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Bernd Ternes
Einführung ins Tagungsthema
(zur Tagung Chaosmatische
Anthropologie am 5. Juli 2003)
Ich führe
nicht ins Thema der Tagung ein; vielmehr möchte ich zur Tagung
selbst sprechen, d.h., kurz vorstellen, was es mit ebendieser auf
sich hat, und skizzieren, worum es der Arbeitsgruppe "menschen formen"
zu tun ist.
Wichtig ist,
vor allem anderen etwas hervorzuheben, das ins Grundsätzliche
einer wissenschaftlichen Einstellung geht; und zwar eine Einstellung,
die die für viele überalterte Spaltung in Negativismus
und Positivismus nicht mehr bedient. Michael Scharang hat diese
Spaltung noch bejahend auf den politischen Punkt gebracht.
"Der Konservative
braucht keine Theorie. Wem die Welt gehört, dem genügen
als Ornament an seinem Besitzstand ein wenig ideologischer Kitsch,
den ihm die Medien, und ein bißchen affirmatives Gequatsche,
das ihm die Universitäten ins Haus liefern. Wem wie dem Linken
die Welt nicht gehört, wer wie der Linke die Welt, wie sie
ist, gar nicht haben, sie hingegen verändern will, für
den ist Theorie die Welt."
Das stimmt,
denke ich, aber es stimmt auch nicht mehr. Denn verkannt wird in
diesen Sätzen, daß die Theorie als Weltersatz nun selbst
schon in die Jahre gekommen ist, sprich: sie ist auch etwas, das
man haben kann, mehr noch: Kritik, Negativismus waren lange Zeit
in nicht unerheblichem Maße genau die Form von affirmativem
Diskurs, den man sich ins Haus liefern lassen konnte. Das "Verweilen
beim Negativen", die ‚nichtkonstruktive Kritik', das ‚Denken im
Angesicht des Grauens', das Parteiergreifen für einen zerschundenen
Körper, der in der europäischen Abstraktionsgeschichte
vernichtet wurde...: all dies kann heute, so glauben wir, nicht
mehr allein als Theorie die Welt sein für denjenigen, der Welt
verändern möchte.
Theorie sollte heute mehr sein als Welt für die Nichteinverstandenen.
Theorie sollte vielmehr in die Welt.
Kurz und veraltet gesprochen: Der Ideologieverdacht und die Ideologiekritik
des negativen, kritischen Denkens ist bei sich selbst angekommen,
wenn auch noch nicht für sich. Für uns jedenfalls. Das
bedeutet dann, wenn es um Kulturanthropologie geht, ganz praktisch:
Abkehr vom phantasmatischen spekulativen Anthropozentrismus - zumal
dann, wenn er gepaart mit diversen anderen unsäglichen Zentrismen
wie Logo-, Euro- oder gar Körperzentrismus auftritt. Wie ist
das zu leisten?
Das war in etwa
die Fragestellung, als im Wintersemester 98/99 das erste Seminar
zu Hans Peter Weber angeboten wurde. Es trug folgenden Titel: Von
der Kritischen Theorie über die Deterritorialisierung Deleuzes
zum "Kritischen Manierismus". Der damalige Kommentar hat nichts
an Aktualität verloren, nämlich:
"Die bis zuletzt
noch laufenden Uhren der Theorie innerhalb einer interessierten
Sozialwissenschaft scheinen bei der Systemtheorie und der "Nichttheorie"
des Dekonstruktivismus stehen geblieben zu sein. Viel an Beweglichkeit
wird deshalb in Evolutionstheorien gelegt und in solche, die sich
der Anthropologisierung des Digitalen (Verkörperungsdimensionen
des Immateriellen) widmen. Entlang der Verweisungsgrößen
G. Bateson, G. Deleuze und N. Luhmann entwirft H.P. Weber in seinen
Texten ein Denken, das Neuland zu betreten versucht im Ernstnehmen
der Annahmen, daß an Signifizierung, (ästhetischer)
Darstellung und negativer Dialektik nicht mehr angeschlossen werden
kann; versucht wird eine begrifflich hoch konzentrierte Einschreibung
in Prozesse der zivilisatorischen Metamorphosis, in denen es u.a.
über eine Neuverbindung der Begriffe Informatik, Genetik,
Morphing und Poesis, um die Formulierbarkeit der Bedingungen positiver
Schize geht."
