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Jochen Winterer
Das Denken des Menschen in der Wiederholung des Gleichen
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"Wenn die
Entdeckung der Wiederkehr das Ende der Philosophie ist, ist das Ende des Menschen dagegen
die Wiederkehr des Anfangs der Philosophie."
Michel Foucault, Die
Ordnung der Dinge
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Einleitung
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"Als
lebende Beobachter - man könnte auch sagen: als innere Zeugen des eigenen Lebens -
übernehmen die Individuen im entstehenden Individualismus die Optik einer Fremdsicht auf
sie selbst und ergänzen so ihre interfaziale Sphärenöffnung durch ein zweites
Augenpaar, das nun merkmürdigerweise ihr eigenes noch einmal ist. Damit beginnt die
Geschichte des Menschen, der allein sein können soll und will."
Peter Sloterdijk, Sphären
I, Blasen
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Mit dem Aufbrechen
der Repräsentation, mit jener Transformation, die sich im Übergang
von der Klassik hin zur Moderne vollzieht, erscheint, so Michel
Foucault, eine neue Figur auf der epistemologischen Bühne: der Mensch.
Stand noch in der Klassik eine diskursive Formation im Zentrum des
Denkens, welche in Gestalt der Repräsentation die gegenseitige Entsprechung
der Dinge und des Denkens, der Natur und der menschlichen Natur
entfaltete, kurz: den Zusammenhang des Ich bin und des
Ich denke regelte, so tritt nun der Mensch in dieses
Zentrum. Jedoch konstatiert Foucault mit dem Erscheinen des Menschen
auch schon die Ankündigung seines Verschwindens. Dieses Verschwinden
des Menschen deutet sich an in der zentralen Bewegung des modernen
Denkens, welches sich in der Form eines Denken des Gleichen charakterisiert.
Diese Bewegung Foucault bezeichnet sie auch als eine Enthüllung
des Gleichen führt zu jenen Doppelungen des Menschen, die
sich in der Überschrift des 9.Kapitels seines Buches Die Ordnung
der Dinge ankündigen.
Das Denken des Gleichen wird im Laufe des Kapitels an vier Segmenten
verdeutlicht, dem anthropologischen Viereck, wie Foucault
am Ende des Kapitels ausführen wird. Es sind dies die Analytik
der Endlichkeit, das Empirische und das Transzendentale,
das Cogito und das Ungedachte sowie das Zurückweichen
und die Wiederkehr des Ursprungs. In deren Durchführung lassen
sich zwei zirkuläre Bewegungen erkennen: zum einen fällt jede einzelne
Bestimmung, jedes einzelne Segment in einen zirkulären Prozeß des
sich selbst begründenden Grundes; zum anderen fallen alle vier Segmente
am Ende in einer kreisförmigen Gestalt zusammen, die sich aus der
Wiederholung des Gleichen, genauer: aus der Wiederkehr ergibt.
Im folgenden soll es um eine Ausarbeitung dieser zwei zirkulären
Formen gehen; und so um ein Denken, das sich in Wiederholungen einrichtet
und verfängt. Desweiteren sollen in einem Rückblick auf das Betrachtete
Fragen aufgeworfen werden, die sich aus der Abhandlung im Bezug
auf die Aspekte der Zeit, sowie auf die Frage: Was ist der Mensch?
ergeben.
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von der Entfaltung zur Einfaltung
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"Ein Mann
ohne Eigenschaften besteht aus Eigenschaften ohne Mann"
Robert Musil, Der Mann ohne
Eigenschaften I
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Die erste Formation,
an der das Denken des Gleichen aufgezeigt wird, ist die der Analytik
der Endlichkeit: Mit dem Zerfall der Repräsentation, welche
für die Klassik eine Beständigkeit der Entsprechungen und somit
ein Seinskontinuum garantierte, erfährt der Mensch in den Wörtern,
in den Organismen und in den hergestellten Gegenständen deren je
eigenes Sein. Der gemeinsame Ordnungsraum, von dem aus die repräsentativen
Beziehungen geregelt wurden, seien es nun Beziehungen der Identität
oder der Differenz, dieses kontinuierliche Tableau zerbricht. Den
Dingen selbst wird nun eine innere Ordnung abgerungen.
