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Michael Over
Technogene Nähe
(Vortrag gehalten auf der Tagung
Chaosmatische Anthropologie am 5. Juli 2003)
Sehr geehrte
Damen und Herren,
nach den Worten von Charles Péguy gibt es die einen, von
denen man nie etwas gehört hat, und die anderen, von denen
uns das Wort des Todes zu Ohren gekommen ist. Dieser Vortrag soll
von Letzteren handeln.
Was hat Technogene Nähe mit dem Tod zu tun? Was heißt
überhaupt Technogene Nähe? Oder Tod? Diese Fragen sollen
im Folgenden gestellt und die eine oder andere Antwort auch beantwortet
werden.
Am Anfang steht der Versuch sich dem Begriff der Technogenen Nähe
soweit anzunähern, dass er es erlaubt, gewisse Fragen an ihn
zu richten. Fragen, die sich nur im Rahmen eines Technik- Denkens
stellen lassen, da es, so die Annahme, kein Außerhalb dieses
Rahmens gibt. Anlehnend an die vier Hauptfragen, die an das Denken
gerichtet werden können, lauten diese etwas größenwahnsinnig:
Was kann Technogene Nähe wissen? Was soll Technogene Nähe
tun? Was darf Technogene Nähe hoffen? Und last and least: Was
ist der Mensch bezüglich Technogener Nähe?
Bei Kant kulminieren die ersten drei Fragen bekanntlich in die vierte,
also die Bedeutung der Vernunft für das erkennende Subjekt.
In der Fassung der Technogenen Nähe soll nun vom Menschen der
Ausgang genommen werden, um sich den drei anderen Fragen zu öffnen.
Dies ist ein sehr umfangreiches Projekt, das zudem erst an seinem
Anfang steht, dennoch will ich versuchen Ihnen einen kleinen Einblick
in die Thematik zu gewähren.
Ich werde in diesem Vortrag auf die Frage, was ist der Mensch bezüglich
Technogener Nähe eingehen und eine Art Minimaldefinition des
Menschwerdens anbieten. In einem zweiten Schritt werde ich versuchen
Ihnen eine Idee davon zu vermitteln, was Technogene Nähe wissen
kann.
Doch zuerst zum Begriff:
Technogene Nähe sprach mich zum ersten Mal über Bernd
Ternes an, der ihn wiederum einem Kontext entnommen hat, den ein
eher unangenehmer Mensch einmal als Netzwerkpoesie bezeichnet hat.
Dabei handelt es sich um technologisch generalisierte Kommunikationsformen
der neuen Medien, die allerdings für die von mir erahnte Form
der Technogenen Nähe nur eine sekundäre Rolle spielen
sollen. Interessanter wird es, wenn man sich auf den Grad zwischen
historischer und chaosmatischer Anthropologie begibt und Technogene
Nähe in den sich auftuenden Horizont, einen Horizont der Nähe
hineinfragen lässt. So oder zumindest so ähnlich Bernd
Ternes, dessen Anregungen auch zu einem großen Teil die folgenden
Konturen überschatten werden.
Also: Ein erster
Versuch einer Annäherung an den Begriff "Nähe"
Ausgangspunkt
soll eine These Dieter Claessens sein, die da heißt: Zitat
"Es ist die These, dass neben der Hauptfähigkeit zur
Distanzierung von der ‚alten Natur' das Hauptdefizit des
Menschen seine evolutionär bedingte Unfähigkeit ist, zum
Organisieren großer Populationen und den sich dabei unvermeidlich
ergebenden Komplikationen ein direkt emotionales, d.h. unmittelbar
motivierendes Verhältnis zu finden." Zitatende
Mit anderen Worten: Es gibt ein Problem der Vermittlung zwischen
dem Konkret- Sinnlichen und dem Distanzierenden- Abstrakten. Bzw.
zwischen dem Hordenwesen, das in kleinen überschaubaren Einheiten
gelebt hat und dem Zivilisationsmensch, der große Gesellschaften
organisieren muss, wozu er evolutionär nicht direkt ausgestattet
wurde.