Es ging also
und es geht weiterhin um so etwas wie eine Umschrift unserer jahrhundertealten
kategorialen Welt-Mensch-Natur-Beschreibungen; und wie es scheint,
ist der Moment dazu noch nie so günstig, gleichsam auch noch
nie so gefährlich gewesen wie jetzt. Man könnte kleine
Ketten dieser Umschrift erwähnen, Dreier-Ketten, etwa:
- Die Zeit
der Moderne ist dadurch bestimmbar, daß in ihr die Positionen
exzentrisch geworden sind durch Konzentration der Negationen (Philosophische
Anthropologie)
- die Zeit
der Postmoderne ist dadurch bestimmbar, daß in ihr die Negationen
exzentrisch wurden durch Konzentration der Paradoxien (Historische
Anthropologie); aber
- Welche Zeit
von was ist dadurch bestimmbar, daß in ihr die Paradoxien
exzentrisch werden durch Konzentration von was (hier setzte Chaosmatische
resp. Chaosmische Anthropologie ein)?
Oder eine weitere
Kette, etwas verdichtet den Zivilisationsprozeß fassend:
- Tod des Körpers,
Leben der Sprache => Zivilisationsgeschichte: Abstraktionsprozeß;
Differenz von Realität und Symbol
- Tod der Sprache
=> Posthistoire: Übergang von der Phantasie zur Maschine;
Simulation. Und
- Exzentrische
Paradoxie => Generative Programmatik: Entdifferenzierung von
Tod und Leben.
Man könnte
diese Umschrift - von der kategorialen zur kreaturalen Anthropologie
- vielleicht so einbetten, nun etwas ausholend:
In den Notizen
zu seinem Bremer Vortrag "Das Ding" insinuiert Heidegger, daß
die Zeit, in der Dinge als Dinge sein können, noch nicht ins
Dasein eingebrochen ist:
"Dingen die
Dinge? Sind Dinge als Dinge? - oder sind sie nur als Gegenstände?
Und die Gegenstände - wie stehen sie? Welches ist die Art ihres
Standes und ihrer Ständigkeit? - als Bestand? Die Dinge
sind vergangen, weggegangen - wohin? Was an ihre Stelle - gestellt?
Die Dinge sind als lange vergangene und gleichwohl sind sie noch
nie als Dinge gewesen. Als Dinge - ihr Dingwesen ist
noch niemals eigens ans Licht gelangt und verwahrt worden." (1)
"Die Dinge sind
als lange vergangene und gleichwohl sind sie noch nie als Dinge
gewesen" - was sich wieder einmal kryptisch gibt, könnte angeschlossen
werden an eine Konzeption, die die Zukunft des Sozialen und Anthropen
durch die forcierende Reaktivierung der genetischen Vergangenheit
gehen sieht und damit einem ‚Dingdenken' jenseits von Mangel und
Verlust ("Verdinglichung"), aber diesseits einer kulturanthropologischen
Einbettbarkeit, Gehör zu schaffen versucht - und das ist, so
denke ich, die Konzeption einer chaosmischen Anthropologie Hans
Peter Webers. Eine Konzeption, die sich vom Gedanken leiten läßt,
daß die gegenwärtige Zeit der Geschichte beinahe eine
des Übersprungs von Variation zur Selektion "ist": Die sozioanthropo-kommunikative
Evolution menschlicher Gesellschaft, selbst eingebettet in weit
ausholendere Evolutionen des Lebens und der Physis, trete nun in
eine Phase ein, in der die entwickelten, erfundenen und sich ergeben
habenden Variationen (Sprache/ Kommunikation, Arbeit, Kultur und
Technik) selektiert werden; und dies mit dem Effekt, daß der
"Anthropokosmos" auf erhöhter Stufenleiter Anschluß findet
an/ restabilisiert wird in generativere Schübe des Evoluierens
schlechthin. Und wie es aussieht, werden von den geschichtlich realisierten
Variationen wohl nur "Kultur" und "Technik" neosynthetisiert als
Selektionskandidaten übrigbleiben; die ihrerseits, als "Kultur2",
mit "Natur" neue Variationen realisieren werden - "Nurture", "Curture".
Diese hier grobschlächtig
dargestellte Fassung einer neuen Kultur/ Technik-Krasis ginge strikt
über die Fassungen hinaus, die sich auf das Ereignis Technik
und den Techniker Mensch stützen, Fassungen mithin,
die in einem mehr als analytischen Sinne eine ontische Differenz
aufrechterhalten zwischen Mensch und Maschine (2) bzw. die Zerstörung
der Natur sichten da, wo Mensch und Maschine (kybernetisch) aufgehoben
werden. Deswegen können solche theoretischen Arrangements von
Leben, Natur, Technik, Humanum und Kunst, die nach Auswegen aus
der unendlichen Zerstörung von Welt und Erde durch Technik
suchen, trotz des plausiblen Begriffs "technisches Leben" und der
nicht ganz plausiblen Identifikation kybernetischer Technik als
diejenige, die dem Maß des Menschen folgte und deswegen den
Tod brachte (3), nicht über einen nachtranszendentalen Subjektbegriff
hinausgehen.