Diese Verschiebung markiert die zentrale Stelle eines Umbruchs der
Inbeziehungsetzungen und läßt sich, vielleicht zu abstrakt, wie
folgt charakterisieren: Von der Identität/Differenz der Elemente,
die einen Zusammenhang der Organisationsformen untereinander ermöglichten,
erfolgt eine Umwendung hin zur Identität der Beziehungen zwischen
den Elementen einer Organisationsform.
Mit dem Aufkommen einer Philologie, einer Biologie und Ökonomie
werden diesen neu entstandenen wissenschaftlichen Feldern die Begründungen
ihres je eigenen Erkenntnisgegenstandes abverlangt. Sie sind nun
vor die Aufgabe gestellt, aus sich selbst heraus auf ihr je eigenes
Sein zu verweisen und finden sich so aus dem Zusammenhang mit den
anderen Seinsweisen herausgestellt. Zugleich taucht mit diesen unterschiedenen
Seinsweisen der Mensch als dasjenige auf, was in diesen Bestimmungen
seine konkreten Ausformungen findet: "Die Seinsweise des Lebens
[... ist, J.W.] mir fundamental durch meinen Körper gegeben.
Die Seinsweise meiner Produktion [... ist, J.W.] mir durch
mein Verlangen gegeben. Die Seinsweise der Sprache [... wird, J.W.]
mir nur entlang der feinen Kette meines sprechenden Denkens gegeben."
Eine Analytik der Seinsweise des Menschen wird also von diesen,
ihm zugänglichen Positivitäten ausgehen. Der Mensch wird sich sein
eigenes Sein nur im Verhältnis, also relational zu den ihm positiv
zugänglichen Dingen, die eigentlich in einem Außen in einer
anderen Seinsweise statthaben, denken. So erfährt die ordnungsstiftende
Repräsentation der Klassik eine Wandlung, in der sie von einer Ebene
außerhalb der Dinge in diese hineingenommen wird und dort einen
inneren Raum erzeugt, der für den Menschen in einem Außen liegt:
Die Repräsentation fällt vom Sein ins Bewußtsein. In diesem (Auseinander)fallen
der Repräsentation wird in eins dem Bewußtsein seine eigene Genese
abgerungen, indem es sich im Verhältnis zu den Dingen selbst hervorbringen
muß. Somit wird auch die Ordnungsstiftung dem Bewußtsein überantwortet;
es hat in den Dingen Regeln und Gesetze an den Tag zu bringen, die
sich im Bewußtsein als Wirkungen auf dieses Bewußtsein ablesen lassen.
Die Wahrheit eines in der Repräsentation geregelten
Ich denke, also bin ich, verschiebt sich zu einer Wirkung
eines Ich bin, das nicht mehr einem Ich denke
entspricht, sondern sich in diesem äußert.
Jedoch verweisen diese Positivitäten mein Körper, mein
Verlangen, mein sprechendes Denken auf eine dem Leben,
der Arbeit und der Sprache eigene Geschichte. In der Erfahrbarkeit
der Positivitäten kündigt sich dem Menschen eine diesen eigene Endlichkeit
und Begrenztheit an. Die Erfahrung eines Seins der Sprache, eines
je eigenen Seins des Lebens und der Arbeit läßt den Menschen sein
eigenes Sein erkennen; zugleich erkennt er aber auch deren Endlichkeit
und so, in einer Verdoppelung, seine eigene. Das Sein und die Endlichkeit
des Menschen sind jedoch paradoxerweise gerade nicht bestimmt. Sie
sind in ihrer Begrenztheit nur in den Dingen erfahrbar, finden ihre
Bestimmung nur in der Verdopplung. So gerät die versuchte Entfaltung
des Menschen aus sich selbst erstaunlicherweise zu einer Einfaltung
der Dinge. Diese Faltung, diese Doppelung in einem Außen führt zu
dem zentralen Gedanken des Gleichen.
