Die
Arbeitsgruppe "menschen formen" besteht seit dem Herbst
1998 und ist damals aus einem Seminar am Institut für Soziologie
der FU Berlin hervorgegangen, das sich mit der "Einführung
in das Denken Hans Peter Webers" der Frage- und Themenstellung
gewidmet hatte, wie einem konstatierbaren "theoretischen Stillstand"
von Kritischer Theorie, Konstruktivismus, Systemtheorie, Dekonstruktivismus
und Differenzphilosophie entgegenzuhalten ist.
Den weiteren Hintergrund der AG menschen formen bildet der im Rahmen
der Historischen Anthropologie vorgetragene Grundgedanke Dietmar Kampers,
wonach der Mensch "sich selbst und den anderen eine offene Frage
ist und bleibt, die durch keine Antwort abgeschlossen werden kann.
"Ein Begriff vom Menschen, der es erlaubt, die Unmöglichkeit
eines Begriffs vom Menschen begrifflich nachzuweisen, steht noch aus."
Angesichts der Antworten, die mit der einen Frage
"Was ist der Mensch" bereits vorgegeben sind, angesichts
der Grausamkeit und des Leids, die ein sich selbst setzender Mensch
mit der Bestimmung, was Nicht-Mensch ist, hervorruft, jedoch auch
angesichts der Zumutung, jenseits des genetischen Codes zum Menschen
nichts mehr zu sagen zu haben, wäre die Anstrengung durchzuhalten,
"Fragen (zu) stellen, ohne sie mit den bereitgestellten Antworten
zurückzuweisen."
Versucht wird, sich auf diese Spannung hin zu sensibilisieren, dem
statthabenden theoretischen Stillstand zu ent-/begegnen, den "anthropologischen
Schlaf" zu überwinden. Versucht wird, sich den Zumutungen
sowohl der Frage nach dem Menschen als auch seiner Beschreibung
zu widersetzen.
Angesichts eines allgemeinen jahrhundertelangen forcierten
Ermächtigungsbestrebens abendländischer Zivilisationsgesellschaften,
momentan eines Fortschreitens der Gentechnologien in entwickelten/sich
entwickelnden Simulations- bzw. Kontrollgesellschaften (Baudrillard,
Deleuze) im Zusammenspiel mit der Theorie eines gesellschaftlichen
Imaginären (Dietmar Kamper) und der Deleuzeschen Frage, welche
neuen Kräfte des Außen welche neue Menschen-Form entstehen
lassen, setzt das Projekt menschen formen genau an der Stelle an,
an der Formen des Menschen anfangen, Menschen zu formen.
"Es ist davon auszugehen, daß die Bestimmung
des Menschen und die Bilder vom Menschen, eines sich selbst setzenden
Menschen, dazu führen, dasjenige abgrenzen und bestimmen zu
können, was (oder auch: wer) 'Nicht-Mensch' ist. Es ist davon
auszugehen, daß das Wirken (und Wohnen in der Natur) des Menschen
immer weiter in (dessen andere Seite:) die Nötigung/Notwendigkeit
gerät, daß dieses Wirken auch zugleich die Wirklichkeit
für den Menschen ausmacht. Es ist davon auszugehen, daß
in der Produktion der Bilder und Begriffe, die vom Menschen gemacht
werden, Artefakte entstehen, in denen der Mensch nicht mehr oder
nur formal verhandelbar ist...
Mit vorerst zumindest den folgenden Zumutungen als Konsequenz: jenseits
eines genetischen Codes zum Menschen nichts mehr zu sagen zu haben,
einen sich verselbständigenden zirkulären Prozeß
der Selbstbeobachtung errichtet zu haben, den Menschen in eine Systemumwelt
gestellt, sein Wirken (und seine Wirklichkeit) der Logik diverser
Funktionalitäten überantwortet zu haben, ein Verschwinden
des Menschen, einen 'anthropologischen Schlaf' (Foucault), zumal
in der zivilisatorischen Zurichtung und wissenschaftlichen Beschreibung,
bemerkt und festgestellt zu haben. (Die sich aufdrängende Frage,
die einen theoretischen Stillstand erahnen läßt, lautet:
Sind jene Theorien mit diesen Verlautbarungen an ihr Ende gekommen?)
Das Formen der Menschen beginnt Menschenformen zu formen.
Ist davon auszugehen, daß das, was mit der Festsetzung
und Aneignung des Anderen begonnen hat, auf eine mögliche Enteignung
des Eigenen hinausläuft?" (aus: "menschen
formen", Tectum Verlag, Marburg 2000)
Verlautbarungen, nach denen der Mensch zu überwinden
sei, oder die ein Verschwinden des Menschen konstatieren, Theoriezuschnitte,
die den Menschen in die Systemumwelt stellen, sein Wirken und seine
Wirklichkeit der Logik diverser Funktionalitäten überantworten,
Abbildungen des Menschen, die sich gegen den Menschen gerichtet
haben, eine Wirklichkeit, die laut Dietmar Kamper und Bernd Ternes
exzentrisch paradox geworden ist - ist man versucht, sich hier eine
Übersicht zu verschaffen, gerät man nahe an eine Aussichtslosigkeit.
Es wäre aber ratsam, der paradoxen Aussicht auf Aussichtslosigkeit
zu entkommen.
Ausgehend von der Feststellung, dass dies alles nicht
mehr alleine, in nur einem Kopf, zu denken ist, und dass das, was
zusammengedacht werden muss, auch nur noch zusammen (miteinander)
zu denken ist, ist dieses Forum eingerichtet worden, das die regelmäßigen
Treffen der Arbeitsgruppe ergänzt durch eine website, die der
Veröffentlichung von Texten und dem Gedankenaustausch dienen
soll.
Aufgrund eines Zustands, in dem das Wissen-vom-Menschen
an ein konkretes Erleben des Menschen, an eine Erfahrbarkeit kaum
mehr angeschlossen werden kann, stand von Beginn an auch das Bemühen,
den Abstraktionen ein Konkretes gegenüberzustellen. So wird
versucht einen Raum offen zu halten, in dem Theoriestücke als
Ausgangspunkte für eine Arbeit dienen, die ein Einholen von
künstlerischen, musischen Lebnissen ermöglichen und so
deren Inbeziehungsetzung mit sowohl Wissenschaft und Philosophie
sowie avancierten naturwissenschaftlichen Entwicklungen zulassen
kann. Nachdem das Räsonnieren über den Zustand soziologischer
und sozialphilosophischer Theoriebildung nach der Einsicht in die
Impotenz theoretischen Begreifens zu einer bestimmten ,praxisphilosophischen'
Resignation führte und gleichzeitig dazu motivierte, Ausschau
zu halten nach starken Gegenpositionen zur Theorieimpotenz-These,
nämlich nach der Differenzphilosophie in der Version Luhmanns
-- Theorie als invasiven Introspektion --, blieb für viele
als möglicher Zustand des Weiterdenkens nur noch ein exzentrisch
paradoxes Hinauskatapultieren aus den Räumen kategorialen Nachdenkens
übrig, das nun, im Horizont der Hans Peter Weberschen Theorie
der Physis, hoffentlich ohne Bemühung der doppelten Negation
wieder Haltungen sucht: ,erkennenstheoretisch' im kreaturalen Nachdenken,
sozioanthropologisch im rigorosen Glück, und gesellschaftstheoretisch
in der technogenen Nähe.
Die Colloquiumssitzungen der
Arbeitsgruppe menschen formen finden regelmäßig mittwochs
um 18-20 Uhr im Büro, Manteuffelstraße 20, in Berlin
statt.
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