymoron würde kaum anders als metaphorisch
zu verstehen sein. Ein von Deleuze/Guattari nicht geschätztes
Verfahren, das sich zu sehr in einem dichotomischen Denken begründet.
Diesem Verständnis wird entgegnet: dieses Nebeneinander ist durchaus
als einer dieser, hier: begrifflichen, Blöcke und Nachbarschaften
zu verstehen. (Deleuze/Guattaris Widerwillen an der Metapher wird
später kurz aufgenommen.)
- TP, S. 400.
- TP, S. 325.
- TP, S. 371f.
Es wären zwei Weisen der Begegnung vorstellbar: »beide Arten von
Partikeln geraten in Nachbarschaft zueinander. Man könnte auch
sagen: Partikel aussenden, die bestimmte Beziehungen von Ruhe
oder Bewegung annehmen, weil sie in eine bestimmte Nachbarschaftszone
geraten; oder die in diese Zone geraten, weil sie diese Beziehungen
übernehmen«.
- TP, S. 372.
- TP, S. 374;
vgl. zu Deleuze/Guattaris Ablehnung der Metapher: D, S. 11, 25;
K, S. 32, 51 und in G. Deleuze: »Unterhandlungen«, Frankfurt/M.
1993, S. 46, 206 [im folgenden U abgekürzt].
- TP, S. 389.
Hier klingt vielmehr an, daß das Äußerste im Inneren zu liegen
kommt. Tier-Werden: Daß das Äußerste des Anders-Werden des Tieres
im Innersten der Umklammerung und Nachbarschaft von Mensch und
Tier statthat.
- Vgl. Ph,
S. 204: Zum Werden heißt es dort: »Das ist eine Unbestimmtheits,
eine Ununterscheidbarkeitszone, als ob Dinge, Tiere und Personen
[…] in jedem einzelnen Fall jenen doch im Unendlichen liegenden
Punkt erreicht hätten, der unmittelbar ihrer natürlichen Differenzierung
vorausgeht«. Ist also doch von Punkten die Rede, von einer vorausgehenden
Einheit? Es scheint, daß der Begriff des Werdens in dieser tatsächlichen
Unbestimmtheits- oder Ununterscheidbarkeitszone das Vermögen erlangt,
sich nicht auf die von Deleuze/Guattari gemiedenen Punkte oder
Einheiten reduzieren zu lassen. Zu vermuten wäre m.E. die zum
Tier-Mensch-Block (als zuvor unterschiedene Terme) hinzukommende
Ununterscheidbarkeit von ursprünglicher Einheit und folgender
Differenzierung. Verlassen wird damit genau die Unterschiedenheit
von Anfangs- und Endzustand, die einem Denken zeitlicher Abfolge
und binärer Verästelungen innewohnt.
- D, S. 10.
- TP, S. 352.
Wenn etwas mit dem einen oder anderen geschieht, dann ein Tier-Werden
des Menschen gleichzeitig und unauflöslich mit einem Anders-Werden
des Tieres. (Anzugeben wäre, daß in diesem Beispiel, in einer
Schrift Vladimir Slepians, das Werden an den Gefahren des Tier-Werdens
scheitert – d.h.: die Komposition mißlingt, weil sie sich von
den Figurationen des Hundes wie des Menschen nicht lösen kann,
oder anders (wenn das ›sich-lösen-von‹ zuviel verlangt sein sollte):
weil sie in keinster Weise aus den Figurationen hinauszukommen
vermag –; ein Scheitern, das allerdings für die hier an diesem
Beispiel besorgten, darüber hinausgehenden Ausführungen unwichtig
ist.)
- TP, S. 324.
- TP, S. 415.
Diese Unauflöslichkeit wird, hier nur angerissen, die Komposition
in der Kunst bestimmen. Das sind Fragen der Komposition in der
Kunst, in der das Tier zu dem werden kann, was Künstler schaffen.
- Ph, S. 203.
- Vgl. TP,
S. 19.
- Zit. nach
G. Deleuze: »Foucault«, Frankfurt/M. 1997, S. 175.
- TP, S. 380.
- TP, S. 397.
- TP, S. 354ff.;
U, S. 205f.
- TP, S. 358,
S. 360f.
- TP, S. 356ff.
»…Dieses Tier ist dieser Ort! ›Der magere Hund rennt auf der Straße
herum, dieser magere Hund ist die Straße‹ ruft Virginia Woolf.