"Man sieht, wie die moderne Reflexion beim ersten Verlocken
dieser Analytik die Aufteilung der Repräsentation mit ihrer Entfaltung
in einem Bild, so wie es das klassische Wissen ordnete, sich zu
einem bestimmten Denken des Gleichen wo der Unterschied
dasselbe ist wie die Identität umwendet." Das fundamental
Gegebene wiederholt sich als Positivität und so als Differentes;
es wird jedoch als ein Identisches gedacht, ist in der Reflexion
immer nur als Identisches, als das Selbe (Gleiche) überhaupt erreichbar,
begreifbar.
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die Leerstelle als Schnittstelle
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"Subjekt
ist eine Denkfigur der Inkorporation der Beziehungen, die das Dispositiv als Kreuzung
aller möglichen, erdenklichen und vorstellbaren Relationen dem intentionalen Akt ihrer
Vergegenwärtigung einschreibt."
Hans Ulrich Reck
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Mit dem Fall
der Repräsentation vom Sein ins Bewußtsein verschiebt sich auch
der Ort der Reflexion. Diese hat nun gerade nicht mehr im Raum der
Repräsentation statt, jener Ebene, welche die Entsprechungen der
Seinsweisen regelte.
Die Analyse verschiebt sich auf den Menschen und dessen Bedingungen
der Möglichkeit des Erkennens eben auf/in dessen Bewußtsein.
Das Empirische und das Transzendentale geraten in den Blick
Foucaults. Der Mensch ist ein Wesen, "[...] in dem man Kenntnis
von dem nimmt, was jede Erkenntnis möglich macht." Der Zugang
zu diesen Bedingungen der Erkenntnis liegt jedoch in den Positivitäten;
in einem Außen insofern, als daß eben der Mensch sich selbst nur
in diesem Außen, in seinen eigenen Ausformungen erreicht. Das Außen,
dieses Doppel das Gleiche verdoppelt sich nun ein
weiteres mal: zum einen wird die Frage nach den Bedingungen des
Erkennens an eine Natur des Menschen, zum anderen an seine Geschichte
gestellt werden.
Die Suche nach einer Grundlage der Erkenntnis, nach einer Wahrheit,
die es zu entdecken und zu entfalten gilt, führt in der Folge zu
einer Teilung eben dieser Wahrheit. Der Mensch muß sich dergestalt
entweder als wahres Objekt begreifen, welches die Möglichkeit eines
wahren Diskurses bereitstellen wird; oder er begreift sich als konstituiert
innerhalb eines wahren Diskurses, welcher dann ein wahres Objekt
garantiert.
Es zeigt sich, daß eine Begründung der menschlichen Wahrheit,
entweder aufgrund eines wahren Diskurses oder aufgrund eines wahren
Objekts, nur in gegenseitiger Bedingung erfolgen kann. An die Schnittstelle
dieser beiden Wahrheiten, sozusagen als das, was eine Verknüpfung
von Natur (als wahres Objekt) und Kultur (als wahrer Diskurs) ermöglichen
soll, tritt nun das Subjekt. In der Analyse eines subjektiven Erlebens
nötigt eine Phänomenologie so das Subjekt, die Wahrheit zu sagen.
Ihm wird die Aufgabe zuteil, als Empirisches zu sprechen und zugleich
die Bedingungen der Möglichkeit dieses Sprechens mit auszusagen.
Die "empirisch-transzendentale Dublette" Mensch (Foucault)
kreist dergestalt zwischen Natur und Kultur als Drittes, welches
dem Anspruch zu genügen hat, in seinem Körper sowohl mit einer evidenten
Natur als auch mit einer bedeutungsgeladenen Geschichte zu kommunizieren.
Doch ruht eine so generierte menschliche Wahrheit des
Subjekts immer schon auf dem Boden eines wahren Menschen,
der sich gesetzt hat. Denn auch für diesen Zugang, der über ein
Erlebtes die Wahrheit ans Licht bringen soll, bleibt die Voraussetzung,
daß er sich an ein Empirisches wenden muß. In diesem Positiven,
in diesem Außen ist der Mensch immer schon das Doppel, immer schon
in der Form des Gleichen. So bleibt auch die Phänomenologie in ihrer
Analyse des Erlebten dem Außen, den Ausformungen verhaftet.