Die Frage, die sich hieraus für mich stellt, ist, ob die Hauptfähigkeit,
nämlich die Distanzieren von der alten Natur, bisher überhaupt
genutzt wurde. Und falls nicht, was hier als These fungieren soll,
ob sich nicht durch die Entfaltung dieser Distanzfähigkeit
automatisch ein motivierendes Verhältnis zu großen Populationen
einstellt. Was bisher als Distanzierung verstanden wurde, also der
mittels Technik unternommene Versuch, eine dem Namen Mensch gerechtwerdende
Form zu finden, wäre somit nichts weiter als die projektive
Ausdehnung der ‚alten Natur'. Eine aus einem biologischen Mangeldenken
resultierende narzisstische Organerweiterung durch Technik. Die
Frage ist nun, ob Technik als wirkliche Distanzfähigkeit in
Erscheinung treten kann und somit Kapazität für eine motivierende
Annäherung der Menschen zu abstrakten Gebilden werden kann.
Soviel vorerst zum Begriff der Nähe.
Nun zum Begriff
der "Technik"
Technik als
Distanzfähigkeit hat somit erst einmal nichts mit dem Menschen,
wie wir ihn kennen, zu tun, sondern ist als eine noch zu entwickelnde
Technik, absolut außerhalb der anthropologischen Sphäre
der alten Natur zu denken. Dies wird nach Heidegger erst gelingen,
wenn sich das "Wesen" des Menschen sich dem "Wesen" der Technik
zu öffnen beginnt. Zu dem paradoxen Status des "Wesen" des
Menschen komme ich gleich. In dieser Öffnung für Technik,
so die These, kann der Mensch sich soweit von sich selbst, von seinem
"alten Wesen" entfernen, dass durch diese anthropogene Distanz ein
Raum geöffnet wird, in dem so etwas wie Gesellschaft erst stattfinden
kann. Für die Durchdringung des Menschen durch und als Technik
muss er allerdings Distanztechniken erlernen, die ihn als Medium
für Gesellschaft erst qualifizieren. Aus der Perspektive des
Menschen, die uns natürlich die naheliegende ist, erscheint
mir die Minimaltechnikdefinition Vilem Flussers vorerst am geeignetsten.
Zitat Flusser: " Anders gesagt, ist das Verbum des Substantivs
und das Substantiv des Verbums und falls
man dagegen einwenden wollte, dass doch ein Substantiv
zu sein scheint, so ließe sich statt dessen auch
sagen. Mit dieser Definition von als Synonym von
lässt sich operieren." Zitatende.
Ein erstes vereinfachendes Zwischenergebnis:
Die Fähigkeit zur Distanzierung von der "alten Natur", also
vom Natur- und Kulturzwang, soll die unwahrscheinlichen Möglichkeit
einer Kommunikation zwischen Mensch und Gesellschaft eröffnen,
nach systemtheoretischer Ansicht nicht nur eine Unwahrscheinlichkeit,
sondern bekanntlich eine Unmöglichkeit. Der zu fokussierende
Bereich ist demnach die Grenze zwischen den psychischen und den
sozialen Systemen. Aus der Sicht des Menschen(formens) bedeutet
dies die psychophysische Dynamik der Grenzziehung zwischen vertrautem
Kreis und dem Offenen, dem Fremden. Wenn wir nun mit Sigmund Freud
das Fremde als das Eigene, das Vertraute im Anderen verstehen, heißt
das, dass das "abstrakte Gebilde" das Eigenste und Vertrauteste,
die "älteste Natur" für den Menschen ist. Und zwar nicht
als ein aktuales Besitztum, sondern als eine immer wieder zu verkörpernde
Möglichkeit. Genauer gesagt: der Mensch ist die konkret- sinnliche,
vor allem aber die distanzierende virtuelle Kreatur, die in der
Selbst- und Weltdistanzierung mittels und als Technik die Sphäre
entstehen lassen kann, die es verdienen wird als Gesellschaft oder
Zivilisation bezeichnen zu werden. Technik muss also nicht Kapazität
werden für die Annäherung der Menschen an ein fernes,
abstraktes Gebilde, sondern sie muss beginnen, die Distanzfähigkeit
so zu bedienen, dass der blinde Fleck des Menschen, das Abstrakte,
wahrnehmbar und dadurch ein motivierendes Verhältnis überhaupt
möglich wird.