So muß man fühlen« Es ist eine gelungene Form, das Geschehen,
das sich ereignende Werden zu verdeutlichen und eine Ahnung davon
zu vermitteln, wie das Werden zu denken ist. Hinzugefügt sei,
daß es ebenso auch möglich ist, zwei Tageszeiten zu sein: »Wir
alle sind fünf Uhr nachmittags oder eine andere Stunde und eher
noch zwei Stunden gleichzeitig, […] Mittag-Mitternacht«.
- Vgl. dazu
den hier in seiner Dichte mitnichten erfassten Text von G. Deleuze:
»Die Immanenz: ein Leben…« in: Fr. Balke, J. Vogl: »Gilles Deleuze.
Fluchtlinien der Philosophie«, München 1996, S.29-33 [im folgenden
IL abgekürzt].
- TP, S. 14
(vgl. S. 40f)
- Ph, S. 129.
[Hervorhebung durch mich; A.L.]
- Ph, S. 128.
- Vgl. Ph,
S. 110: »Das ›Werden‹ gehört nicht zur Geschichte, noch heute
bezeichnet die Geschichte lediglich die Gesamtheit der wie immer
rezenten Bedingungen, von denen man sich abwendet, um zu werden,
das heißt, um etwas Neues zu schaffen«. Das heißt aber auch: Deswegen
benötigt das Werden die Geschichte.
- Ph, S. 129f.
und U, S. 244 (vgl.: Ph, S.182ff).
- Ph, S. 122.
- U, S. 245;
Ph, S.129f. »Man müsse einerseits den Sachverhalt unterscheiden,
den wir passieren, wir selbst und unsere Körper, und andererseits
das Ereignis, in dem wir versinken oder auftauchen, […]«; Ph,
S. 182f. Letzteres ist eine Weise, die aufgrund der auf Auflösung
der Komponenten beruhenden Beschaffenheit dem Zellular-, Molekular-
und Elementar-Werden, Abschnitten eines jeden Werdens, gleicht.
(Vgl. TP, S. 339 und 371, wo diese aufgelistete Reihenfolge dargelegt
wird, die sich schliesslich in ein Unwahrnehmbar-Werden verwandelt.
Ein Unwahrnehmbar-Werden, das dem zur Farbe gewordenen Vogel gleicht,
als Beispiel eines in der Malerei erfassten Ereignisses, eines
Intensiv-Werdens in der oder durch die Farbe.)
- Ph, S. 129f.
Es ist ein Anders-Werden des Philosophen, so die Autoren. Doch
ist es nicht auch ein Künstler-Werden des Philosophen und ebenso
ein Anders-Werden des Künstlers? An anderer Stelle werden zwei
Arten des Werdens angesprochen, eines betrifft das Künstlerische,
das zweite das Begriffliche. Es ist das sinnliche (künstlerische)
Werden, das jenen Akt meint, »durch den etwas oder jemand fortwährend
anders-wird (und dabei bleibt was er ist)«, und damit in der Unterscheidung
steht zum begrifflichen (philosophischen) Werden, das den Akt
(gegenüber einer Geschichte) meint, wenn das »gemeinsame Ereignis«,
als das ›etwas oder jemand‹ betreffende, begriffen oder erfasst
ist, und jedoch den Begrifflichkeiten der ›zuvor unterschiedenen‹
Termen »ausweicht« (vgl. Ph, S. 209f.)
- Ph, S. 129f.
- K, S. 12
(Wenn es auch hier in Bezug auf Kafkas Werk geschrieben wurde
und einige Vokabeln einführt, die hier nicht weiter auftauchen,
es ist letztlich übergeleitet zu dem, was zumindest das Werk und
Schaffen Bacons betrifft.)
- Vgl. TP,
Kapitel 8, S. 263-282. Die Frage »Was ist passiert? Was kann denn
nur passiert sein?« durchzieht dieses 8. Kapitel, es ist eine
Frage, mit der – so verbinden es Deleuze/Guattari mit der Novelle
– versucht wird, ein einschneidendes Ereignis zu erfassen, um
einer vollständigen Verwandlung gewahr zu werden, um zu diagnostizieren,
wie »es jetzt so gekommen ist« (ggf. in einem Erleben, das zugleich
aber vom Bereich der Ereignisse in den der geschichtlichen Sachverhalte
zurückfällt). Der Bezug zum Werden oder den hier gemachten Ausführungen
ist nicht besonders evident, und doch besteht eine Verbindung
darin, die Prozesse des Werdens aufzulösen, oder vielmehr: sich
auflösend in ihnen einzunisten (Linien, Diesheiten etc.). Doch
ist das Abschließen mit der zitierten Frage in anderer Hinsicht
problematischer, geht es doch beim Erfassen des Ereignisses um
die Komponenten, Linien und Prozesse eines Werdens, die außerhalb
einer Geschichte liegen, da das Ereignis »Zwischen-Zeit« ist.