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Exkurs: von was ist das Doppel das Doppel?
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"Ist es
nicht kälter geworden?"
Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft
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An dieser Stelle
angelangt stellt sich die Frage nach dem Original, von dessen Kopie
Foucault schreibt, und das ihm allem Anschein nach im Fortgang seiner
Analyse aus den Händen geglitten ist. War zumindest zuanfangs der
Eindruck entstanden, daß Foucault noch implizit von diesem Original
ausgegangen war die Überschrift des Kapitels spricht deutlich
vom Menschen und seinen Doppeln, und auch der Platz des
Königs beinhaltete zumindest im Motiv des Spiegels noch so etwas
wie ein Aufschimmern dessen, was die Ausführungen vorantrieb
so kündigt sich am Ende der Ausführungen zum Empirischen und
Transzendentalen eine Drift an, die den Schreiber nur noch mit
seinen beschriebenen Doppeln zurückläßt.
Die Transformation, die sich im Aufbrechen der Repräsentation ereignet,
führt gerade nicht nur zu einer Verschiebung der Ebenen.
Wurde bisher von einem Fall der Repräsentation vom Sein ins Bewußtsein
gesprochen, so zeigt sich nun, daß in diesem Bruch auch ein Umstellen
von der Was-Frage hin zur Wie-Frage vollzogen
wurde; was wiederum nichts anderes bedeutet, als daß auch das Reflektieren,
die Art und Weise der Reflexion sich neu formiert. War diese in
der Klassik noch in der Repräsentation aufgehoben und konnte dort
ihre Entsprechungen, ihre Verweise auf anderes entfalten, so scheint
mit dem Aufbrechen der Repräsentation gerade die Frage nach dem
Was, also die Frage nach dem, was sich in seinen Entsprechungen
und Verweisen wiederfindet, verunmöglicht. Anders ausgedrückt: "Vernunftgemäße
Umwandlung der Natur bedeutet, daß die Reflexion das sich
zum Verschwinden bringt, d.h.: Die Reflexion kehrt sich gegen die
Reflexivität. Diese Feststellung ist mehr als ein Wortspiel. Es
tritt darin ein Widerspruch zutage, der am Ende auf die Selbstaufhebung
der Reflexion hinausläuft."
Zu einem ähnlichem Ergebnis kommt der Philosoph Thomas Metzinger
in seiner Schrift zur Frage, ob man eine naturalistische Perspektive
auf die Subjektivität des Mentalen einnehmen kann. Anhand der drei
großen Problemfelder, die sich aus dieser Frage ergeben das
Problem der Qualia, das Problem des Bewußtseins und das des phänomenalen
Selbst schlägt Metzinger Lösungsversuche vor, die sich an
einem naturalistischen Modell der Philosophie des Geistes orientieren.
So siedelt er in einer "genetisch determinierten Neuromatrix"
(Metzinger) eine Meta-Repräsentation an, der die Grundlage der Erzeugung
der oben genannten Phänomene verantwortet wird. Dieses Raster generiert
so ein Selbst, ein Bewußtsein und die essentiellen Gehalte einzelner
Empfindungen, wie z.B. dasjenige der Farbe Rot, ohne daß die Genese
selbst noch einmal mitrepräsentiert wird, bewußt wird.
Die Abbildungserzeugung bleibt so unbewußt, und zwar deshalb, weil
Metzinger hier einen zeitlichen Auflösungsgrad für die Meta-Repräsentation
annimmt, der eben einfach zu schnell ist, um noch bemerkt zu werden.