Wie das Nichtwahrnehmbare wahrnehmbar gemacht werden soll, werde
ich nun erläutern.
Was ist der
Mensch bezüglich "Technogener Nähe"?
Wenn man sich
Heideggers Forderung, dass das "Wesen" des Menschen sich dem Wesen
der "Technik" öffnen müsse, anschließt, dann bedarf
es einer Fassung des Menschen, die das Ausgeschlossene, das Andere,
das Fremde mit einschließt. Fündig wird man bei der Anthropologie
Helmuth Plessners, deren Grundsatz lapidar lautet: Der Mensch ist
von Natur aus künstlich. Er wird in einer "exzentrischen" Position
zu seiner Umwelt geboren und bedarf der Künstlichkeit einer
zweiten Natur, der Technik, um diese Außen zu verkörpern.
Nur in dieser Künstlichkeit, die schon zur Bestimmung des Menschen
gehört, kann er sich realisieren.
Um es gleich klarzustellen: es soll hier nicht einem Techniker Mensch
das Wort geredet werden. Technik wird nicht verstanden als ein kosmisches
Prinzip, das dem Menschen entspricht, sondern als ein absolutes
Außen, in das der Mensch nicht nur gehalten, sondern gestellt
ist. Zitat Plessner: "Ortlos, zeitlos, ins Nichts gestellt, schafft
sich die exzentrische Lebensform ihren Boden. Nur insofern sie ihn
schafft, hat sie ihn, wird sie von ihm getragen. Künstlichkeit
im Handeln, Denken und Träumen ist das innere Mittel, wodurch
der Mensch als lebendiges Naturwesen mit sich in Einklang steht."
Zitatende. Insofern der Mensch einen Körper hat und Leib ist,
ist er zentrisch organisiert- und dies ist nur denkbar, wenn er
gleichzeitig außer sich gerät, im Außen steht,
exzentrisch ist. Diesen utopischen Standpunkt nennt Plessner das
"Nichts". Die Doppelaspektivität der zentrischen und exzentrischen
Lebensweise stellt die Bestimmbarkeit des Menschen, letztendlich
auch in der Form einer Anthropologie, in Frage. Der Mensch ist ein
lebendiges Naturwesen, wenn er außer sich gerät, wenn
er es wagt im ort- und zeitlosen Raum seinen Boden selbst zu erschaffen.
Mit einer Metapher von Deleuze: wenn er das Floß baut, während
er bereits im Meer schwimmt.
Am Anfang dieses Vortrags habe ich etwas pathetisch angekündigt,
ihnen das Wort des Todes näherzubringen. Dies möchte ich
nun explizieren, auch auf die Gefahr hin, dass Es flüchten
wird.
Das Nichts bei Plessner bedeutet nicht Nichtsein, sondern ist die
Zusammenziehung von Nicht-Etwas-Sein und ist somit auch ein
Wahrnehmungsprozess. Die unterschiedlichen Aspekte sind die Erscheinungsform
einer Substanz, die selbst nie erscheinen kann. Substanz hier verstanden
ganz im aristotelischen Sinne als etwas den Dingen immantes, als
deren Möglichkeitsraum, der in der Form Aktualität gewinnt.
Somit verweisen die Phänomen immer auf etwas, was nicht erscheint:
das Nichts. Oder wie es bei Heidegger heißt: das Sein ist
kein Seiendes. Die substanzielle Mitte zeigt sich in ihrer Einseitigkeit,
im Aspekt, dieser weist jedoch über sich hinaus. Und dies ist
dann auch der Mangel des Menschen, nicht seine fehlende Instinktsicherheit
oder sein Nesthockerdasein, sondern dass er sich nicht auf
eine Erscheinungsweise festlegen lässt, da er ewige Potenzialität
besitzt. Dieser Möglichkeitsraum verhindert ein Heimkommen
zu sich, wie das in der Dialektik von Hegel noch vorgesehen war,
sondern erfordert ein ständiges aus sich heraus gehen ohne
irgendwo wirklich anzukommen. Ein Problem, das jeder einzelne Mensch
zu bewältigen hat und aus dem die geschichtliche Wirklichkeit
des Menschen entspringt. "Der Konflikt ist die Mitte seiner Existenz",
wie es bei Plessner heißt. Auch die Extremform dieses Möglichkeitsdenken,
der Tod, bleibt ambivalent. Der Tod ist dem Leben wesensfremd, er
ist ihm äußerlich, akzidentiell, wie es bei Plessner
heißt.