Möchte
man nun über einen nachtranszendentalen Subjektbegriff im Nachdenken
der Menschen hinausgehen, dann kommt man wohl unausweichlich auf
den Begriff der Form. Ein, vielleicht der Grund, warum folgende
Sätze Deleuzes der Arbeitsgruppe menschen formen voranstehen:
"Es handelt
sich darum, zu wissen, mit welchen anderen Kräften die Kräfte
im Menschen innerhalb dieser oder jener historischen Formation
in Beziehung treten und welche Form aus dieser Kräfte-Zusammensetzung
resultiert. Man kann bereits voraussehen, daß die Kräfte
im Menschen nicht notwendig in die Bildung einer Menschen-Form
[forme-Homme] eingehen, sondern sich auf andere Weise,
in anderen Zusammensetzungen, in einer anderen Gestalt auftreten
können... Damit der Mensch erscheinen oder hervortreten kann,
ist es erforderlich, daß die Kräfte im Menschen in
Beziehung treten zu ganz besonderen Kräften des Außen...
Die Frage, die sich immer wieder neu stellt, lautet doch: wenn
die Kräfte im Menschen eine Form nur bilden, indem sie in
Beziehung zu neuen Kräften des Außen treten, mit welchen
neuen Kräften werden sie sich jetzt einlassen, und welche
neue Form kann hieraus entstehen...?" Gilles Deleuze, Foucault
Abschließend
und nochmals im Verlauf gesagt, warum es zur heutigen Tagung kommt:
Nachdem das Räsonnieren über den Zustand negativer Theorie
nach der Einsicht in die Impotenz theoretischen Begreifens zu einer
bestimmten ‚praxisphilosophischen' Resignation führte und gleichzeitig
dazu motivierte, die stärkste Gegenposition zur Theorieimpotenz-These
begreifen zu wollen, nämlich Luhmanns Version von Theorie als
einer invasiven Introspektion, blieb als möglicher Zustand
des Weiterschreibens nur noch ein exzentrisch paradoxes Hinauskatapultieren
aus den Räumen kategorialen Nachdenkens übrig, das nun,
im Horizont der Hans Peter Weberschen Theorie der Physis, hoffentlich
ohne Bemühung der doppelten Negation wieder Haltungen sucht:
‚erkennenstheoretisch' im kreaturalen Nachdenken, sozioanthropologisch
im rigorosen Glück, und gesellschaftstheoretisch in der technogenen
Nähe.
Die entscheidende Kurve auf diesem kurvenreichen Weg ist die, in
der das Nachdenken über exzentrische Paradoxie in Gestalt technischer
Existenz durch rigorose Schräglage einmündet in ein Nachdenken
über generative Exzellenz in Gestalt rigorosen Glücks
und technogener Nähe. Ob das gelingt, muß sich an der
nachvollziehbaren Entfaltung des Nachdenkens über Chaosmatische
Anthropologie zeigen, deren experimenteller Charakter nun rigoros
explizit wird. Denn: Das Formen der Menschen beginnt Menschenformen
zu formen.
Es geht also
darum, einen Rahmen zu eröffnen, in dem kulturanthropologische
Antworten sowie Umsetzungen dieser Antworten mittels eines "cultural
engineering" gefunden werden könnten auf die Fragen, die durch
massiv drängende zivilisatorische und technologische Potenzen
der Selbstermächtigung, der Selbstgestaltung und auch der Selbstvernichtung
gestellt sind. - Aber auch dieser Anspruch, einen solchen Rahmen
zu eröffnen, oder gleichsam ein Feld zu begehen und abzustecken,
es aufzuspüren oder in ihm Spuren zu ziehen, ist wohl schon
maßlos übertrieben.
- Martin Heidegger,
Bremer und Freiburger Vorträge, GA, Bd.79, hg. von Petra
Jaeger, FFM 1994; Vortrag: Das Ding, p5-23, hier: p22f.
- Exemplarisch
Wolfgang Schirmacher, Ereignis Technik, Wien 1990, p228-245; p228:
"Die Dialektik des Technikwissens beginnt mit der Maschine. Als
deren Negation erscheint der Mensch." [...] "Daher muß die
Kunstmaschine Technik eine Lebensweise sein. Als Künstlichkeit
zeigt sich die Natur des Menschen."
- ebenso, p228.
Kybernetik fußt m.E. gerade nicht mehr auf einer wie auch
immer verstandenen Auslegung des homo mensura - Satzes.
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