"Sie [die metarepräsentierende Funktion, J.W.] würde
durch »reflexive« Operationen auf bestimmten inneren Zuständen höherstufige
Repräsentate erzeugen, die selbst unbewußt bleiben, aber
ihrem Gehalt die fragliche Qualität verleihen." Das erlebte
Gefühl, das Bewußtsein und meine erlebte Identität werden so als
Ausformungen eines nervösen Netzwerks beschreibbar und zumindest
potentiell auch verortbar. Doch Ausformungen von was? In dem Versuch,
ein naturalistisches Modell zur Beschreibung einer mentalen Subjektivität
zu finden, wird der Ausgangspunkt zur Illusion Qualia, Bewußtsein
und das Selbst geraten zu einer Fiktion durch den Umstand, daß das
Raster, das die Homogenität dieser Erfahrungen garantiert, sich
dem einzelnen nicht als Modell darstellt, nicht als Modell bewußt
wird.
Metzinger beschließt dann auch seinen Artikel mit der Aufforderung:
Was es zu erklären gälte ist, wie "[die, J.W.] Entstehung
einer unhintergehbaren Ich-Illusion, die im Grunde gar keine ist,
weil sie niemandes Illusion ist" zustandekommt.
Das Durcharbeiten und Sich-Abarbeiten, das hier von Michel Foucault
vorgeführt wird, läßt sich wohl mit der Situation desjenigen Forschers
vergleichen, der am Strand eine ihm unbekannte Spur erkundet. Nach
dem Durchspielen der ihm sämtlichst zur Verfügung stehenden Verfahren
und dem Anwenden jeglicher vorhandener Mittel muß er sich eingestehen,
daß es sich um seinen eigenen Fußabdruck handelt.
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der Sinn und das Andere
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"Die
befristete Täuschung ist unser Teil"
Peter Fuchs, Die Umschrift
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Foucault zeigt,
wie dieses Hinaustreten in ein Außen zu einem Umschlagen der Bewegung
führt. Das Aufbrechen der Annahme, daß ich bin, was ich denke legt
eine Seinsweise des Menschen nahe, in der er auf ihm unbekannte
Weise in dem wohnt, was ihm entgeht. Um mit Musil zu
sprechen führt das Erkennen in einem Außen zu der Einsicht, daß
der Mensch nur halb sich selbst gehört, die andre Hälfte ist Ausdruck.
Und diese Einsicht leitet über zur dritten Formation: Das Cogito
und das Ungedachte. Es ist dies die Frage nach derjenigen Hälfte
des Menschen, um die er zwar weiß, die er aber in einem Außen immer
schon verkannt haben wird. Es taucht auf nahezu notwendige Weise
ein Denken auf, das sich ob dieses Wissens um das Verkennen an das
Ungedachte richten muß. In der Einsicht, daß es dem Ich gerade nicht
gelingt, der ständige Begleiter seiner Gedanken zu sein, wie dies
Kant noch gefordert hatte, tritt neben das Denken das Andere, welches
es nun zu denken gilt. So wird es nicht mehr darum gehen, daß der
Mensch sich in einer Natur oder Geschichte verdoppelt. Diese neuerliche
Dopplung betrifft eine Dualität, einen Zwilling wie Foucault sagt,
der in der Einsicht in das Ungedachte plötzlich neben dem Menschen
auftaucht.
In der Folge werden die transzendentale Phänomenologie Husserls
und die Psychoanalyse Freuds ihre Fragen nicht mehr an ein vorausgesetzt
wahres Subjekt stellen. Sie vollziehen damit eine Umwendung, die
einen inneren Horizont des Menschen offenlegt und den Blick auf
ein Unbewußtes und Implizites richtet. Dabei verschiebt die transzendentale
Phänomenologie das Kant´sche Vor-Sich-Kommen hin zu
einem Sich-Vorkommen als Ausdruck eines inneren Horizonts
von Möglichkeiten; entsprechend wird die Psychoanalyse durch den
Traum das Sich-Vorkommen als Ausdruck unendlicher Tiefe
zu deuten lernen. Beide Versuche, das Ungedachte zu denken, kommen
jedoch nicht umhin, den Ausdruck in Beziehung zu setzten zu einem
äußeren Horizont dieser wird dann entweder mit Welt oder
mit Sinn übersetzt werden. Der Ausdruck, welcher so eigentlich auf
das Andere verweisen sollte, wird nun in derselben Art und Weise,
wie dies zuvor dem Zu-Denkenden wiederfuhr, relational zu einem
Außen, einem Doppel gedacht. Der Ausdruck, das Ausgedrückte verkommt
infolge der Inbeziehungssetzung zu einem Außen zu einer Form. Der
sich so in Verhältnissen wiederfindende Ausdruck erweist sich aufgrund
der fruchtbaren Beziehung zu einem gedachten Sinn gerade nicht mehr
als das Andere, das Unbewußte, das An-Sich. "Im Herzen der
Logik des Sinns begegnet man immer wieder diesem Problem, dieser
unbefleckten Empfängnis als Übergang von der Unfruchtbarkeit zur
Genese." Das Problem des Sich-Vorkommens wird durch
die Phänomenologie Husserls ebenso wie durch die Psychoanalyse Freuds
in der Lösungsform des Vor-Sich-Kommens verhandelt.