Aber als Kontingenz z.B. als tödlicher Unfall, der das Leben
jeden Moment zerstören kann, zeigt sich, dass das Zufällige
der Substanz auch wesentlich sein muss, ansonsten hätte es
nicht die Macht, diese vollkommen zu zerstören. So ist noch
vielmehr der natürliche Tod dem Leben wesensfremd, als Akzidens
ist er jedoch ein Aspekt dieses Wesens selbst, von außen kommend
und diesem zutiefst eigen. Das exzentrische Leben bedeutet Anders-
Werden, Alterieren, Altern, ganz anders Werdens, d.h. in eine andere
ontische Kategorie überwechseln, zum Toten. Wie das Neugeborene,
das auch aus dem Werden eines anderen individuellen Wesens, das
der Mutter, entsteht. Der Tod ist somit die wesensfremde Möglichkeit
des Lebens selbst. Aus diesem Blickwinkel wird dann auch jede Teleologie
albern: am Ende wartet der Tod. Der Tod lehrt uns das Anfangenkönnen
und das Anderswerden.
Er erinnert uns gleichzeitig immer auch an unsere Heimatlosigkeit
im Leben, unsere Nacktheit, die uns im Leben zwingt, erst ganz zu
werden, ohne dies je zu erreichen. Diese Unmöglichkeit, jemals
ganz zu werden, zeigt uns die Möglichkeit der eigenen Unmöglichkeit,
die Möglichkeit des Todes.
Für unser Thema der Technogenen Nähe, also der Entwicklung
von Technik als Distanzfähigkeit, spielt das Erlernen dieser
Todestechnik, also das forcierte Einnehmen der exzentrischen Position,
eine entscheidende Rolle. Es ist das sich Einfügen in die Form
des Problematischen, das zum Fragezeichen werden jenseits jeder
Antwort.
Mit einem Fuß im Grab sozusagen, können wir nun die Anthropologie,
bzw. die Entropologie, wie sie Levi-Strauß lieber bezeichnet
haben will, langsam verlassen und uns den erfreulicheren Dingen
des Lebens zuwenden, unseren Mitmenschen.
Wir brauchen uns hierfür jedoch nicht von der Grenzlinie, die
wir gerade in der Beziehung zu uns selbst kennen gelernt haben,
wegbewegen, also von dem Abgrund zwischen dem Innen und dem absoluten
Außen. Denn nach Novalis ist ja der Sitz der Seele da, wo
sich Innenwelt und Außenwelt berühren und es ist immer
noch eins der Urmissverständnisse des aufgeklärten Zeitalters,
dass die Seele im Inneren des einzelnen Menschen verortet wird,
dies hauptsächlich verbrochen von einer Wissenschaft, die sich
die Lehre von der Seele schimpft.
Mit dem exzentrischen Außen haben wir gleichzeitig die Mitwelt
entdeckt, nicht nur gegenüber dem Lebendigen, sondern gegenüber
allem, was einem begegnet, der andere Mensch, die Maschine, der
Avatar.
Das Nichts, das Gestelltsein ins Offene ist das uns verbindende
Moment, es ist die Sphäre in der das Ich gleichzeitig die Wir
Form hat. Charakteristikum der Mitwelt ist also die Wirform des
Ich, die Erfahrung einer absoluten "Einmaligkeit und Einzigartigkeit",
die zugleich an die Bedingung geknüpft ist, als Einzelner "absolut
vertretbar und ersetzbar" zu sein. Es erübrigt sich somit der
Solipsismusverdacht, da der Mensch sich nur durch die Hinwendung
zum Außen, als öffentliche Zugänglichkeit schafft.