Ein Augenblick, in dem nichts geschieht (»ein unendliches Warten,
das bereits unendlich vergangen ist«), alles aber wird, da das
Ereignis Werden ist. So sollte also eine Frage nach dem, was passiert,
auf wenig vom Werden oder vom Ereignis stossen, wenn sie nicht,
und so wollen wir es hier fassen, darauf zielt, das Passierende
zu erfassen, das sich Ereignende in einem Werden. »Nichts geschieht,
und doch ändert sich alles«, das ist ein singuläres Ereignis,
eine eingeschlagene Richtung des Werdensblockes, das markiert:
es ändert sich mehr als daß ein Mensch zu einem Tier wird. (Vgl.
dazu im Kapitel über die Wissenschaft, Ph, S 183ff.)
- Ph, S. 204f.
- Nahezu ausschließlich
für die Kunst bestimmen Deleuze/Guattari dieses Vermögen, diesen
Bereich zugänglich zu machen. Im Buch ›Was ist Philosophie‹ wird
das Werden zumeist im 7. Kapitel, das die Kunst thematisiert,
ausgearbeitet. Es sind nicht ausschließlich Formen des Tier-Werdens,
doch finden sich überall in der (modernen) Kunst Werdensprozesse,
Gefüge und Mannigfaltigkeiten, Geschwindigkeiten und Nachbarschaften,
Komponenten, die sich nicht in einer Dualität und Abfolge erfassen
lassen.
- Vgl. zur
Kontrapunktik, die von Deleuze/Guattari nicht explizit mit Wespe
und Orchidee und deren De-, Re- und Territorialisierungen zusammengebracht
wird, Ph, S. 220ff.
- Ph, S. 212.
- zit.: Ph,
S. 191, 196, 204, 234.
- Ph, S. 204.
- FB, S. 28;
IL, S. 29.
- Ph, S. 192.
Die Kunst wird als Sprache der Empfindungen aufgefasst: so wie
der Mensch in Wörtern, Farben, Tönen, Steinen gefasst ist, ist
er Empfindung. Die Kunst läßt das Material in Empfindung übergehen
(vielmehr, als daß sie die Empfindung in Material verwandelt,
was ähnlich dem Vorgehen wäre, das Ereignis in Sachverhalte zu
übertragen und es so zu verfehlen). (Vgl. Ph, S. 208, 229f.)
- Ph, S. 229;
216f.
- G. Deleuze:
»Francis Bacon – Logik der Sensation«, München 1995, S. 39f [wird
im folgenden FB abgekürzt]. Dazu auch in Ph, S.215f. (Gemalt wird,
was einer Kraft ausgesetzt ist, in dem Augenblick zwischen zwei
Geschichten oder Sachverhalten, S. 98). Dieses Buch ist durchaus
als Philosophiebuch zu verstehen, in der Deleuze ebenso seine
Philosophie in das Werk Bacons hineinträgt, wie er auch das Baconsche
Denken aufgreift und in seine Überlegungen einfließen läßt; vgl.
U, S.199ff.
- Im folgenden
werde ich (wie im vorhergehenden Teil auch schon angeklungen),
in etwa der Handhabung Deleuzes bzw. Deleuze/Guattaris entsprechend/entstammend,
die Überlegungen sowohl auf Francis Bacon beziehen, als auch auf
solche quasi verallgemeinernden Begriffe wie: der/die Künstler,
die Malerei (womit meist die moderne Kunst gemeint ist) etc. Dabei
wird nicht klar zwischen beidem getrennt, beides steht füreinander
da.
- FB, S. 55.
Anzumerken wäre, daß sich also auch in der Malerei Bacons nur
schwer ein Anfang(szustand) bestimmen läßt. Ist auch er in einem
rhizomatischen Gefüge, das ihn in der Mitte beginnen und ihn obendrein
zugleich noch etwas anderes werden läßt?