"Noch grundlegender dringt das moderne Denken vor in jene Richtung,
in der das Andere des Menschen das Gleiche werden
muß, das er ist."
Das Denken nötigt auch in dieser dritten Formation demjenigen, das
es zu denken gilt die Form des Gleichen auf: "Es läßt sofort
das in Bewegung geraten, was es berührt: es kann das Ungedachte
nicht entdecken oder wenigstens in seine Richtung gehen, ohne es
sofort sich selbst anzunähern [...]."
Doch wird mit diesem Versuch, das Andere zu denken, auch deutlich,
daß mit jedem mal, in dem das Denken anheben wird, dieses Andere
zu denken, ein neues Anderes, Ungedachtes neben dem Cogito auftauchen
wird.
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Riß oder Kreis?
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"Die
Denken, bis es wehtut"
Bernd Ternes, Soziologische Marginalien
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Die Wiederholung
des Ungedachten bleibt unendliche Aufgabe des modernen Denkens.
Der relationale Charakter der Bestimmung des Seins des Menschen,
der auch in dem Versuch, sich dem Anderen über ein Denken des Gleichen
anzunähern, an den Tag tritt, bleibt dem modernen Denken unhintergehbar.
Dieses sich immer nur in Verhältnissen wiederfindende, wieder-holende
Denken wirft so die Frage nach dem Ursprung auf als Folge
der Aussicht, in der Frage nach dem Ursprung den Ort aufzufinden,
der vor jeder Trennung des Cogito und des Ungedachten
liegt und dadurch sich der Trennung entzieht. In der letzten Formation,
dem Zurückweichen und der Wiederkehr des Ursprungs, schließt
Foucault so den Zirkel der Wiederholungen:
Auf der Suche nach dem Ursprung treten wieder diejenigen Dinge in
den Blick, die in ihrer Historizität dem Menschen anzeigen, daß
sie lange vor ihm begonnen, ihren eigenen Ursprung haben: die Arbeit,
das Leben, die Sprache. Kündigen diese jedoch in ihrer eigenen Geschichtlichkeit
ihren je eigenen Ursprung an, und sind diese Ursprünge zumindest
als mögliche vorhanden, wenn auch nicht zugänglich, so zeigt sich
der Ursprung des Menschen nur über eine Vermittlung von Arbeit,
Leben und Sprache. Durch jenen, nur in einer Vermittlung möglichen
Ursprung, welcher dergestalt nicht mehr der Ursprung des Menschen
sein kann, gerät dieser zu einem Unmöglichen. "Weit entfernt
davon, zu einem realen oder virtuellen Gipfel der Identität zurückzuführen
oder auch nur darauf hinzuzielen, weit entfernt davon, den Moment
des Gleichen anzuzeigen, indem die Dispersion des Anderen
noch nicht am Werke war, ist das Ursprüngliche im Menschen das,
was von Anfang an ihn nach etwas anderem gliedert als ihm selbst."