Nur in der Öffentlichkeit besteht die Möglichkeit der
Wahrnehmung des blinden Flecks, des Abstrakten und zwar vermittelt
durch die Wahrnehmung des blinden Flecks des Anderen. Die Seelen
begegnen sich in ihrem "Ungrundcharakter", also in der Einsicht,
dass jeder kontingent handelt, also jeder auch anders handeln kann
und jeder dies von sich selbst und den anderen weiß, so Luhmann.
Im Sichstellen dieser instabilen und unerträglichen Situation
entsteht erst die Motivation zu einer kommunikativen Grenzregulierung.
Der Mensch hebt also "sein eigenes Dasein als individuelles nur
gegen die Möglichkeit ab, dass er auch ein anderer hätte
werden können". Daher ist die Mitwelt auch real "wenn nur eine
Person existiert". Der einzelne Mensch "ist die Menschheit, d.h.
er als Einzelner ist absolut vertretbar und ersetzbar oder wie Plessner
sagt: "Ich und Menschheit, das ist eben nicht Nebeneinander, sondern
Ineinander".
Im Gegensatz zu Heideggers Vorlauf zum Tod, der ja erst die Eigentlichkeit
des Daseins begründet, besteht bei Plessner im Leben wie auch
im Tod ein Antagonismus von Einzigartigkeit und Vertretbarkeit.
Niemand kann dem Menschen den Tod abnehmen, er ist vom ihm in seiner
Einmaligkeit als Individuum betroffen und gleichzeitig kann er dem
Tod nur begegnen, weil er ihm über die anderen, die sterben,
als persönliche Möglichkeit erscheint. Hinter dem "ich"
sterbe" gibt es immer ein "man stirbt" oder wie Blanchot es ausdrückt
" Nicht das Ende, sondern das Unbeendbare, nicht der eigene Tod,
sondern irgendein Tod, nicht der wahrhafte Tod, sondern wie Kafka
sagt, das Grinsen eines Grundfehlers…" Diese Sphäre des Einander
völligen Enthüllseins, der unmöglichen Möglichkeit,
die uns entgegengrinst, ist kein idealer Zustand, sondern einer
der der artifiziellen Kompensationsmittel bedarf. Es bedarf einer
Verhüllungen dieser Ursprungsgemeinschaft, das was wir Vergesellschaftung
nennen. Dies ist natürlich alles ein alter Hut, aber manchmal
besteht ja das Neue gerade darin, dass man sich daran erinnert,
was man seit alters her weiß: in diesem Fall, dass die menschliche
Nacktheit der Verhüllung, Maskierung, Rolle, Ritual und all
der Soziotechniken bedarf, um wahrhaft menschlich zu sein.
Also wenn schon nichts wirklich Neues, was hat das alles mit Technogener
Nähe zu tun? Wie Sie sich erinnern, waren wir am Anfang des
Vortrags auf der Suche nach einer Möglichkeit ein emotionales,
d.h. unmittelbar motivierendes Verhältnis zum Organisieren
von großen Populationen zu finden. Aus dem bereits referierten
dürfte klar geworden sein, dass es bei allem Möglichkeitssinn
ein Ding der Unmöglichkeit sein dürfte, ein unmittelbares
Verhältnis zu irgendetwas zu finden. Alles ist vermittelte
Unmittelbarkeit und selbst die Immanenzebene muss künstlich
hergestellt werden, wie wir nicht erst seit Deleuze wissen.
Gerade diese Erkenntnis, also diese urgemeinschaftliche Erfahrung
unserer höchst beunruhigenden und fragwürdigen Existenz
könnte mit ein wenig emotionaler Distanz eine Basismotivation
für die Schaffung eines gesellschaftlichen Bodens sein. Eine
solche Emotion wäre weniger unter dem Begriff der Solidarität
als vielmehr unter dem der Sympathie zu fassen, da Sympathie noch
mehr Distanz bewahrt, diese aber gleichzeitig zu überbrücken
versteht. Sie ist das Vermögen, sich in die Situation eines
anderen zu versetzten, aber nicht durch das übergriffige Sich-Inversetzen,
sondern das Sich-Aussetzen der exzentrischen, offenen Position,
die eine gemeinsame ist. Mehr, aber auch nicht weniger ist nötig.