- FB, S. 55.
- FB, S. 60.
- FB, S. 59.
Im Buch (FB) wird, ausgehend von Lyotard, der Begriff »figural«
von Deleuze verwendet, der sich vom Begriff des »figurativen«
unterscheidet. Die Figur bei Bacon wird von Deleuze in dieser
ersteren, figuralen Hinsicht verstanden. Ich werde, diesen Umstand
berücksichtigend, im weiteren dennoch von der Figur sprechen,
die einzig durch das Brechen mit der Figuration entstehen kann.
- Sich von
der Figuration, von der Illustration und von einer Narration zu
befreien und loszumachen, darin besteht, so Deleuze, die Arbeit
des (modernen) Künstlers; vgl. dazu v.a.: FB, S. 9ff, 13f, 27f,
45, 55ff, passim. Der Kampf gegen die Klischees ist im Falle der
Künstler sogar bedeutender als der gegen das Chaos; vgl. dazu:
Ph, S. 241.
- FB, S. 63.
- FB, S. 62.
- FB, S. 96.
- FB, S. 62f.
Vgl. dazu Deleuze/Guattaris Bestimmung der »Möglichkeit als ästhetische
Kategorie«, einer Kunst die mögliche Welten erschaffen oder erfinden
kann; »der Künstler fügt der Welt stets neue Spielarten hinzu«,
durch neue Empfindungswesen, die Deleuze/Guattari Varietäten nennen
(Ph, S. 207, 210).
- FB, S. 9.
- FB, S. 97.
- FB, S. 10f.
- FB, S. 15.
- FB, S. 16.
- FB, S. 16f.
- In einer
Passage des Kunst-Kapitels in ›Was ist Philosophie?‹ machen Deleuze/Guattari
eine Ausführung zu drei Elementen der Malerei, die sie mit Leib,
Haus und Welt/Kosmos benennen. Beide Dreiteilungen gehen nicht
ineinander auf, doch lassen sich einige entsprechende Merkmale
herausstellen: Ausgehend vom Leib und der Frage, ob dieser in
der Lage ist »Perzept und Affekt zu tragen«, gelangen sie zur
Feststellung, daß der Leib »vielmehr […] getragen und in andere
Lebensmächte übergehen« muß. Das Fleisch bei Bacon, das empfindet,
kommt diesem ersten Element sehr nahe, es markiert zudem die Ununterscheidbarkeit
von Mensch und Tier, doch es »rutscht« abwärts, kann sich nicht
halten. Gestützt wird es durch das zweite Element, das Haus, in
dem als Körper die Knochen, im Bild aber vor allem die Farbflächen
als Gerüst hinzutreten, die Wände des Hauses bilden, dem Leib
einen Rahmen geben (Figur und materielle Struktur). Hinzu kommt
jedoch das dritte Element, dem auf den ersten Vergleich nichts
zu entsprechen scheint: »die Welt, der Kosmos«. Zu diesen steht
das Haus in Verbindung, es kann Fenster öffnen, so daß »der Leib
oder vielmehr die Figur« »nicht mehr den Schauplatz, das Haus,
sondern ein Universum« bewohnt, das das Haus stützt. »Es ist gleichsam
der Übergang vom Endlichen zum Unendlichen«, eine Operation der
Kunst, die Endliches erschafft und komponiert, um in einer Entrahmung
das Unendliche zurückzugeben. Vgl. Ph, S. 210ff, zu Fleisch und
Knochen auch: FB, S. 19ff, zur Entrahmung und dem Unendlichen:
Ph, S. 222ff, 235ff.
- FB, S. 31.
- FB, S. 53,
41.
- FB, S. 40f.
- FB, S. 43
(vgl. S. 92).
- Die Sensation
ist durchaus eher im Sinne der Empfindung als im Sinne des ›Sensationellen‹
zu verstehen. Die Sensation ist das Gegenteil des ›Sensationellen‹,
aber auch des Klischees. Merleau-Ponty folgend, sieht Deleuze
»›das Empfinden‹« als ein Feld konstituierend, »das für sich gültig
ist und mit anderen interferiert (›pathisches‹ Moment)«, gegenüber
der anderen Weise, die »sich auf ein identifizierbares Objekt
bezieht (figuratives Moment)« Vgl. FB, S. 27, Fußnote 1.
- FB, S. 39.