Die Trennung von Arbeit, Leben und Sprache, die in ihrer jeweiligen
Erfahrbarkeit sich dem Menschen als Zeitgenossen geben, diese Trennung
also läßt den Ursprung des Menschen als einen Moment hervortreten,
welcher ihn aus der Zeit herausstellt. Dem Denken erwächst durch
den Ursprung und der mit diesem Ursprung verbundenen Zeit die Aufgabe,
das, was den Menschen nach etwas anderem gliedert, in Frage
zu stellen, und so die Zeit in Frage zu stellen. Die Unmöglichkeit
des Ursprungs des Menschen wird zu einer zeit- und geschichtslosen
Unmittelbarkeit, aus der die Zeit erst hervorgehen wird. Das Denken
hat eine Ebene zu denken, aus der die Zeit und der Ursprung erst
noch erstehen und sich so den Dingen und dem Denken aufschreiben
werden.
In dem Versuch, das Ursprüngliche des Menschen zu denken, ergibt
sich an diesem Punkt eine Umkehrung, die den Ursprung als immer
noch zu Denkendes erscheinen läßt; in dieser Umkehrung wird der
Ursprung somit in eine Zukunft versetzt. Es zeigt sich, daß auch
in der vierten Formation, in dem Versuch das Ursprüngliche zu denken
eine Doppelung auftritt, die der Wiederholung, dem Denken des Gleichen
geschuldet ist. Jedoch erfährt hier das Denken des Gleichen eine
Verschiebung, die von jenem Punkt herrührt, an dem das Denken das
Denken des Menschen als noch zu Erreichendes begreift:
Das Denken wieder-holt sich als ein Zukünftiges; die Wiederholung
wird so entweder zur Wiederkehr, in welcher das noch zu Denkende
sich dem Gedachten annehmen wird und es so in seiner ganzen Fülle
zur Vollendung bringt: der Kreis der Wiederholungen schließt sich.
Oder die Wiederkehr wird zu einem Riß ohne Chronologie und ohne
Geschichte; zu einem unmittelbaren Ursprung, welcher dem Denken
es ermöglichen wird, aus seinem eigenen Nichts heraus von neuem
zu beginnen, zu sich selbst zu finden.
Die Suche nach dem Ursprung führt so zu jener Bewegung zurück, die
mit der Analytik der Endlichkeit zum ersten mal anhebt und
sich im Laufe der Abhandlung immer wieder zwischen den Doppeln wiederholt.
Diese Bewegung der Wieder-holung ist es, die sich dafür verantwortlich
zeigen wird, was zwischen dem Menschen und seinen Doppeln auftaucht:
die Zeit. "Aber diese Endlichkeit [...] erscheint jetzt auf
einer fundamentaleren Ebene: sie ist die unüberwindliche Beziehung
des Seins des Menschen zur Zeit."
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Zeit und Schluß
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"Die
Geschoßbahn der Frage: Was ist der Mensch? auf dem Feld der Philosophie vollendet sich in
der Antwort, die diese zurückweist und sie entwaffnet: der Übermensch."
Michel Foucault,
unveröffentlichte Einleitung zur Übersetzung von Kants 'Anthropologie in pragmatischer
Hinsicht'
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Was als zentraler
Aspekt des Denkens des Gleichen an den Tag tritt, ist die Wiederholung.
Die Wiederholung eröffnet einen Raum zwischen den Doppeln, zwischen
den Gleichen: das Und. In diesem Raum, in diesem Dazwischen
entsteht die Zeit, die sozusagen zwischen dem Doppel und demjenigen,
was sich in dem Doppel wieder-holt, vermittelt.
So wird die Zeit zum Prüfstein der Frage: Was ist der Mensch? Durch
die Zeit gerät dasjenige, was sich als ein Doppel wieder-holen läßt
zum Gleichen und gerade nicht zum Selben. So beschreibt Foucault
in der Wiederholung den zentralen Wechsel von der Identität von
Differenz und Identität hin zur Differenz von Identität und Differenz:
Die Zeit, die sich in der Wiederholung einstellt, hindert den Menschen
daran, zu sich zu kommen, identisch mit sich selbst zu sein.
Das Verschwinden des Menschen zeichnet sich so ab in den Wiederholungen,
in einem Denken des Gleichen und ist der Zeit geschuldet. Mit diesem
Verschwinden eröffnet sich für Foucault jedoch eine Leere, die "[..]
nichts mehr und nichts weniger [ist, J.W.] als die Entfaltung
eines Raums, in dem es schließlich möglich ist, zu denken."