Dies ist eine der Nähe-Techniken, die erlernt, aber auch wieder
verlernt werden können. Das klassische Beispiel ist natürlich
die griechische Tragödie, wo vermittelt durch eine ästhetische
Erfahrung Exzentrizität erfahrbar gemacht wird, also Distanz
und Identifikationstechniken kombiniert werden. Das Schicksal des
anderen lässt den Zuschauer nicht gleichgültig, ohne dass
er die eigene Lebensform aufgibt. Denken und Fühlen hybridisieren
und es entsteht das Ahnen, das klassische Gefühlsdenken der
Technogene Nähe. Im Theater oder auch in der Therapie kann,
bzw. konnte durch solch eine Mischung aus Mitgefühl und Angst
sehr hohe Intensitätsdifferenzen generiert werden. Diese setzen
jedoch wegen der potentiellen Unkontrollierbarkeit und Verunsicherung
ein Vertrauensverhältnis voraus, das derzeit allerdings nur
in kleinen, eher gemeinschaftlich organisierten Räumen oder
Ligen erzeugt werden kann. Die pervertierte Form einer Pseudomitweltgenerierung
können wir jeden Tag in den Massenmedien verfolgen, wo mittels
Hysterie und Hypokrisie Gemeinschaft im nationalen, internationalen
bzw. im Weltformat mit der Leitdifferenz Inklusion/ Exklusion gerade
noch so zusammengehalten wird. Statt verbindende Sympathie und zivilisierende
Angst nach dem Motto: das hätte mir auch geschehen können,
herrscht hier das hysterische: hoffentlich passiert mir das nicht
und das ausschließende und identitätsbildende: Gott sei
Dank geht's uns nicht so dreckig wie denen.
Für Großräume wie die Weltgesellschaft müssten
schon mittlere bis niedrige Intensitätsdifferenzen kultiviert
werden, die allerdings nicht mehr das Gemeinschaftsbedürfnis
der alten Natur bedienen, sondern eine Verbindung von verlorenen
Seelen, sprich Gesellschaft, ermöglichen. Stellen Sie sich
beispielsweise die angenehm kühle Atmosphäre eines Wiener
Kaffeehauses vor, die Ihren existentiellen Wunsch allein zu sein
und dabei Gesellschaft zu haben, fast erfüllt. Connectet isoltation
oder Die Welt als Kaffeehaus.
Aber ich greife vor. Dies sind schon Anmerkungen zu einer anderen
Geschichte, nämlich: Was soll Technogene Nähe tun? Da
wird es dann um die psychischen Kosten der Menschwerdung, um die
Schmerzen und Ängste im Zusammenhang mit der Distanzierung
von der ‚alten Natur', aber auch um die Entdeckung und Entwicklung
von Techniken der Öffnung, der Näherung und des Schutzes
gehen.
Zuvor soll jedoch noch die Frage gestellt werden, und das ist für
diesen Vortrag auch die Schlussfrage, was Technogene Nähe wissen
kann? Befreit von unnötigem anthropologischem Ballast sind
wir nun bereit, zum Take Off Richtung einer zu entwickelnden Technik,
also in Nichts abzuheben.
An dieser Stelle müsste eigentlich auf Heidegger eingegangen
werden, aus Ermangelung der Zeit und auch des Seins möchte
ich jedoch lieber auf einen, meiner Meinung nach, weitaus attraktiveren
Technikdenker, nämlich Arthur Schopenhauer hinweisen. Die radikale
Immanenz seiner Willensmetaphysik decken wir nun mit unserem TechnikDenken.