- FB, S. 31.
- FB, S. 27ff.
Die Formulierung ist ungenau: der Körper ist Empfindung nur in
seiner Auflösung und Ununterscheidbarkeit zur Farbe etc.
- FB, S. 34.
»Im Zusammentreffen der Welle auf einer bestimmten Ebene mit äußeren
Kräften«, die auf den Körper einwirken, »erscheint eine Sensation«
als eine Schwingung, die »intensive Realität« besitzt. Diese Realität
der Empfindung und der Augenblick der Ununterscheidbarkeit im
Werden bewirken, daß die provisorischen Organe nur für eine Sensation
bestehen, daß das Werden nur im Gefüge einer Diesheit existieren
kann; FB, S. 32f. Es ist eine »Beharrlichkeit« und Gegenwärtigkeit,
die die Figuren Bacons im Zustand ihrer athletischen Anstrengung
zeigt; FB, S. 35; Ph, S. 239.
- FB, S. 18.
- FB, S. 19ff.
Es ist nicht der Schrecken (das ›Sensationelle‹), den Bacon malen
möchte, sondern der Schrei (vgl. FB, S. 41). »Und der Schrei,
Bacons Schrei, ist die Prozedur, mit der der Körper insgesamt
durch den Mund entweicht.» (FB, S. 17).
- FB, S. 19f.
- FB, S. 19f.
»Der ganze Körper wird von einer Bewegung durchlaufen. Einer unförmig
unförmigen Bewegung, die in jedem Augenblick das reale Bild auf
den Körper überträgt, um die Figur zu bilden«; FB, S. 18.
- Bezogen auf
die Beschreibung des Rhizomatischen wäre es die Dimension, die
den Punkten nicht eine Einheit stiftet, sondern die in der Mannigfaltigkeit
aufgeht (ebenso wie die Linien, in die sie die Punkte auflöst),
eine Dimension, die jedoch ähnlich einer Karte die abändernde
Bewegung des Rhizoms aufzeichnet (im Bild ist es die Kontur);
vgl. zur Karte des Rhizoms TP, S. 23ff.
- Vgl. dazu
in etwas anderer (oder verschiedener) Hinsicht, verdeutlicht für
das Geheimnis: Ph, S. 393f.
- FB, S.19;
TP, S. 415: Deleuze/Guattari sprechen von diesem Vogel, »der ebensoviel
Werden hat wie das, was mit ihm wird«, und erweitern das Werden
dahingehend, daß es in der Kunst eine Imitation zerstören kann,
da bspw. die Farbe ihrerseits in das Werden, in den Block einbezogen
ist, wenn sie den Vogel bildet und werden läßt, dabei aber selbst
Vogel wird und ihn nicht mehr abbilden kann, da der Vogel nicht
etwas (von der Farbe) Getrenntes ist, das einer Übertragung vorausgesetzt
wäre.
- Es ist schwierig
zu sagen, »wo die Empfindung tatsächlich beginnt und wo sie aufhört;
natürlich gehören […] die Spur des Pinselhaars und vieles andere
mehr zur Empfindung«; s. Ph, S. 194 [Hervorhebung von mir; A.L.].
Im Bild gibt es eine Auflösung in die Empfindung, wenn der Pinselstrich,
der in Farbe übergehende Vogel und das Intensiv-Werden des Menschen
in den Farben die Sensation sind (genauso wie es eine Auflösung
des Menschen, des Tieres in Diesheiten ist).
- Ph, S. 215.
- FB, S. 23ff.
Das ist spätestens der Moment, in dem sich die Figur in der Farbfläche
aufzulösen beginnt; für eine kleine und späte Serie von Landschaftsbildern
zeigt es Deleuze: die Figur wird »nur noch Sand, Gras, Staub oder
Wassertropfen sein«, in diesen Bildern ist das eine der drei Grundelemente,
die Figur, nicht mehr auszumachen.
- Vgl. FB,
S. 66, S. 83ff. Um das Ereignis zu fassen, hat der Künstler die
Aufgabe, die Empfindungen in Blöcken zu komponieren. »Nicht nur
in seinen Werken erschafft er sie, er gibt sie uns und läßt uns
mit ihnen werden, er nimmt uns mit hinein ins Zusammengesetzte«.
Das Ereignis ist zu fassen, wenn es (im Werk) durchlaufen werden
kann; Ph, S. 207.
- Ph, S. 198f.