Doch ergeben sich in Bezug auf diese Leere Fragen, da sich mit den
Ausführungen zum Ursprung Möglichkeiten des Habhaftwerdens der Zeit
einzustellen scheinen, in einem zeitlosen Riß das Denken zu sich
kommen soll: Ist die Leere, die nach Foucault einen Raum entfaltet,
in der das Denken wieder möglich ist, tatsächlich dieselbe Leere,
dasselbe Nichts, von dem aus Nietzsche den Menschen zu denken sucht
und den Übermenschen findet? Oder anders formuliert: Ist Foucault
tatsächlich bereit, wie dies Gilles Deleuze in seinen Ausführungen
zu dem Werk Foucaults beschreibt, die Frage nach dem Menschen mit
dem Übermenschen zu beantworten?
Es liegt zunächst nahe, den Riß, den Foucault in seinen Ausführungen
zum Zurückweichen und zur Wiederkehr des Ursprungs beschreibt,
als eine Weise des Denkens zu fassen, die zum einen nicht hinter
die gezogene Linie von einer Differenz von Identität und Differenz
zurückfällt; die aber zum anderen eben auch einen Ausweg zu bieten
scheint aus dem Hin- und Hergewogen-Werden, dem Oszillieren in Wiederholungen,
dem Anthropologischen Schlaf (Foucault). Das Aufwachen aus
diesem Schlaf wäre dann durch eine Tötung der Zeit zu erreichen,
um diese zu begründen.
So greift dann auch Deleuze in seinem Aufsatz: Der Mensch, eine
zweifelhafte Existenz auf die Metapher von dem Riß zurück, um
das von Foucault geforderte Denken in/aus einer Leere zu explizieren:
"Tatsächlich fordert uns die Analytik der Endlichkeit nicht
dazu auf, die Wissenschaft vom Menschen zu betreiben, sondern vielmehr
dazu, ein neues Bild des Denkens zu entwerfen:[...] ein Denken,
das von sich aus in Beziehung zum Dunkel steht und in seiner ganzen
Länge von einem Riß durchzogen wird, ohne den es sich doch nicht
entfalten könnte. Dieser Riß kann nicht beseitigt werden, weil er
selber der höchste Gegenstand des Denkens ist: der Mensch vermag
ihn weder zu beseitigen noch zu kitten, weil er im Menschen das
Ende des Menschen oder der Ursprung des Denkens ist. Das Cogito
eines aufgelösten Ich ..."
Doch gibt Foucault am Ende des 9.Kapitels einen Hinweis, daß dieser
Schlaf mit keinem anderen Mittel überwunden werden kann, "[...]
als das anthropologische »Viereck« bis in seine Grundlagen hin zu
zerstören." Hier scheint es zumindest so, daß Foucault eben
auch den Riß nicht als einen Ausweg anerkennt, zumal dieser auf
eine Linie verweist, die vom Menschen zum Übermenschen verläuft.
Man hat den Eindruck, daß Foucault die Frage nach dem Menschen selbst
verwerfen muß, will er nicht mehr nur anderen Ausformungen, die
nach dem Tode des Menschen ihren Auftritt haben werden, das Wort
reden. Die Hoffnung, die Deleuze in die Ankunft einer neuen Form
nach Gott und nach dem Menschen setzt, und sei die
Hoffnung auch nur, "[...] daß sie [die Form, J.W.] nicht
schlimmer sein wird als die beiden vorausgehenden.", ist seine
eigene, nicht diejenige Foucaults. Der Raum, der durch die Zeit
ersteht und derjenige, in dem Foucault ein neues Bild des Denkens
verortet, sind dann nicht dieselben. Wenn also der Tod des
Menschen die Wiederkehr des Anfangs der Philosophie ist, so
stellt sich an dieser Stelle die Frage: Was ist Philosophie?
Kann diese sich noch nach der Ordnung der Dinge in irgendeiner
Form um den Menschen bemühen?
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