TechnikWille als dunkle, vitale Bewegung, jenseits von Subjekt und
Signifikanz, jenseits von Bewusstsein, dieses schwarze Loch, das
jedes Licht der Erkenntnis verschluckt, diese älteste aller
Naturen, die nach Distanz schreit. Diese Distanzierung, bei Schopenhauer
Verneinung, ist kein Erkenntnis-, sondern ein Seinsgeschehen und
da alles TechnikWille ist kann die Verneinung nur durch die Selbstaufhebung
dieses TechnikWillens geschehen. Eingeleitet wird diese Selbstaufhebung
auch bei Schopenhauer durch das Mitgefühl und auch hier ist
es keine moralisch Forderung, sondern eine emotionale Erfahrung,
die gelegentlich aufblitzt. Die Erfahrung, dass alles außer
mir ebenso TechnikWille und damit Leid ist. Mitleid ist die Fähigkeit
in bestimmten Augenblicken die Intensität eigenleiblicher Technikerfahrung
über die eigene Körpergrenze auszudehnen, also die Täuschung
der individuellen Selbstbehauptung für einen Moment fallen
zu lassen. Im Erfahren dieser dunklen uns alle durchströmenden
Gewalt wendet sich der TechnikWille nunmehr vom Leben ab. Er erzittert,
schaudert und setzt sich selbst frei. Aus der Sicht des Menschen
stellt sich dieser Vorgang als freiwillige, bzw. willensfreie Entsagung,
als Resignation, als wahre Gelassenheit dar.
Wir befinden uns hier an einer sehr delikaten Stelle des Übergangs,
den wir auch nicht verlassen werden. Nur eine kurzer Hinweis: aus
Gründen der Vermittlung könnte die verwendete Begrifflichkeit
noch den Eindruck erwecken, dass diese Resignation noch das Werk
einer vernünftigen Einsicht oder Erkenntnis, eines Bewusstseinsakt
sei. Dem ist nicht so. Der Vorgang der Verneinung ist keine Leistung
des Individuums, kein Ergebnis von Differenzierungsanstrengungen,
zu dem man kommt, sondern ein Widerfahrnis, dass über einen
kommt und das von ein paar nervösen anthropologischen Erregungszuständen
begleitet wird. Die Verneinung des TechnikWillens ist also selbst
noch ein Akt seiner Naturgeschichte, also nicht so sehr ein Triumph
über ihn, sondern vielmehr das Geheimnis seiner Selbstaufhebung
als Freiheitsakt.
Was nach der Aufhebung des TechnikWillens übrigbleibt ist wiederum
nicht Nichts. Was es ist können wir nicht wissen, da wir als
Menschen Grenzgänger bleiben, aber gerade diese Zaungastposition,
die uns sowohl vor den Verneinungs- aber auch den Bejahungsekstasen
bewahrt, ermöglicht uns ein engelsgleiches Äquilibrieren
im Modus des "Als ob". Leben "als ob" und Verneinen "als ob". Dieses
acceptable level of ectasy, wie es Lyle Lovett besingt, lässt
sich nur erreichen, wenn das Überschreiten der Grenze das Erschaffen
eines künstlichen Bodens darstellt. Das Grenzphänomen
schlechthin in dieser Hinsicht ist die Musik.
In der Musik ist der TechnikWille als reines Spiel gegenwärtig.
Zitat Schopenhauer: " Die Musik ist von der erscheinenden Welt ganz
unabhängig, ignoriert sie schlechthin, könnte gewissermaßen,
auch wenn die Welt gar nicht wäre, doch bestehn." Zitatende.
Das Geheimnis der Musik ist, dass sie die Welt nicht abbildet, sondern
selbst unmittelbar das ist, wovon die Welt Abbildung ist. Der TechnikWille
ist zwar nicht ganz verneint, aber hat für den Augenblick seine
überwältigende Macht verloren. Als Grenzgänger hat
man die Möglichkeit, die Welt so zu sehen, als hätte man
sie schon verlassen ohne Asket oder heilig zu werden.
Die Musik ist das klingende Ding an sich, sie verweist auf nichts
außer ihr, sie ist ganz sie selbst, sie ist die vom Identitätszwang
befreite Sichselbstgleichheit, so Adorno.
Der Technikwille, der in der Musik spielt, ist dabei sich im Spiel
zu verlieren. Sein Spiel ist ein Einüben in den Horizont des
Nichts, aber aus der Perspektive des Nichts ist alles, was TechnikWille
ist, auch schon Nichts.
Deshalb wage ich es, Sie zum Schluss mit dem großen Linksdenker
Karl Valentin zu fragen:
"Host Du des jetzt grad ghört, wia i nix gsagt hab?"
Danke
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