- FB, S. 27.
[Hervorhebung von mir; A.L.]
- FB, S. 31.
- Ph, S. 198f.
- TP, S. 383f.
- Ph, S. 198f.
- FB, S. 20.
- Ph, S. 127.
Zuvor heißt es dort: »Man denkt und schreibt für die Tiere selbst«,
und dazu sagen Deleuze/Guattari: »Freilich, was bedeutet ›für‹?
Nicht ›zugunsten von…‹, nicht einmal ›an Stelle von…‹. Es bedeutet
›vor‹. Es ist eine Frage des Werdens« und eine Frage dieses Verfängnisses
mit dem Tier. Man muß etwas anderes werden, um es anders-werden
zu lassen. Keine Rechnung in einem binären Code der Einheiten,
vielleicht kann es als ein Denken verstanden werden, das in etwas
weiteres eingreift.
- Ph, S. 231.
- FB, S. 61
(vgl. S. 96).
- FB, S. 12
(Deleuze zitiert hier André Bazin, der dieses über Jacques Tati
schreibt).
- Ph, S. 205;
TP, S. 35.
- Vgl. dazu:
G. Agamben: »Bartleby oder die Kontingenz gefolgt von Die absolute
Immanenz«, Berlin 1998, S.113ff.
- FB, S. 19f.
- Ph, S. 126f
[aus dem Zusammenhang gerissen von mir; A.L.]
- Ph, S. 86;
im Zusammenhang heißt es dort: »Jedes Denken ist ein ›Fiat‹, macht
einen Würfelwurf […]. Allerdings ist das ein sehr kompliziertes
Spiel, denn das Werfen besteht aus unendlichen Bewegungen, die
reversibel und ineinandergefaltet sind […].«
- Ph, S. 60.
- Insofern
ist das Denken selbst Bewegung. Man denkt die Bewegung »vermittels
einer Begriffsperson«, wie es dort weiter heißt; Ph, S. 73. Die
Begriffsperson der Philosophie unterscheidet sich zwar in gewisser
Hinsicht von den ästhetischen Figuren der Kunst, doch gerade mit
ihnen verschwimmen diese Bereiche.
- Ph, S. 73
(vgl. S. 251).
- TP, S. 397.
- Vgl. FB,
S. 29.
- Ph, S. 64.
In diesem Sinne wäre ein Denken gemeint, das »vielmehr einer Gewalt
entspringt, die dem Denken angetan wird« (Cl. Parnet); vgl. D,
S. 31.
- Ph, S. 62.
Ununterscheidbar, unwahrnehmbar und unpersönlich, das sind nach
Deleuze/Guattari die »drei Tugenden« des Aufgehens in der Welt,
die für jedes Anders-Denken stehen; vgl. TP, S.381f.
- Ph, S. 45.
Vgl. Ph, S. 97, dort heißt es: »Subjekt und Objekt sind schlechte
Annäherungen an das Denken. Denken ist kein gespanntes Seil zwischen
einem Subjekt und einem Objekt noch eine Revolution, ein Umlauf
des einen um das andere. Denken geschieht vielmehr in der Beziehung
zu dem Territorium und zu Terra, der Erde«, mit der Deleuze/Guattari
die Passagen der Geophilosophie einleiten.
- Ph, S. 50.
- Ph, S. 50.
Das gleichzeitige Werden bestimmt sich: es ist »keine Bewegung
von einer zur anderen [Bestimmung; A.L.], sondern im Gegenteil
die Unmöglichkeit eines Bezugs zwischen zwei Bestimmungen, da
die eine nur dann erscheint, wenn die andere bereits verschwunden
ist, und die eine im Verblassen erscheint, wenn die andere als
Umriß verschwindet.« Es ist kein maßgeblicher Haltepunkt im Spiel,
der die Bestimmungen in Beziehung setzt, weil er sie unterscheiden
könnte. Es ist ein Hinüberfließen, das weder Anfang noch Ende
in den Bestimmungen findet, sondern eine eigene Richtung hat,
entlang der das Tier-, Pflanze- oder Molekül-Werden das Denken
bewegt hat.
- Ph, S. 64.
- Ph, S. 64.
- Ph, S. 125.
- TP, S. 12.
- …wie zuvor
– so könnte man anfügen, doch besteht das Zuvor nicht mehr; es
gibt kein Zuvor und kein Zurück.
- Ph, S. 260.
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